Dieter Burdenski und Manni Kaltz über das Nordderby

„Wir sind Tage vorher schon heiß gewesen“

Zwei, die Nordderby-Geschichte geschrieben haben: Der einstige Werder-Torwart Dieter Burdenski (l.) und HSV-Urgestein Manni Kaltz.
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Zwei, die Nordderby-Geschichte geschrieben haben: Der einstige Werder-Torwart Dieter Burdenski (vorne) und HSV-Urgestein Manni Kaltz (hinten).

Hamburg - Von Wolfgang Stephan. Das Derby. Der Klassiker. Werder gegen HSV. Keiner kennt diese Duelle besser als Ex-Werder-Torwart Dieter Burdenski und HSV-Legende Manni Kaltz.

In der Bundesliga standen sich die die beiden Teams aus den Hansestädten in 104 Spielen gegenüber. 34 Siege für den HSV und 37 Bremer Erfolge stehen in der Bilanz. Der erfahrenste Derby-Spieler ist die HSV-Legende Manni Kaltz, der in 31 Spielen und damit in 2758 Minuten gegen Bremen kickte. Auf Bremer Seite bestritten Horst-Dieter Höttges und Dieter Burdenski 26 Derbys. Jetzt plauderten der einstige Werder-Torwart und der HSV-Rekordspieler über alte Zeiten und das Derby.

Es war die süßeste Niederlage für den damaligen Werder-Torwart Dieter Burdenski, als der HSV am 14. Mai 1988 im Weserstadion 4:1 siegte. „Budde“ saß zwar nur auf der Bank, aber nach dem Schlusspfiff durfte auch er jubeln, die Bremer hatten die Meisterschale schon vor dieser Partie gewonnen. „Das gab es aber auch umgekehrt“, erinnert sich das Werder-Urgestein: „Die Hamburger kamen in 36 Spielen ungeschlagen zu uns, und wir haben sie mit 3:2 wieder nach Hause geschickt“, erinnert sich Burdenski an die glorreichen Zeiten der goldenen Rivalität.  „Das waren immer geile Spiele.“

Am Ende der Saison 1983 waren die Hamburger Meister, punktgleich mit Werder, aber mit dem besseren Torverhältnis. Auf dem Rückflug des frischgebackenen Meisters aus Düsseldorf (der HSV hatte 2:1 in Schalke gewonnen) drehte die Lufthansa-Maschine über dem Weserstadion eine Ehrenrunde.

Kaltz: "Das ist schlicht der Klassiker im deutschen Fußball"

„Das ist schlicht der Klassiker im deutschen Fußball“, meint Manni Kaltz, der dies auf die glorreichen und grausamen Zeiten gleichermaßen bezieht. „Mal waren wir die Nummer eins, dann hängten uns die Bremer ab, und wir holten auf.“ Noch in der Saison 2008/2009 standen sich beide Teams im Halbfinale des UEFA-Cups gegenüber, nach dem 1:0-Sieg des HSV in Bremen, gewann Werder das Rückspiel mit 3:2, auch dank einer Papierkugel, die auf dem Feld lag und zu einem Bremer Eckball führte, den Frank Baumann zum Bremer 3:1 verwandelte.

War früher alles anders? „Nein“, sagt Manfred Kaltz. „Wenn das Derby ansteht, sind immer alle heiß.“ Das glaubt er auch auf die aktuelle Mannschaft beziehen zu können, der er noch vor drei Wochen beim Uwe-Seeler-Geburtstag die Leviten gelesen hat. „Das ist kein Team“, sagte der HSV-Rekord-Bundesligaspieler. Den Punktgewinn in Hoffenheim sieht er als Lebenszeichen und als Hoffnungsschimmer. Mehr nicht. „Der Punkt ist nichts wert, wenn sie das Derby nicht gewinnen.“ Das Problem der Hamburger, die am Sonnabend abgeschlagen als Tabellenletzter starten, sieht Kaltz in der Zusammenstellung der Mannschaft. „Die passt nicht.“ Gleichwohl warnt er vor Panikmache: „Noch ist nichts verloren.“ Sein Tipp für Sonnabend: 2:2.

