Seine Ex-Clubs, sein Abschiedsspiel, sein neuer Job

Mertesacker im Interview: „Ich will kein Unentschieden“

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Per Mertesacker hat im Sommer seine aktive Karriere beendet. Im Oktober steigt sein Abschiedsspiel.

London/Bremen - Noch befindet sich Per Mertesacker zwischen zwei Leben. Die Karriere als Fußball-Profi hat der Weltmeister von 2014 im Frühjahr beendet, die Arbeit als Leiter der Nachwuchsakademie des FC Arsenal in London beginnt erst in Kürze.

Mertesacker hat also endlich mal viel Zeit für sich und für die Dinge, die Spaß machen. Zum Beispiel entspannt Fußball zu gucken. Am Samstag wird sich der 33-Jährige das Duell zwischen Werder Bremen und Hannover 96 live im Weserstadion anschauen. Für ihn ist es sogar ein Pflichttermin, denn es sind seine Ex-Clubs, die da zum Bundesliga-Start aufeinandertreffen.

Bei Hannover 96 ist er zum Bundesliga-Spieler gereift, bei Werder wurde er anschließend zum internationalen Star, ehe 2011 der Wechsel zum FC Arsenal nach London folgte. Vor dem „kleinen Nordderby“ sprach Mertesacker mit der DeichStube über die Partie, die beiden Clubs und Käpt'n Max Kruse sowie über den neuen Job bei Arsenal, sein offizielles Abschiedsspiel am 13. Oktober in Hannover und über Mesut Özil, seinen langjährigen Wegbegleiter.

Herr Mertesacker, wie wichtig ist es, ein Saisonziel zu haben?

Per Mertesacker: In der heutigen Zeit ist es schon sehr mutig, ein Saisonziel zu benennen. Weil sofort überprüft wird, ob es auch in diese Richtung geht. Ich finde es aber richtig und wichtig, Ziele zu haben.

Werder will einen einstelligen Tabellenplatz erreichen und träumt von Europa. Hannover 96 möchte dagegen erst das Ende der Transferperiode abwarten, bevor ein Ziel verkündet wird. Was ist besser?

Mertesacker: Werder kann doch gar nicht anders denken, weil Trainer Florian Kohfeldt das so verlangt – Frank Baumann auch. Da sind sie sehr klar. Das finde ich gut. Bei Hannover ist die Situation anders. 96 versucht sich jedes Jahr neu zu etablieren. Da geht es immer erst darum, genügend Punkte zu holen, um bloß nicht in diesen Strudel zu geraten. Trotzdem sehe ich beide Vereine auf Augenhöhe. Das zeigt auch die erste Pokalrunde, die haben beide Mannschaften souverän gemeistert. Das gibt mir ein positives Gefühl.

Wer wird gewinnen?

Mertesacker: Ich werde auf jeden Fall nicht verlieren (lacht). Klar, Hannover ist meine Heimat, bei 96 hat irgendwie alles begonnen, Verein und Stadt trage ich in meinem Herzen. Meine Verbindung zu Werder ist aber eigentlich genauso eng. Ich kann nur eines sagen: Ich will kein Unentschieden sehen! Ich möchte, dass eine Mannschaft gewinnt – und das bitte verdient.

Was trauen Sie Ihren Ex-Clubs in dieser Saison zu?

Mertesacker: Vor allem die beiden Trainer geben mir ein gutes Gefühl. Florian Kohfeldt und Andre Breitenreiter haben eine klare Ansprache. Hinzu kommen mutige Entscheidungen auf dem Transfermarkt. Es ist auf jeden Fall mehr drin als der Klassenerhalt.

Wie gut kennen Sie Florian Kohfeldt?

Mertesacker: Ich habe ihn vor ein paar Wochen auf der Hochzeit von Clemens Fritz kennengelernt. Er ist ein sehr angenehmer Typ, sehr besonnen. Einer, der sich gerne austauscht. Ich mag solche Menschen. Und ich hatte natürlich schon viel von ihm gehört. Die Spieler spüren, dass er sie weiterbringt mit seiner Art, Fußball zu lehren. Dabei pflegt er einen sehr menschlichen Umgang. Das zusammen bringt den ganzen Verein weiter.

