Werder-Fan-Beauftragte  im Interview

„Pfeifen macht keinen Sinn“

+
So macht die Arbeit Spaß: Till Schüssler und Julia Ebert sind glücklich, dass die Werder-Fans die Mannschaft und den Verein auch in sportlich schwierigeren Zeiten unterstützen. 

Bremen - Für Trainer Robin Dutt sind sie der große Imageträger des Clubs und sogar ein Punktelieferant im Abstiegskampf: die Werder-Fans.

Weil sie die Mannschaft auch nach schlechten Spielen unterstützen und nicht auspfeifen – so wie zuletzt ziemlich eindrucksvoll in Mainz. Aber warum sind sie so anders als die Fans von vielen anderen Clubs? Werders Fan-Beauftragte Julia Ebert (35) und Till Schüssler (29) geben die Antwort.

Warum sind die Werder-Fans so gute Verlierer?

Till Schüssler: Wir kennen hier eben das Auf und Ab. Bis vor einigen Jahren hatten wir eine sportlich grandiose Zeit. Aber uns war immer klar, dass es auch wieder andere Zeiten geben kann. Dieser Verein hat es allerdings immer wieder geschafft, nach oben zu kommen. Dieses Wissen stärkt jeden Werder-Fan – und lässt ihn positiver an die Sache herangehen.

Und deshalb sind Werder-Fans nach Niederlagen nicht so gefrustet?

Julia Ebert:Sie sind sehr wohl gefrustet. Aber viele gehen mit ihrem Frust anders um. Sie haben einen anderen Ansatz als vielleicht anderswo. Sie sagen sich: „Hey, wenn wir jetzt pfeifen und meckern, wird es nicht besser.“ Das hat sich hier etabliert.

Waren sich in Mainz alle Fans einig oder mussten viele überzeugt werden, die Mannschaft nach einer 0:3-Klatsche eine Stunde nach dem Spiel zu feiern?

Julia Ebert:Um eines klarzustellen: Die Fans haben die Leistung der Mannschaft nicht gefeiert. Sie wollten eher positiven Druck erzeugen und der Mannschaft damit sagen: „Hey, ihr müsst weitermachen, ihr dürft jetzt nicht in ein Loch fallen! Wir wissen, dass ihr es besser könnt, wir haben es gegen Hannover und Schalke gesehen.“

Till Schüssler:Natürlich gab es bei Niederlagen wie in Mainz auch Leute im Block, die es anders gesehen und erst nicht mitgemacht haben.

Mit welchen Argumenten wurden sie überzeugt?

Till Schüssler:Wir müssen doch nur ein Jahr zurückschauen. Da gab es diese unglaubliche Motivationswelle der Fans nach der Niederlage in Leverkusen – und die ist über die Mannschaft geschwappt. Danach wurden die nötigen Punkte geholt. Da hat man als Fan gemerkt, dass es sich lohnt, so auf die Spieler einzuwirken.

Im vergangenen Sommer sah das nach dem Pokal aus in Saarbrücken allerdings ganz anders aus, da hatten die Fans die Spieler beschimpft.

Julia Ebert:Weil es das gefühlte zehnte Mal in Folge war, dass man in der ersten Runde aus dem Pokal geflogen ist – und das gegen einen vermeintlich leichten Gegner aus der Dritten Liga.

Auswärts ist der harte Kern der Werder-Fans dabei und gibt seine volle Unterstützung. Wir würden Sie die Situation im Weser-Stadion beschreiben?

Till Schüssler:Natürlich ist eine gewisse Unruhe und Unzufriedenheit zu erkennen. Das Gute ist aber, dass man sich davon anstecken lässt, was in der Ostkurve passiert. Und dort ist eine sehr positive Grundstimmung gegenüber dieser jungen Mannschaft vorhanden. Die Ostkurve weiß, dass diese Mannschaft noch Zeit braucht. Dieses Verständnis vernehme ich aber auch auf den anderen Rängen. Und das ist es, was Werder, was Bremen einfach ausmacht. Man will seinen Spaß als Werder-Fan – und den kann man auch in sportlich schlechten Zeiten haben. Man muss nur hinter der Mannschaft stehen.

Wie groß ist bei den Fans die Angst vor dem Abstieg?

Julia Ebert:Das Abstiegsgespenst ist immer mal wieder da – und das schon seit zwei Jahren. Den Leuten ist bewusst, dass es passieren kann. Deshalb tun sie alles, was man als Fan tun kann, um das zu verhindern. Und in Bremen heißt das: Die Mannschaft unterstützen! Das ist doch der einzige Einfluss, den du als Fan hast.

Der Fan könnte aber auch pfeifen und den Profi damit wachrütteln, dass es so nicht weitergeht.

