Nach 21 Jahren in leitender Position verlässt Manfred Müller Werder Bremen zum Jahresende

Mit 7,1 Pfennig fing alles an . . .

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Den Stadionausbau hat Manfred Müller federführend vorangetrieben.

Bremen - Von Arne Flügge · Als Fußballer hat es Manfred Müller nie zu ganz großen Ehren gebracht. Läufer war er in der Jugend bei seinem Heimatverein HTSV (Hastedt), später kickte er als Ausputzer und Manndecker beim VfL 07 Bremen in der 1. Kreisklasse.

„Trotzdem hat’s Spaß gemacht“, schmunzelt der heute 65-Jährige: „Aber ehrlich, ich stand schon immer mehr auf Zahlen.“ Zum Jahresende scheidet Müller bei Werder Bremen in offizieller Funktion aus. Bereits am 18. Dezember übergibt er den Staffelstab an seinen Nachfolger Klaus Filbry. Nach 21 Jahren in leitender Position. Zunächst war Müller elf Jahre Schatzmeister, später als Geschäftsführer zuständig für Marketing und Management sowie Finanzen.

Das Talent für sein Verhandlungsgeschick und dafür, möglichst gewinnbringend mit Zahlen zu hantieren, hat Manfred Müller schon früh für sich entdeckt. Als 14-Jähriger verkaufte er 1958 im Weserstadion Coca Cola. 7,1 Pfennig Verdienst pro Flasche sowie drei Flaschen zum Eigenverbrauch hatte er damals für sich ausgehandelt. Dass er 50 Jahre später bei Werder für einen Umsatz von 120 Millionen Euro mitverantwortlich zeichnen würde, davon hatte er damals nicht zu träumen gewagt.

Zwei Jahre lang machte Müller seinen Cola-Job neben der Schule, ehe er im April 1960 seine Lehre bei der AOK Bremen/Bremerhaven begann, deren Vorstandsvorsitzender er später wurde. „Schon in meinem Beruf habe ich Einnahmen orientierte Ausgabenpolitik betrieben“, sagt Müller. Sein Credo: Lebe nie über deine Verhältnisse.

Werder-Fan ist Manfred Müller schon immer. Als Knirps besuchte er in den 50er Jahren die Spiele im Weserstadion. „Damals hat Werder vor 40 000 Leuten gegen den Bremer SV gespielt. Die Fans saßen direkt am Spielfeldrand. Bei Ecken musste die Masse erstmal zurückrücken“, erinnert sich Müller. Die Liebe zu Werder dauerte an, 1977 kaufte er sich seine erste Stehplatz-Dauerkarte.

Später lernte der 65-Jährige den mittlerweile verstorbenen Werder-Präsidenten Dr. Franz Böhmert kennen. „Ich war Verhandlungsführer für die Pflegesätze, Franz Böhmert saß mir als Ärztlicher Direktor des Krankenhauses ,Links der Weser‘ gegenüber“, erinnert sich Müller: „Nach den zähen Verhandlungen blieb aber immer noch genügend Zeit, sich über Fußball und Werder zu unterhalten.“

1986 habe Böhmert ihn dann aufgefordert, Mitglied bei Werder Bremen zu werden. Gesagt, getan. Als zwei Jahre später, im Oktober 1988, Werders Schatzmeister Karl-Heinz Hohnhorst verstarb, „wurde ich gefragt, ob ich das Amt ein halbes Jahr bis zur nächsten Wahl übernehmen könnte“, sagt Müller: „Aus sechs Monaten sind dann elf Jahre geworden.“ Ehrenamtlich habe er diesen Job gemacht. Erst mit der Umstrukturierung des Vereins 1999 wurde er hauptamtlich eingestellt. Zunächst im Vorstand, später in der Geschäftsführung.

Und wenn Manfred Müller heute auf seine 21-Jährige Tätigkeit bei Werder zurückblickt, dann tut er das auch mit ein wenig Stolz. Der Verein, so der Manager, „hat eine wahnsinnige Entwicklung genommen. Wir haben besonders in den letzten zehn Jahren das Markenbild erheblich verbessert, viel für die Qualität der Mannschaft getan, interessante Spieler geholt und hatten einen riesigen sportlichen Erfolg“, zählt Müller auf. Hinzu kommen infrastrukturelle Veränderungen, die Erhöhung des Zuschauerschnitts von 28 000 auf 41 000, der Anstieg der Mitgliederzahl von 3 000 auf 37 000. Und nicht zuletzt der Stadionausbau, den Müller leidenschaftlich und federführend betreut. „Alles Dinge, zu denen ich meinen Teil beitragen konnte. Das alles haben wir erreicht, ohne Schulden zu machen“, sagt Müller.

