Nach dem Enke-Drama: Werder-Coach Thomas Schaaf sieht seine Spieler in Bremen gut betreut

„Nicht mit Psychologen vollstopfen“

Thomas Schaaf im Gespräch mit den Sportredakteuren Björn Knips (links) und Carsten Sander (rechts).

Von Carsten Sander und Björn Knips · Mehr Psychologen für die Bundesliga-Clubs? Dieses Thema, das als Folge des Selbstmords von Robert Enke hochkocht, betrachtet Thomas Schaaf mit gemischten Gefühlen. Im Interview schildert der 48-jährige Werder-Coach, wie die Bremer Profis betreut werden.

?Nach dem tragischen Tod von Robert Enke wird von mehreren Seiten eine Verbesserung der psychologischen Betreuung in den Fußball-Clubs gefordert. Was halten Sie davon?

!Wir beschäftigen uns bei Werder Bremen schon seit Jahren mit diesem Thema und haben dafür in Wilfried Sondag (Diplom-Sozialpädagoge und Systemischer Therapeut, Anm. d. Red.) einen Fachmann für den Profi-Bereich. Im Nachwuchsbereich ist Uwe Harttgen (Ex-Profi, Diplom-Psychologe und Leiter des Nachwuchszentrums, Anm. d. Red.) dafür zuständig. Wenn man glaubt, dass man so eine schlimme Sache wie mit Robert Enke durch noch mehr Betreuung verhindern kann, dann wird das doch durch die Aussagen von Frau Enke und anderen schon widerlegt. Es wurde eindeutig gesagt, dass die Krankheit erkannt war. Robert Enke wurde behandelt, seine Probleme wurden wahrgenommen. Und das nicht nur von Familienseite, sondern auch von behandelnden Ärzten, Psychotherapeuten. Für mich ist es nicht der richtige Ansatz, dass wir uns jetzt vollstopfen mit Psychologen.

?Was dann?

!Wir müssen feinfühlig sein. Und wir müssen unseren Berufszweig richtig definieren. Natürlich sind wir eine manchmal etwas rustikalere Sportart, in der es auch um Kampf und Einsatz geht. Da muss man hart sein, da muss man stark sein, weil jedes Zeichen von Schwäche dem anderen quasi einen Vorteil verschafft. Aber das ist nur das Sportliche. Denn wir sind trotzdem Teil der normalen Gesellschaft, in der es eben auch Dinge wie Depressionen gibt. Dem dürfen wir uns nicht verschließen.

?Also müsste eine Akzeptanz für psychologische Hilfe geschaffen werden, damit es in den Medien und im Kollegenkreis nicht heißt: Guck mal, der muss auf die Couch!

!Mit solchen Aussagen geht’s ja leider los. Nehmen wir das Beispiel Sebastian Deisler. Als er Probleme bekam, wurde das unterschwellig auch negativ begleitet. Da war von einem Sensibelchen oder anderen unschönen Dingen die Rede. Das müssen wir einfach unterlassen. Wir dürfen nicht irgendetwas abtun, sondern müssen sehr seriös damit umgehen und den Problemen auch die richtige Wertigkeit geben.

?Muss das Tabu Depressionen dringend aufgebrochen werden?

!Wir selbst, die Verantwortlichen, gehen schon sehr seriös damit um. Wir tun solche Dinge bei uns nicht ab. Wir haben uns den psychologischen Dingen schon sehr früh geöffnet.

?Wie stark wird denn von den Werder-Profis das Angebot, mit Wilfried Sondag sprechen zu können, überhaupt angenommen?

!Das Maß und die Anzahl sind nicht wichtig. Wichtig ist, dass es dieses Angebot gibt. Sie müssen als Club verdeutlichen: Junge, wenn du ein Problem hast, ist da jemand. Der ist ganz seriös, der hat mit dem sonstigen Geschehen nichts zu tun. Du musst keine Angst haben, dass da ein Chef oder eine Obrigkeit draufguckt.

?Aber Sie als Trainer müssen doch Rückmeldungen bekommen, müssen doch wissen, was mit Ihren Spielern los ist.

!Wenn es bedürfte, wenn wir eine Auffälligkeit hätten, dass einer extreme Probleme hat, dann würden wir eine Rückmeldung bekommen. Nicht in Form von Interna, das darf Wilfried Sondag auch gar nicht. Aber in Form der Meldung: Da ist ‘was.

?Haben Sie als Trainer schon stark depressive oder sogar selbstmordgefährdete Spieler erlebt?

!(seufzt) Da müsste ich jetzt mal länger überlegen. Es gab sicher mal den einen oder anderen, der Probleme hatte, mit dem Druck umzugehen.

?Der Druck auf die Spieler scheint extrem gestiegen zu sein. Ist das Geschäft zu hart geworden?