Julia Ebert:Pfeifen macht keinen Sinn. Man würde eine ohnehin nicht so selbstbewusste Mannschaft doch nur weiter schwächen, wenn man negativen Druck aufbaut. Aber die Fans erwarten schon: „Hey, wenn wir Vollgas geben, dann müsst ihr das auch!“ Das ist der Deal.

Der bislang ganz gut klappt, gekämpft hat die Mannschaft fast immer.

Till Schüssler:Es ist wirklich ein gutes Zusammenspiel. Die Mannschaft berichtet ja auch immer wieder stolz, wie gut sie es hier mit den Fans hat. Die Spieler empfinden das Umfeld als Motivator. Das hat ihren Kampfgeist wachsen lassen.

Wie stolz sind die Fans darauf, dass Trainer Robin Dutt sie für den Gewinn von wichtigen Punkten im Abstiegskampf mitverantwortlich gemacht hat?

Julia Ebert:Ein großer Teil wusste das schon vorher. Deswegen machen sie das ja auch. Natürlich freuen sie sich über diese öffentliche Wertschätzung. Durch Aussagen wie von Robin Dutt fühlen sich vielleicht noch mehr Fans angesprochen, machen noch mehr mit. Das könnte durchaus die Kraft des Supports vergrößern.

Wie sind die Reaktionen der Fan-Beauftragten der anderen Bundesligisten?

Julia Ebert: Im Moment gibt es keine Reaktionen, weil jeder genug mit sich beschäftigt ist. Aber nach der Allez-Grün-Geschichte in der vergangenen Saison haben schon einige gesagt: Ihr seid irgendwie anders. So richtig verstehen kann das von außen keiner. Es fällt mir dann immer schwer, das zu erklären. Denn es ist ein Gefühl, das schwebt in der Luft. Das genießt hier jeder. Das ist einfach Liebe zum Verein.

Ist so ein Zustand durch irgendetwas gefährdet, wie muss man ihn pflegen?

Till Schüssler:Wir müssen als Verein weiterhin ehrlich und transparent sein. Wir müssen unseren Fans zuhören. Wir müssen weiter unsere Grundwerte vertreten.

Wie schwierig ist es im schnelllebigen Fußball-Geschäft für Fans, sich mit den Spielern zu identifizieren, die morgen schon wieder weg sein können?

Till Schüssler: Wichtig ist heutzutage, dass man als Spieler ehrlich ist in dem, was man tut. Das kommt immer gut an, egal, wie lange ein Spieler bleibt. Natürlich wissen die Fans, dass Spieler nicht mehr so lange in einem Club bleiben wie noch vor zehn, 20 Jahren. Dadurch hat sich die Identifikation auch etwas verschoben. Man identifiziert sich weniger mit einzelnen Spielern, sondern mehr mit dem Verein und dessen Tradition.

Es herrscht nicht immer eitel Sonnenschein mit den Fans. Der verbotene Einsatz von Pyrotechnik in der Ostkurve mit entsprechenden Sanktionen des Clubs ist nur ein paar Wochen her.

Julia Ebert:Natürlich ist nicht alles rosarot. Auch hier gibt es Konfliktthemen zwischen Verein und Fans. Wichtig dabei ist, dass man im Dialog bleibt. Unsere Tür ist offen.

Gibt es für das Hoffenheim-Spiel ein Revival von „Allez Grün“?

Julia Ebert:Das weiß ich momentan  nicht. Das war eine tolle Faninitiative, die wir gerne unterstützt haben. Allerdings: Der Anfang ist ja in Mainz, ähnlich wie einst in Leverkusen, gemacht worden. · kni

Mehr zum Thema:

Proklamation beim Schützenfest in Aschen

Proklamation beim Schützenfest in Aschen

40 Jahre Städtepartnerschaft Bonnétable und Twistringen gefeiert

40 Jahre Städtepartnerschaft Bonnétable und Twistringen gefeiert

BVB feiert Ende des Finalfluchs

BVB feiert Ende des Finalfluchs

Bilder: So ausgelassen war die BVB-Pokalfeier 2017

Bilder: So ausgelassen war die BVB-Pokalfeier 2017

Meistgelesene Artikel

Auch Zieler ein Kandidat für das Werder-Tor

Auch Zieler ein Kandidat für das Werder-Tor

Pizarro nach Mexiko?

Pizarro nach Mexiko?

Noch keine konkrete Anfrage für Kleinheisler

Noch keine konkrete Anfrage für Kleinheisler

Schierenbeck zu Sargent-Gerücht: „Das ist mir neu“

Schierenbeck zu Sargent-Gerücht: „Das ist mir neu“

Kommentare