Max Kruse ist Ihr Nach-Nach-Nachfolger als Werder-Kapitän. Sie waren 2007 bei seiner Bundesliga-Premiere in Bremen dabei. Ist er eine gute Wahl?

Mertesacker: Ich war doch nur einen Monat Kapitän und bin dann schon zu Arsenal. Das war eine aufregende Zeit damals, und ich habe mich sehr geehrt gefühlt. Die Entscheidung für Max hat mich ehrlich gesagt überrascht. Eigentlich werden doch eher die ruhigen, besonnenen Typen Kapitän. Aber die Erklärung von Florian Kohfeldt hat mich überzeugt. Er will dieses Freche, dieses Kaltschnäuzige von Max für seine Mannschaft haben. Da passt Max als Leader wie die Faust aufs Auge. Und er kann dadurch selbst den nächsten Schritt gehen. Einige Dinge haben ihm in der Vergangenheit vielleicht einen negativen Stempel verpasst, den kann er jetzt wegwischen. Und dafür muss er sich gar nicht groß verändern. Außerdem rückt Werder diese Entscheidung in ein neues Licht, das finde ich gut.

Per Mertesacker: Seine Karriere in Bildern

Per Mertesacker
Bei Hannover 96 begann die Wahnsinns-Karriere von Per Mertesacker. Erst kickte er dort in der Jugend, dann drei Jahre bei den Profis. © imago
So traf der Innenverteidiger in seinem ersten Bundesliga-Jahr auf Ivan Klasnic (im Bild) und den SV Werder.
So traf der Innenverteidiger in seinem ersten Bundesliga-Jahr auf Ivan Klasnic (im Bild) und den SV Werder. © imago
Zwei Jahre später leistete er sich ein Duell gegen Miroslav Klose. Mertesacker musste mit Hannover jedoch eine 0:5-Pleite hinnehmen.
Zwei Jahre später leistete er sich ein Duell gegen Miroslav Klose. Mertesacker musste mit Hannover jedoch eine 0:5-Pleite hinnehmen. © imago
2006 entschied sich der gebürtige Hannoveraner für einen Wechsel zum SV Werder. Damals spielte er da an der Seite von Mesut Özil...
2006 entschied sich der gebürtige Hannoveraner für einen Wechsel zum SV Werder. Damals spielte er an der Seite von Mesut Özil... © imago
...und an der Seite seines guten Kumpels Clemens Fritz in der Champions League. Hier sind beide im Duell mit Chelseas Didier Drogba. Werder gewann am Ende 1:0 - durch einen Mertesacker-Kopfball.
...und an der Seite seines guten Kumpels Clemens Fritz in der Champions League. Hier sind beide im Duell mit Chelseas Didier Drogba. Werder gewann am Ende 1:0 - durch einen Mertesacker-Kopfball. © imago
Mit den Bremern feierte Mertesacker 2009 den Triumph im DFB-Pokal.
Mit den Bremern feierte Mertesacker 2009 den Triumph im DFB-Pokal. © imago
Der größte Erfolg seiner Karriere: Der Weltmeister-Titel 2014 in Rio de Janeiro.
Der größte Erfolg seiner Karriere: Der Weltmeister-Titel 2014 in Rio de Janeiro. © imago
Sein Debüt in der A-Nationalmannschaft gab er im Oktober 2004 gegen Iran (2:0). Einen Monat später stand er gegen Kamerun (3:0) sogar schon in der Startelf.
Sein Debüt in der A-Nationalmannschaft gab er im Oktober 2004 gegen Iran (2:0). Einen Monat später stand er gegen Kamerun (3:0) sogar schon in der Startelf. © imago
Zur Saison 2011/12 wechselte Mertesacker von Werder zum FC Arsenal, wo er bis 2018 unter Vertrag stand.
Zur Saison 2011/12 wechselte Mertesacker von Werder zum FC Arsenal, wo er bis Sommer 2018 unter Vertrag stand. © imago
Mit den Gunners wurde er dreimal Englischer Pokalsieger (2014, 2015, 2017) und einmal Superpokalsieger (2016).
Mit den Gunners wurde er dreimal Englischer Pokalsieger (2014, 2015, 2017) und einmal Superpokalsieger (2016). © imago
Nach Ende seiner aktiven Karriere im Sommer 2018 ist Mertesacker den Londonern als Leiter der Nachwuchs-Akademie erhalten geblieben.
Nach Ende seiner aktiven Karriere im Sommer 2018 ist Mertesacker den Londonern als Leiter der Nachwuchs-Akademie erhalten geblieben. © dpa

Zu Ihnen: Wie war Ihr erster Sommer ohne Vorbereitung?