Es gab aber auch schwere Zeiten. Die Ära nach Rehhagel, in der Werder vier Trainer in vier Jahren verschliss, gehört dazu. „Wir haben damals den Fehler gemacht, 1995 keinen Sportdirektor zu holen. Damit haben wir zu lange gewartet“, räumt Müller ein. Willi Lemke sei damals zwar Manager gewesen, „doch er war kein Sportdirektor und hat sich auch nicht als solcher gesehen“.

Die unruhigen Jahre gipfelten 1999 fast im Abstieg. „Da war mir richtig mulmig“, erinnert sich Müller.

Alles in allem habe er aber unheimlich viel Spaß gehabt. Es gab jedoch auch einen ganz peinlichen Moment. 1990 besuchte Müller zusammen mit einigen Werder-Kollegen einen Scheich in Saudi-Arabien. „Wir haben uns auf englisch unterhalten und zwischendurch auch mal auf deutsch ein bisschen rumgewitzelt. Wir dachten ja, der Scheich versteht uns nicht.“ Denkste! Es stellte sich heraus: Der Scheich war früher einige Jahre Assistenzarzt am Klinikum in der St. Jürgen-Straße in Bremen und sprach fast akzentfreies Deutsch. Müller wäre damals am liebsten im Erdboden versunken . . .

Den Spielerberatern war und ist Manfred Müller nicht nur als Zahlenjongleur bekannt. Er hat sich vor allem durch sein Verhandlungsgeschick bei Neuverpflichtungen oder Vertragsverlängerungen einen Namen gemacht. „Auf der einen Seite salomonisch, dann wieder unheimlich strategisch. Wie ein brillanter Schachspieler, der seinem Gegner immer einen Zug voraus ist“, sagt Werders Mediendirektor Tino Polster über seinen Kollegen.

Tatsächlich hat Müller als Jugendlicher Schach gespielt. Sein Vater brachte es ihm bei. „Doch nachdem er zehn Mal hintereinander in Folge verloren hatte, haben wir nie wieder gegeneinander gespielt“, schmunzelt Müller. Seither ist Skat seine Leidenschaft.

Als härtester Brocken während seiner Amtszeit hat sich Johan Micoud erwiesen. „Wir haben sieben Stunden lang ununterbrochen im Parkhotel verhandelt, bis wir ihn holen konnten“, erinnert sich Müller an die zähen Gespräche. Auch die Verpflichtung von Claudio Pizarro 1999 „hat drei Abende gedauert“. Spieler aus dem Ausland, so Müller, hätten oftmals gewisse Vorstellungen, „die wir hier nicht kennen“. Als Beispiel nennt er die Gehaltsfortzahlung im Krankheitsfall. „Bei uns ist das mit sechs Wochen klar geregelt. Doch in manchen Ländern gibt es so ein Limit gar nicht.“

Seinen letzten Verhandlungscoup will Müller zusammen mit Sportchef Klaus Allofs noch vor seinem Abschied in trockene Tücher bringen: Die Vertragsverlängerung mit Trainer Thomas Schaaf. „Ich hoffe sehr, dass es noch in meiner Amtszeit bis Weihnachten klappt“, meint Müller, „das würde mich freuen.“ Auf der anderen Seite ist der Geschäftsführer davon überzeugt, „dass die Verhandlungen auch ohne mich nahtlos weitergehen und der Trainer bei uns bleiben wird.“

Für Müller selbst heißt es nun bald Abschied nehmen. Seit einem halben Jahr steht fest, dass er zum Jahresende aufhört. Daher kommt beim 65-Jährigen auch (noch) keine Wehmut auf. „Irgendwann“, sagt er, „ist alles einmal zu Ende. Ich stehe seit fast 50 Jahren im Berufsleben, habe nur einmal in der ganzen Zeit drei Wochen Urlaub am Stück gehabt. Mein Handy war 24 Stunden am Tag eingeschaltet. Ich freue mich jetzt darauf, ein bisschen Ruhe zu bekommen und Dinge zu tun, für die ich nie Zeit hatte.“

Endlich wieder mehr Sport treiben und reisen – das hat sich Manfred Müller vorgenommen: „Eine Fahrt auf dem Nil, auf der Donau und vielleicht einmal zum Nordpol. Das wär’s.“

Und außerdem bleibe er Werder ja noch bis zum März 2011 in Sachen Stadi-onausbau als Berater erhalten. Sein jetziges Büro muss Müller allerdings räumen. „Ich bekomme ein Zimmer, wo ein paar Ordner reinpassen und ein Telefon. Es ist zwar eine kleine Butze, aber es reicht“, beschreibt Müller seinen neuen Platz in der Geschäftsführer-Etage. Die Butze ist übrigens das ehemalige Büro von Trainer Thomas Schaaf . . .

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