!Ich glaube, die Ausschläge sind extremer. Bevor früher jemand hochgejubelt wurde, musste er mindestens über Wochen gut gespielt haben. Heute reicht eine auffällige Leistung, und dann heißt es schon, das war superklasse. Da zählen ja nur die ganz großen Schlagzeilen. Genauso schnell geht’s aber auch nach unten. Versager und andere Schlagwörter, mit denen sofort jemand verdammt wird. Mit diesen Extremen muss man umgehen können.

?Trauen sich betroffene Spieler überhaupt, Hilfe anzunehmen. Oder weigern sie sich, weil Sie es als Schwäche empfinden würden?

!Das wäre schade. Es geht auch darum, zu erkennen, ob man an sich Dinge verbessern kann. Man sollte die Möglichkeit nicht auslassen, zu erörtern: Wie sehe ich mich, wie werde ich gesehen? Aber wenn wir jetzt einen jungen Spieler nehmen, müssen wir begreifen, dass wir eine andere Zeit haben. Der Anspruch der Jugend ist, von heute auf morgen am vollen Programm teilzunehmen und sofort alles zu haben. Das beinhaltet aber auch, dass sofort alle Einflüsse auf sie zukommen. Das müssen wir verstärkt mit einbeziehen. Ich denke, wir gehen sehr sorgfältig mit unseren jungen Spielern um.

?Trotzdem sind auch bei Ihnen ganz junge Spieler schon Stars.

!Sicher, der Sprung nach vorne kann trotzdem sehr schnell gehen. Beispiel Mesut Özil: Als er zu uns kam, wusste kaum jemand etwas von ihm. Nach eineinhalb Jahren ist er in aller Munde, ist die große Hoffnung für die WM. Das sind Quantensprünge. Und das macht das Ganze etwas schwieriger. Da müssen wir etwas sensibler werden.

?Wie sehr spielt bei solchen jungen Stars die Angst mit, plötzlich abzustürzen?

!Es kommt darauf an, was für ein Typ der jeweilige Spieler ist, wie sehr er sich Dinge zu Herzen nimmt. Der eine sagt, ist mir doch wurscht, wie ich dargestellt werde, ich lasse das nicht an mich heran. Der andere sagt, naja, Kritik kann mir schon weh tun. Der dritte unterscheidet, woher kommt die Kritik.

?Kommen die Spieler mit Problemen – auch privaten und familiären Dingen – auf Sie zu?

!Natürlich. Ich sage den Jungs ja auch, meine Tür ist immer offen. Es ist vollkommen wurscht, ob es sportlich oder privat ist. Der eine oder andere kommt eben, wenn er etwas Privates hat. Der eine oder andere sagt nichts, aber man merkt, dass ihn etwas bedrückt. Dann geht man auch hin und fragt, was los ist. Dann öffnet er sich. Ich bin aber nur ein Teil. Es gibt genauso die Möglichkeit mit Klaus Allofs oder den Co-Trainern zu sprechen, wo die Schwelle vielleicht nicht ganz so groß ist. Das Wichtigste ist, und das verdeutlichen wir allen neuen Spielern bei uns, auch im Nachwuchs: Es ist wurscht, was euch passiert, ihr habt jetzt noch jemanden dazu gewonnen, dem ihr euch anvertrauen könnt.

?Stichwort Leistungsdruck: Wie viel muss sein, wann ist es zu viel?

!Wir wissen alle, wie es in diesem Geschäft zugeht. Wenn ich als Nachwuchsspieler in den Profi-Bereich hineinwachse, weiß ich, worum es geht: Es geht um Leistung. Die Spieler bekommen früh vermittelt, dass andere vorbeiziehen, wenn sie nicht auf einem Top-Niveau sind. Aber es ist auch klar, dass wir niemanden im Regen stehen lassen.

?Wieviel Härte darf sein, um Leistung herauszukitzeln.

!Was ist hart?

?Zum Beispiel nur einen 16er Kader zu benennen, obwohl 18 Spieler erlaubt sind und es noch weitere gesunde Profis gibt.

!Das ist keine Definition von hart. Das ist eine Praxis, die umgesetzt wird, die das Geschäft hergibt. Ich muss einem Spieler schließlich aufzeigen, dass mehr von ihm erwartet wird. Das geht auf sehr vielfältige Weise. Ich kann ihn sehr hart trainieren, ich kann ihm sehr viel oder sehr wenig Beachtung geben – es gibt die ganze Palette. Aber – so etwas geschieht nicht von heute auf morgen. Bis dahin ist es immer ein längerer Prozess. Dabei kommt es auch darauf an, wie der Spieler auf die ersten Zeichen reagiert.

?Sind Sie härter geworden?

!Wir verändern uns ständig, die Zeiten ändern sich auch. Ich kann heute nicht mehr so arbeiten wie ich es vor zehn Jahren gemacht habe. Ich kann auch nicht mehr die Mannschaft, die wir früher hatten, mit der von heute vergleichen. Die Gesellschaft hat sich total verändert, und die Veränderungen treffen auch auf uns zu.

?Sehen Sie in Robert Enke einen Einzelfall?

!Wir alle hoffen, dass es einer bleibt. Aber natürlich kann keiner ausschließen, dass so etwas wieder passiert.

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