Obwohl der Vorsprung so groß wie nie ist: Mainz 05 hat noch immer viel Respekt vor Werder Bremen

„Ein überragender Verein, der lange unser Vorbild war“

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Mit Mainz erfolgreich: Trainer Kasper Hjulmand.

Mainz - Von Manfred Bock. Sie ist längst ein Heiligtum: die Mainzer Stecktabelle. Sie ist im Presseraum gleich hinter den Umkleidekabinen an die rot getünchte Wand gedübelt, so dass jeder auf den ersten Blick erspähen kann, wo der FSV Mainz 05 gerade in der Bundesliga platziert ist. Und immer seltener kommen Gegner, die über den Mainzern (aktuell Sechster) stehen. Für den Gast am Samstag, den SV Werder, muss man sich sogar tief runterbeugen: Platz 18 bedeutet Bodenhöhe.

Und trotzdem ist erstaunlich, mit wie viel Lob so ein Kellerkind bedacht wird. „Ich habe großen Respekt vor Werder“, versicherte Trainer Kasper Hjulmand, „sie haben gegen Hertha, Hoffenheim und Leverkusen gute Spiele gemacht, und vielleicht bringen sie mit den neuen Trainern jetzt neue Energie mit.“ Gleichwohl erweckte der Däne nicht den Eindruck, als fürchte er sich übermäßig vor einem von Viktor Skripnik befehligten Überfallkommando. Den Hintern versohlt bekam der selbst ernannte Karnevalsverein nur in der Ära unter Jürgen Klopp regelmäßig, doch inzwischen haben sich die Machtverhältnisse verschoben. „Wenn wir eine gute Leistung bringen, wenn wir taktische Disziplin und große Intensität zeigen, wird es für den Gegner schwierig“, kündigte Hjulmand an.

Daraus sprach – ungeachtet des ersten Rückschlags am vergangenen Sonntag beim VfL Wolfsburg (0:3) – gesundes Selbstbewusstsein. Tatsächlich wirkt der Club nach der nächsten Häutung, der Lösung vom Matchplan-Erfinder Thomas Tuchel, nicht schwächer als vorher. Im Gegenteil. Nicht nur der aus der Provinz Nordsjaelland geholte Fußballlehrer glaubt, „dass wir unser Potenzial noch nicht ausgeschöpft haben“. Das könnte durchaus bedeuten, dass auch Hjulmand wie schon Tuchel die Europapokalplätze angreift.

Aber gemach, gemach. Manager Christian Heidel wird nicht müde, an die Bodenhaftung an diesem Standort zu erinnern. „Die Europa-League-Qualifikation war für uns eine gefühlte Meisterschaft.“ Gleichwohl bezeichnet der Macher die Nullfünfer längst nicht mehr als Ausbildungs- sondern als Weiterbildungsverein: „Wir sehen uns als zweite Stufe für Spieler.“ Der 51-Jährige steuert die Personalpolitik und Nachwuchsförderung und hat nebenbei die Trainertalente Jürgen Klopp und Thomas Tuchel sowie nun den Taktiker Hjulmand entdeckt. Empfindet er Genugtuung, wenn er damit Vereine wie Bremen abgehängt hat? „Total das falsche Wort“, entgegnet er, „ich empfinde riesengroße Sympathie für Werder. Das ist ein überragender Verein, der lange unser Vorbild war.“ Und was sagt er zum Absturz an der Weser? „Aus meiner Sicht gibt es zwei Probleme: Zum einen sind ihnen die Einnahmen aus dem internationalen Geschäft weggebrochen. Zum anderen haben sie groß ins Stadion investiert. Jetzt müssen sie kolossal abspecken. Aber wenn sie aus der Durststrecke rauskommen, zolle ich ihnen Respekt.“

Was Heidel nicht sagte: Er macht es längst vor, wie sich aus minimalen Möglichkeiten Maximales erreichen lässt. Mainz ist sportlich und wirtschaftlich an Bremen vorbeigezogen. Jüngst verkündete der Club für 2013/2014 einen Rekordumsatz von 76,7 Millionen. Der Lizenzspieleretat lag bei nur 22,8 Millionen. Werder gibt knapp 30 Millionen Euro für die Mannschaft aus, spielt viel schlechter und hat sein Eigenkapital nach der Saison aufgebraucht. Mainz hat dagegen 20,3 Millionen Euro auf der hohen Kante. Und damit auch beste Aussichten, dass sich der Abstand in der Stecktabelle mittelfristig kaum ändern wird. Es sei denn, Werder ist gar nicht mehr drauf.

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