Reinke - ein tierisches Vergnügen Teil 2

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Hallenfußball schlaucht: Andi Reinke (4.v.l.) mit den Freizeitkickern von K&K Suckow.

Doch diese Zeit ist Geschichte. Und deshalb ist Andreas Reinke auch in seine Heimat zurückgekehrt. Nur 20 Kilometer von Bölkow entfernt, in Krakow am See, wurde er 1969 geboren. „Hier ist meine Heimat, hier fühle ich mich wohl“, strahlt Reinke.

Er betreibt seine Landwirtschaft aus Passion und zum Eigenbedarf. Da er nie auf großem Fuß gelebt hat, zehrt er weiterhin von dem, was er als Spieler verdient hatte. Das Wettrennen der Profis um die größten Häuser und teuersten Autos hat er nie mitgemacht. Seit über zwölf Jahren fährt Reinke seinen grünen VW-Bus, mit dem er zu seinen Profistationen ins griechische Saloniki und auch nach Murcia in Spanien gefahren ist. „Für mich haben im Fußball immer andere Werte gezählt, wie Kameradschaft, Freundschaft, der Wille, etwas gemeinsam zu schaffen. Heute geht es doch nur noch darum, wer das dickste Tattoo am Arsch hat“, knurrt der Ex-Profi.

An „Bussi“, wie Reinke seinen Bus seit Jahren liebevoll nennt, schraubt er natürlich selbst. Genauso an seinen Motorrädern. Im Stall stehen seine gelbe Harley, die er seit 1996 fährt, sowie eine TS 150. „Die braucht dringend eine neue Batterie“, sagt Reinke.

Seine Leidenschaft für Zweiräder hat sein zweijähriger Sohn Pepe, den Reinke zusammen mit seiner zweiten Frau Kirsten hat, übernommen. Klar, dass daher im Wohnzimmer kein Schaukelpferd, sondern ein Schaukelmotorrad steht… „Am liebsten mag er aber Trecker“, schmunzelt Reinke und sagt stolz: „Pepe fetzt. Der ist einfach goldig drauf. Ich bin froh, dass er hier so unbeschwert aufwachsen kann. Hier kann er sich richtig ausrackern.“ Ganz der Papa eben.

Sofern es seine Zeit erlaubt, geht Andreas Reinke gerne Angeln. Auf Hecht am Parumer See. „Diese Ruhe ist einfach herrlich“, schwärmt der 40-Jährige. Beim Fischen hat er auch vor gut zwei Jahren den Entschluss gefasst, seine Karriere endgültig zu beenden. Nachdem sein Vertrag 2007 bei Werder nicht verlängert worden war, hatte er einige Angebote bekommen, die ihn aber nicht unbedingt begeistert haben. „Ich saß eines Abends auf meinem Steg, habe geangelt und in den Sonnenuntergang geschaut. Und da habe ich den Entschluss gefasst: Hier gehst du nie wieder weg.“

Schwergefallen sei ihm der Entschluss nach 16 Profijahren nicht. „Einerseits war ich bereits 38 Jahre alt, und auch die ganz große Überzeugung, wieder durch die Gegend zu tingeln, war nicht mehr da“, berichtet Reinke: „Es ist doch ein herrliches Gefühl, wenn man endlich einmal zum Geburtstag seiner Eltern gehen kann und nicht wieder irgendwo kicken muss.“

Horror-Crash gegen Stuttgart: Beim Zusammenprall mit Martin Stranzl wurde Andreas Reinke fast dsa komplette Gesicht zertrümmert

Hinzu kommt, dass er sein Glück nicht herausfordern wollte. Denn der Horror-Crash im Spiel gegen den VfB Stuttgart am 6. Februar 2006, als Martin Stranzl dem Torhüter mit dem Knie das komplette Gesicht zerschmettert hatte, ist bei Andreas Reinke allgegenwärtig. „Die Nase war völlig kaputt, Schädel und Stirnhöhle achtfach gebrochen“, berichtet Reinke. Ein paar Millimeter weiter, und ich hätte blind, behindert oder im schlimmsten Fall tot sein können.“ Die Ärzte hätten ihm damals gesagt, dass bei dem Zusammenstoß Kräfte gewirkt hätten, als sei Reinke frontal gegen einen Baum geknallt. Vor der knapp fünfstündigen Operation hatte Reinke im Krankenbett sein Testament gemacht. „Ich habe in meinem Schmerzwahn irgendwas auf den Zettel gekritzelt. Die waren sich nicht sicher, ob ich nach der OP überhaupt noch schreiben kann. Und mir war es wichtig, Dinge zu klären, bevor ich vielleicht nicht mehr weiß, wer ich bin.“