Burdenski: "Es geht um drei Punkte und noch nicht um den Abstieg"

Dieter Burdenski ist sich mit seinem Ex-Kollegen in einem Punkt einig: „Am Sonnabend geht es um drei Punkte und noch nicht um den Abstieg.“ Der Torhüter sieht die Hamburger nach dem Hoffenheim-Spiel leicht im Vorteil. „Das Hamburger Problem ist eine Kopfsache und da könnte sich in Hoffenheim etwas gelöst haben.“ Umgekehrt habe Werder seit vier Spielen nicht gewonnen. „Die Niederlage gegen Frankfurt könnte ein Schuss nach hinten gewesen sein.“

Die Faszination des Klassikers im Norden beschreibt „Budde“ so: „Da sind wir doch Tage vorher schon heiß gewesen.“ Vor so einem Spiel müsse kein Trainer der Welt etwas über die Bedeutung sagen. „Derby ist Derby.“ Freilich: Dieter Burdenski glaubt mit viel Werder-Blut in den Adern am Sonnabend an einen 2:1-Auswärtssieg, den er natürlich im Stadion miterleben werde. Der Werderaner glaubt aber auch: „Am Ende werden weder der HSV noch Werder absteigen.“

Zur Person

Dieter Burdenski hat von 1972 bis 1988 444 Bundesligaspiele für Werder absolviert. Der Ex-Torwart ist für sein Unternehmen Burdenski Events tätig. Mit dieser Eventagentur organisiert der 65-Jährige unter anderem Trainingslager (auch für Werder), Turniere und Auftritte der DFB-Traditionsmannschaft.

Manfred Kaltz hat von 1971 bis 1989 für den HSV 568 und nach einem Abstecher nach Bordeaux von 1990 bis 1991 noch 13 Spiele absolviert. Der 63-jährige geborene Pfälzer betreibt eine eigene Fußballschule und ist nach wie vor in Traditionsmannschaften als Fußballer auf dem Platz.