Mertesacker: Total anders. Auf diese drei Monate Pause habe ich mich so sehr gefreut, natürlich auch dank der Perspektive, sofort einen neuen Job bei Arsenal zu haben. Ich konnte viel Zeit mit der Familie verbringen und bin zum ersten Mal seit Jahren richtig runtergekommen. Denn ich musste nie daran denken, dass ich gleich noch laufen muss oder bald schon Norderney auf dem Plan steht. Im Moment vermisse ich wirklich nichts.

Wann startet Ihr neuer Job als Leiter der Nachwuchsakademie von Arsenal?

Mertesacker: Am 1. September. Ich habe natürlich schon ein bisschen was gemacht. Ich brauchte aber einfach diese Pause, um mich zu erholen und einen klaren Schnitt zu haben.

Werden Sie mit Anzug und Krawatte in Ihrem Büro sitzen?

Mertesacker: Es gibt tatsächlich ein Büro mit meinem Namensschild, das ist schon neu für mich. Aber ich werde mich dort ganz gewiss nicht verstecken. Ich will raus zu den Menschen, sonst würde ich mich meiner Stärken berauben. Die Kommunikation ist mir ganz wichtig. Diese Akademie ist wahrlich nicht klein, da steckt viel Budget drin. Da kommt eine große Aufgabe auf mich zu. Es geht um die Fußballer der Zukunft und welche Werte wir ihnen vermitteln wollen.

Ist dabei eine Zusammenarbeit mit Werder und Hannover 96 denkbar?

Mertesacker: Die gibt es doch schon. Es waren bereits Scouts von Werder bei Arsenal und natürlich auch eine Delegation aus Hannover. Da werden wir sicherlich dran bleiben und Synergien entdecken. Ich kenne die Leute doch sehr gut, nehmen wir nur Thomas Schaaf, der bei Werder nun ähnlich tätig ist wie ich bei Arsenal.

Macht es überhaupt Sinn, so viel in junge Talente zu investieren, wenn sich die Premier-League-Clubs mit dem vielen Geld dann doch lieber fertige Spieler kaufen?

Mertesacker: Der Einwand ist berechtigt. Aber Arsenal ist schon ein Verein, der das etwas anders macht. Wir können finanziell nicht ganz oben mithalten, wollen deshalb auch unsere eigenen Spieler entwickeln. Das gehört ohnehin zur Identität des Clubs. Für uns war da eine andere Sache schlimmer.

Welche?

Mertesacker: Es ist zu viel Geld in die Akademien geflossen oder besser gesagt zu den Talenten gelangt. Da haben dann 16-Jährige sechsstellige Summen verdient – und die Eltern haben aufgehört zu arbeiten. Dadurch sind zum Teil große Katastrophen entstanden, wenn es diese Spieler nicht in den Profifußball geschafft haben. Die mussten sich in der normalen Welt erstmal wieder zurechtfinden. Es ist unsere Verantwortung, nicht nur gute Fußballer zu produzieren, sondern Menschen, die der Welt auch in anderen Bereichen etwas geben können. Man darf nie vergessen: Von den Neunjährigen, die in die Akademie kommen, wird nur ein Prozent Profifußballer.

Können Sie sich vorstellen, in die Bundesliga speziell zu Werder oder Hannover zurückzukehren?

Mertesacker: Es passt jetzt einfach super. Mein Körper hat genug getan, da kam das Angebot von Arsenal genau richtig. Aber natürlich will ich mein Wissen irgendwann weitertragen, mich weiterentwickeln. Ich mache meine Trainerscheine und könnte mir irgendwann auch vorstellen, als Manager zu arbeiten. Deutschland ist da natürlich ein Thema, meine Ex-Clubs ganz sicher auch. Zumal sich die Familie dort sofort sehr wohl fühlen würde.

Per Mertesacker war einen Monat lang Werder-Kapitän. „Ich habe mich sehr geehrt gefühlt“, sagt der Ex-Profi.