Noch heute leidet Reinke an Folgeschäden. „Ich habe häufig Kopfschmerzen. Der Geschmacks- und der Geruchssinn sind fast völlig weg.“ Als er vor einiger Zeit eine neue Pfanne auf den Herd stellte, um sich etwas zu brutzeln, hatte Reinke vergessen, die Folie vom Boden abzuziehen. „Mir wäre fast die ganze Küche abgefackelt, weil ich das einfach nicht gerochen habe. Das war schon heftig“, berichtet der ehemalige Torwart. Hoffnung auf Besserung besteht nicht mehr. „Der Unfall war vor über drei Jahren. Die Nerven wurden zerfetzt. Da wächst nichts mehr zusammen. Aber ich bin froh, dass ich lebe und auf beiden Beinen stehen kann.“

Rückblickend, räumt Reinke ein, „hätte ich damals vielleicht nicht wieder so früh mit dem Training beginnen dürfen“. Drei Monate nach dem Unfall feierte der Torwart in einem Test gegen Meppen sein Comeback. „Ich war verrückt. Ich habe das in meinem Wahn getan, um der Mannschaft und dem Club zu helfen.“ Doch der Verein habe ihm eine andere Quittung präsentiert. „Ich bekam nie wieder eine richtige Chance“, klagt Reinke. Und als sein Vertrag in Bremen dann nicht verlängert wurde und „sich plötzlich niemand mehr daran erinnern konnte, dass ich nach meiner Karriere Torwarttrainer bei Werder werden sollte“, habe er seine Zelte an der Weser abgebrochen. Dass ihm ein paar Tage vor dem Umzug nach einem Einbruch in seine Wohnung noch fast seine komplette Trikotsammlung aus 16 Profijahren sowie die Kopie der Meisterschale geklaut wurden, setzte dem Ganzen noch die Krone auf.

Harte Arbeit gehört auch zu seinem neuen Beruf

„In Griechenland oder Spanien zählte ein Wort oder ein Handschlag wie ein Vertrag. In Deutschland gibt es so etwas anscheinend nicht“, grantelt Reinke. Und während er mit zwei dicken Holzklötzen den Kamin nachfeuert, ergänzt er: „Du hältst deinen Kopf hin. Doch Respekt und Dank gibt es in dem Geschäft nicht. Da wird dann zwei, drei Tage geheuchelt – und das war’s. Was wurde damals alles geredet, dass die Torhüter mehr geschützt werden müssen. Gar nichts ist passiert“, meint Reinke.

Daher ist der 40-Jährige irgendwie auch ein bisschen froh, sich jetzt im Örtchen Bölkow sein eigenes Lebensbiotop geschaffen zu haben. Gleichwohl blickt Andreas Reinke „mit Stolz“ auf eine Karriere zurück, die längst nicht jeder Torwart vorweisen kann. Zweimal Meister und Pokalsieger mit zwei verschiedenen Vereinen (Kaiserslautern und Werder) – das ist bisher unerreicht. Zahlreiche Champions-League- und UEFA-Cup-Teilnahmen, darüber hinaus wurde er 2003 in Spanien zum Torwart des Jahres gewählt. „Es waren schöne Jahre, in denen ich auch viel Spaß hatte“, sagt der heutige Landwirt: „Mir wurde aber auch nichts geschenkt.“

Andreas Reinke bei Werder Bremen

Andreas Reinke - bei Werder und heute

Gerade seine Zeit beim Hamburger SV Anfang der 90er Jahre betrachtet Reinke heute als „Geeier“. Bei den Profis trainiert – bei den Amateuren gespielt. „Ich habe abends Pizza und Eis ausgefahren, um mir etwas dazuzuverdienen.“ Allerdings war er auch kein einfacher Typ. Als er an einem Freitag mit den Profis zu einem Bundesligaspiel fahren sollte, weil Ersatztorwart Nils Bahr ausfiel, gab er HSV-Coach Egon Cordes einen Korb mit den Worten: „Geht nicht, ich muss erst meine Tour zuende machen. Sonst schmilzt das ganze Eis.“ Cordes war sprachlos, Reinke durfte am nächsten Tag nachreisen.

Es ist eine von vielen Geschichten, die Andreas Reinke während seiner Profizeit erlebt hat. Und ganz hat er auch heute noch nicht mit dem Fußball abgeschlossen. Ab und zu spielt er in Traditionsmannschaften, im Sommer trainiert er Kinder in den Fußballschulen von Dieter Burdenski. Besonders heilig aber ist ihm der Dienstagabend. Dann trifft er sich im nahen Kreisstädtchen Güstrow immer mit seinen Kumpels von den Freizeitfußballern des K&K Suckow zum Kicken in einer alten Halle. Reinke spielt im Sturm und hat einen Mordsspaß dabei. Und wenn er dann über das an einigen Stellen lockere und klappernde Parkett der Halle huscht und dem Ball nachjagt, kann man sich wieder kaum vorstellen, dass er noch vor einigen Jahren in den größten Stadien Europas zu Hause war. „Andreas“, sagt sein Sandkasten-Freund Heiko Kurrasch, „ist trotz seines Ruhms die ganzen Jahre eben immer ein ganz normaler Mensch und Kumpel geblieben.“ Das ist er, keine Frage.

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