Das Nordderby: Kuriose Fakten und spektakuläre Ereignisse

Symbolbild
Beim Nordderby im Jahr 1967 fand die erste Auswechslung der Bundesliga-Geschichte statt. Hamburgs Torhüter Arkoc Özcan hatte sich in der 18. Minute den kleinen Finger gebrochen – für ihn kam Ersatzkeeper Erhard Schwerin in den Kasten. Die Regel, die Auswechslungen ermöglichte, war erst kurz zuvor eingeführt worden. © imago sportfotodienst (Symbolbild)
Nordderby
Ende einer Serie: 36 Bundesligaspiele in Folge war der HSV zwischen den Jahren 1982 und 1983 ungeschlagen. Ausgerechnet Werder stoppte den Lauf des Rivalen. Die Grün-Weißen siegten 3:2. © imago sportfotodienst
Nordderby
Das Nordderby im Jahr 1972 wurde vor gerade einmal 8000 Zuschauern ausgetragen – Negativrekord. Weniger kamen davor und danach nie zum Duell der Nordrivalen. Ein Grund für das geringe Interesse: Kurz zuvor war der legendäre Bundesliga-Skandal aufgeflogen. © imago sportfotodienst
Nordderby
Ehrenrunde über dem Weserstadion: Nach Hamburgs Meisterschaft in der Saison 1982/1983 hatte Horst Hrubesch eine ganz besondere Idee. Auf dem Rückflug vom letzten Spieltag überredete der HSV-Profi den Piloten der Fokker-Maschine, eine Ehrenrunde über dem Weserstadion in Bremen zu drehen. © imago sportfotodienst
Nordderby
An diesen Tag erinnern sich die Bremer nur ungern. Am 27. November 1971 lässt Schiedsrichter-Legende Walter Eschweiler die Werder-Profis in der zweiten Halbzeit beim Auswärtsspiel in Hamburg mit HSV-Trikots auflaufen. Der Grund: Für Eschweiler waren sich Werder- und HSV-Trikots zu ähnlich – Verwechslungsgefahr! Weil Werder aber keine Ersatztrikots dabei hatte, mussten die Grün-Weißen die ungeliebte HSV-Raute auf der Brust tragen. © imago/Future Image
Nordderby
Ailton ist eben doch ein Bremer! 2006 nagelte der Brasilianer im Trikot der Hamburger den Ball im Derby völlig freistehend aus acht Metern über das leere Tor. Der HSV unterlag 1:2. Durch die Pleite zog nicht Hamburg, sondern Bremen in die Königsklasse ein. Wenig später war Ailtons Zeit beim HSV beendet – er wurde verkauft. © imago images / Thorge Huter
Nordderby
Beim Derby 2008 versuchten die Hamburger im Kampf um die Champions-League-Plätze mit einem Psychotrick zu punkten: Beim Duell in Hamburg wurde die Gästekabine mit HSV-Flaggen ausstaffiert. Der erhoffte Erfolg blieb aus. Die Bremer ließen sich nicht beeindrucken, gewannen und wurden am Ende Zweiter in der Tabelle – der HSV musste sich mit Rang vier begnügen. © imago images / HochZwei/Christians
Nordderby
Werders höchster Auswärtssieg in Hamburg gelang am 22. September 2001 mit einem 4:0. Bremens gefeierter Held: Marco Bode. Der Stürmer erzielte einen Treffer selbst und bereitete zwei weitere vor. Der höchste Heimsieg war in der Meistersaison 2004 sogar ein 6:0. © imago images / Kolvenbach
Nordderby
Das wohl berühmteste Tor der Nordderby-Geschichte: Frank Baumanns Kopfballtreffer bedeutet für Werder den Einzug ins UEFA-Cup-Finale 2009. Es sorgte auch für einen der drei Werder-Siege gegen den HSV in drei Wettbewerben binnen 19 Tagen. Kurios war aber auch die Entstehung der Ecke vor Baumanns Tor: Der Ball hoppelte über eine Papierkugel, die ein HSV-Fan auf den Rasen geworfen hatte. HSV-Abwehrmann Michael Graavgaard traf den Ball nicht richtig - es gab Ecke für Werder. © imago
Nordderby
Ausgerechnet ein Wahl-Hamburger ersteigerte die legendäre Papierkugel. Matthias Seidel, Gründer von „transfermarkt.de“, erwarb die Kugel, um sie später im Werder-Museum ausstellen zu lassen. © imago images / Philipp Szyza
Nordderby
Adrian Maleika. Der Name steht synonym für die größte Tragödie der Derby-Geschichte. Der Werder-Fan wurde vor dem Spiel am 16. Oktober 1982 auf dem Weg ins Volksparkstadion von Hamburger Hooligans brutal angegriffen. Bei einem Steinwurf erlitt der 16-jährige Lehrling einen Schädelbasisbruch und Gehirnblutungen. Einen Tag später starb er. Er gilt als erstes Todesopfer bei Hooligan-Übergriffen in Deutschland. © imago
Nordderby
Noch eine der ganz bitteren Geschichten des Nordderbys: Am 20. September 1989 spielte Ditmar Jakobs sein letztes Bundesliga-Spiel. Im Weserstadion rutschte der HSV-Verteidiger bei einer Rettungsaktion ins Tor. Dort bohrte sich ein defekter Karabinerhaken der Toraufhängung in seinem Rücken. Jakobs kam nicht mehr los, der Haken musste mit einem Skalpell herausgeschnitten werden. Dabei wurden seine Nerven so stark verletzt, dass an Profisport danach nicht mehr zu denken war. © imago
Nordderby
Niederlagen sind nie schön, die am 14. Mai 1988 gegen den HSV gilt aber als eine der schönsten Werder-Pleiten. Die Mannschaft von Trainer Otto Rehhagel ging zwar zu Hause mit 1:4 gegen die Hamburger baden. Aber das juckte keinen: Die Bremer hatten die zweite Deutsche Meisterschaft der Vereinsgeschichte schon perfekt gemacht - und durften nach dem Spiel die Schale vor den Augen des Rivalen in die Höhe recken. © imago
Nordderby
So unschön die Szene, so schnell wurde sie auch legendär: Werder-Keeper Tim Wiese verwechselte im Mai 2008 Fußball mit Kung Fu und senste beim Herauslaufen HSV-Stürmer Ivica Olic derart um, als wolle er ihm den Kopf abtreten. Ob Wiese da schon den Gedanken an eine Karriere im Wrestling entwickelt hat? Franz Beckenbauer sprach danach von Mordversuch, ein Unbekannter stellte sogar Strafanzeige wegen versuchten Totschlags. Der Schiedsrichter zeigte im Spiel jedenfalls nur Gelb. © imago
Nordderby
Klar ist: Werder Bremen gegen den Hamburger SV - es ist das ewige Duell der Bundesliga. Kein Spiel gab es häufiger. Zum 100. Nordderby präsentierten die Werder-Fans im Weserstadion eine beeindruckende Choreografie. „100 Spiele wie im Märchen“, schrieben die Fans und klappten das Geschichtsbuch auf. Am Ende stand: „Und die Moral von der Geschicht‘, Bremen ist geil, Hamburg nicht.“ © imago images / osnapix

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