Sie haben bald noch einen neuen Job, werden Experte beim Streamingdienst DAZN, der in Deutschland die Champions und die Europa League zeigt. Was werden Sie anders machen als Oliver Kahn, Mehmet Scholl oder Matthias Sammer?

Mertesacker: (lacht) Die Frage habe ich mir noch gar nicht gestellt. Das ist einfach total spannend für mich. Zwischen Spielern und Experten existiert schon so etwas wie eine Hassliebe.

Was haben Sie als Profi von den Experten gehalten?

Mertesacker: Ich hatte schon das Gefühl, dass die Experten früher als Spieler selbst nie Fehler gemacht oder sie nie selbst gegen den Ball getreten haben (lacht).

Wie geht es Ihrem Knie?

Mertesacker: Gut, ich mache ja auch nichts mehr. Ich stehe wirklich ohne Schmerzen auf, das ist schön.

Werden Sie am 13. Oktober bei Ihrem Abschiedsspiel in Hannover fit sein?

Mertesacker: Ich muss auf jeden Fall irgendwann mal wieder anfangen, so viel steht fest. Es wird zu Recht erwartet, dass ich fast 90 Minuten auf dem Platz stehen werde. Das geht nicht von null auf hundert. Aber bei Arsenal gibt es ja viele schöne Plätze.

Die Liste der Teilnehmer ist schon lang, wer muss unbedingt noch zusagen?

Mertesacker: Es wäre ein Traum für mich, wenn Arsene Wenger und Thomas Schaaf gemeinsam die Weltauswahl betreuen würden. Ich freue mich einfach unglaublich auf dieses Spiel. Und es wäre toll, wenn meine drei Clubs Hannover, Werder und Arsenal jeweils zu einem Drittel beteiligt wären. Genau das würde mich widerspiegeln.

Werden Sie auch Mesut Özil fragen?

Mertesacker: Ich hatte vier Stationen: Hannover, Werder, Arsenal und die Nationalmannschaft. Und es gibt nur einen Spieler, mit dem ich drei Stationen geteilt habe: Mesut Özil. Da kann man sich vorstellen, was wir zusammen erlebt haben. Mesut und ich wissen, wie wichtig wir für die Karriere des anderen waren. Ich hatte in diesem Sommer aber keinen Kontakt zu ihm. Ich wollte das aus der Distanz beobachten und habe vor, während und nach der WM nicht viele Gewinner gesehen. Mesut und ich werden uns gewiss irgendwann austauschen. Mal sehen, was dann am 13. Oktober passiert.

Das Abschiedsspiel trägt den Titel „Mertes Homecoming“ – was hat der Fußball mit Ihnen gemacht?

Mertesacker: Der Fußball hat mir sehr viel gegeben. Ich bin sehr viel rumgekommen, habe viel erlebt, habe viele Menschen kennengelernt. Ich spüre diese 15 Jahre – mit allen positiven wie negativen Aspekten. Ich bin stolz auf diese Zeit – und würde es genau so wieder machen. Aber ich freue mich auch auf das Neue.

Dazu gehört Ihre Zuschauerrolle am Samstag beim kleinen Nordderby im Weserstadion. Neben wem werden Sie sitzen?

Mertesacker: Klaus Filbry (Werder-Geschäftsführer, Anm. d. Red.). Ich bekomme den Platz seiner Frau, weil sie verhindert ist. Es fühlt sich gut an, wenn man noch willkommen ist. So oft war ich in den vergangenen Jahren nicht im Weserstadion, deshalb freue ich mich vor allem auf die tolle Stimmung.

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Mertesacker bei Arsenal verabschiedet

Mertesacker bei Arsenal verabschiedet.
Mertesacker bei Arsenal verabschiedet. © imago
Mertesacker bei Arsenal verabschiedet.
Mertesacker bei Arsenal verabschiedet. © imago
Mertesacker bei Arsenal verabschiedet.
Mertesacker bei Arsenal verabschiedet. © imago
Mertesacker bei Arsenal verabschiedet.
Mertesacker bei Arsenal verabschiedet. © imago
Mertesacker bei Arsenal verabschiedet.
Mertesacker bei Arsenal verabschiedet. © imago

Quelle: DeichStube

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