Die Rückkehr als Randnotiz

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Applaus oder Pfiffe? „Ich rechne mit gar nichts“, sagt Klaus Allofs vor seiner Rückkehr nach Bremen: „Ich habe kein Drehbuch für diesen Tag.“ ·

Bremen / Wolfsburg · Naldo bekommt morgen seine Blumen. Als nachträgliches Lebewohl nach sieben Jahren bei Werder. Klaus Allofs geht leer aus. .

Er hat sich Anfang des Jahres im kleinen Kreis von seinen Kollegen aus der Werder-Chefetage verabschiedet. Die große Bühne zum verspäteten Adieu sucht niemand – weder Werder Bremen noch der zum VfL Wolfsburg abgewanderte Manager. Wenn sich die beiden Clubs morgen zum Bundesliga-Kellerduell im Weserstadion (18.30 Uhr) treffen , soll alles so normal sein wie möglich. Für Allofs (56) ist seine Rückkehr angesichts der angespannten sportlichen Lage beider Teams ohnehin nur eine „Randnotiz“ – siehe das Interview

13 Jahre lang waren Sie der professionelle, erfolgsorientierte Manager in Bremen. Werden Sie nun bei Ihrer ersten Rückkehr ins Weserstadion ausnahmsweise gefühlsduselig?

Klaus Allofs:Ich will keine großen Worte wählen. Es ist im Profi-Fußball ein normaler Vorgang, dass man – egal, ob als Spieler, Trainer oder Manager – einen Verein verlässt und irgendwann dahin zurückkehrt. So wird es Naldo und Diego am Samstag gehen – und mir eben auch. Natürlich machen die vielen Jahre in Bremen den Tag zu einer besonderen Situation. Ich komme in ein Stadion, das ich mitgeplant habe und werde viele gute Freunde treffen. Am Ende ist diese Rückkehr aber nur eine Randnotiz, es geht allein um das Spiel und die Punkte.

Und es wird nicht kribbeln, nochmal durch die Geschäftsstelle zu schlendern, in Ihr altes Büro zu gucken?

Allofs:Ganz sicher nicht. Da bin ich –  ich will nicht sagen unsentimental – eher realistisch. Ich habe Büro und Geschäftsstelle im November verlassen, weil ich mir sicher war, dass es die richtige Entscheidung ist. Dieser Auffassung bin ich jetzt immer noch.

Mittlerweile wird Ihnen in Bremer Fan-Kreisen vorgeworfen, Sie hätten die negative Entwicklung bei Werder erkannt und das sinkende Schiff verlassen.

Allofs:Ich habe damals die Offerte des VfL Wolfsburg bekommen, und aus verschiedensten Gründen habe ich mich entschlossen, sie anzunehmen. Das hat aber nichts damit zu tun gehabt, dass ich für Werder Bremen keine Zukunft sehe. Es ist eine persönliche Entscheidung gewesen, die wenig mit der sportlichen Perspektive in Bremen zu tun hatte. Ich hatte es als beste Entscheidung – in erster Linie für mich, aber auch für Werder Bremen – gesehen, dass wir getrennte Wege gehen. Aber ich habe es nie so gesehen, dass ich ein sinkendes Schiff verlasse und sehe es auch heute nicht so.

Trifft Sie dieser Vorwurf?

Allofs:Ich musste mir im Zusammenhang mit meinem Wechsel schon viele Dinge anhören. Ich weiß, dass ich nicht die totale Zustimmung erwarten kann. Das ist auch gar nicht mein Anspruch. Von daher trifft es mich nicht.

Bei Ihrem Abschied haben Sie behauptet, Sie würden in Bremen ein bestelltes Feld hinterlassen. Die Realität sieht anders aus. Werder schwebt in Abstiegsgefahr, der Kader erfüllt die Erwartungen bei weitem nicht.

Allofs:Ich stehe zu dem, was ich gesagt habe und bleibe dabei. Die Pläne für die Zukunft waren ausgearbeitet, der Umbruch eingeleitet. Dass da eine fertige Mannschaft auf dem Platz steht, die in den kommenden drei, vier Jahren unverändert zusammen spielen kann, habe ich jedoch nie behauptet. Es gab aber keinen Entscheidungsstau. Alle Dinge, die zu diesem Zeitpunkt hätten entschieden werden können, waren erledigt.

Sehen Sie sich – quasi per Langzeitwirkung – in der Verantwortung für die aktuelle sportliche Situation bei Werder?

Allofs:So wenig, wie ich mir die guten Bremer Spiele der jüngeren Vergangenheit an mein Revers geheftet habe, so wenig mache ich es jetzt, da es nicht gut läuft. Zu der Zeit, als ich die sportlichen Belange bei Werder mitbestimmt habe, habe ich auch die vollste Verantwortung übernommen. Jetzt kann ich das natürlich nur noch eingeschränkt machen. Was in den letzten Monaten dazu geführt hat, dass die Resultate in Bremen nicht so sind, wie man sich das erhofft hat, könnte ich nur von außen und deshalb nur unzureichend beurteilen. Auch deshalb halte ich lieber meinen Mund.

Dann sprechen wir über den VfL Wolfsburg. Dem geht es nicht viel besser als Werder, die Differenz in der Liga beträgt nur einen Tabellenplatz und zwei Punkte. Es scheint, als hätten Sie Bremen zwar verlassen, sind aber mit Ihrem alten Club im Leid weiter vereint.

Allofs:Ich sehe meine Situation beim VfL nicht als Leid. Ich wusste, was mich in Wolfsburg erwartet. Natürlich möchte man trotz aller Weitsicht und des Wissens, dass man nicht von heute auf morgen alles verändern kann, schneller mehr Punkte und Erfolgserlebnisse einfahren. Aber wir hatten das Erfolgserlebnis, dass wir im Pokal-Halbfinale waren. Das war schon mal eine gute Sache.

Schön, dass Sie es ansprechen. Da tut sich die nächste Parallele zu Werder auf. Wie die Bremer im Februar ist auch Wolfsburg vor drei Tagen bei Bayern München mit 1:6 untergegangen. Was bedeutet diese klare Niederlage für die Partie am Samstag. Wirkt sie nach?

Allofs:Nein, das bedeutet gar nichts, hat keinerlei Auswirkungen auf den Samstag. Das Ergebnis spiegelt auch nicht die Art und Weise wider, wie wir gespielt haben. Wir haben am Ende nicht intelligent gespielt, wollten retten, was nicht mehr zu retten war. Und haben noch drei Tore kassiert. Aber das 1:6 hat uns nicht geschockt, da bleibt nichts zurück.

Wie ernst ist für den VfL die Lage in der Liga, wie groß die Abstiegsangst?

Allofs:Wir müssen es nicht dramatisieren, müssen kein Schreckgespenst an die Wand malen. Aber natürlich ist diese Geschichte noch nicht geklärt. Solange theoretisch alles möglich ist, sind wir in Gefahr. Wir müssen aufpassen und auf alles gefasst sein. Dementsprechend müssen wir jede Chance nutzen zu punkten. Die nächste bietet sich in Bremen.

Ein Wolfsburger Sieg würde Werder ganz tief in den Schlamassel stürzen. Ein innerer Zwiespalt für Sie?

Allofs:Wenn es so käme, wäre das tatsächlich ein Wermutstropfen, das gebe ich zu.

Bei Werder steht Trainer Thomas Schaaf mit jedem sieglosen Spiel stärker in der Kritik. Hat er Ihr Mitleid?

Allofs: Thomas braucht mein Mitleid nicht. Es gehört nunmal zum Fußball dazu, dass man für Misserfolge genauso verantwortlich gemacht wird wie für Erfolge. Da muss ich ihm auch nicht zur Seite stehen oder ihn verteidigen. Das habe ich über viele Jahre gemacht. Das hätte jetzt vielleicht sogar einen negativen Effekt. Meine Meinung über Thomas Schaaf und seine Rolle bei Werder Bremen habe ich oft genug gesagt. Und daran hat sich nichts geändert.

Sprich: Sie halten ihn nach wie vor für den richtigen Mann am richtigen Ort?

Allofs:Zu der Zeit, als ich bei Werder in der Verantwortung war, konnte ich das immer mit vollster Überzeugung sagen. Weil ich jeden Tag mit ihm zusammen war, weil ich die Rahmenbedingungen kannte. Jetzt ist mein Insiderwissen schon einige Monate alt. Deshalb maße ich mir nicht an, zu sagen, wer der richtige Trainer für Werder ist.

Wie ist Ihr Eindruck von Thomas Eichin, Ihrem Nachfolger in Bremen?

Allofs:Auch das wäre eine Ferndiagnose. Wir haben uns einmal in Bremen auf Platz elf begrüßt, als unsere U 19 dort gespielt hat. Damals blieb es bei Guten Tag und Auf Wiedersehen. Danach haben wir uns auf der regionalen Managertagung in Hannover getroffen und drei, vier Stunden lang verschiedene Themen miteinander besprochen. Da hatte ich den Eindruck, dass er seine Sache gut macht.

Zurück zu Ihnen: Werden Sie sich am Samstag vor die Ostkurve stellen und sich nachträglich von den Bremer Fans verabschieden?

Allofs:Nein, das habe ich nicht vor. Ich komme nicht nach Bremen, um mich feiern zu lassen. Ich weiß auch gar nicht, ob bei den Fans das Verlangen da ist.

Sie rechnen eher mit Pfiffen?

Allofs:Ich rechne mit gar nichts. Ich habe kein Drehbuch für diesen Tag und werde es wie immer halten: Mit den Menschen, die freundlich sind und Interesse haben, sich zu unterhalten oder mich zu begrüßen, werde ich das machen. Und mit denen, die mir nicht freundlich gesonnen sind, habe ich keinen Bedarf, mich auszutauschen. Ich bin am Samstag da, um Punkte zu holen mit dem VfL. So ist das. · csa

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