Mikael Silvestre über seinen Start in Bremen, schlechte Noten und das französische Nationalteam

„Natürlich kann ich besser spielen“

Im Gespräch: Werders Mikael Silvestre und Sportredakteur Malte Rehnert.

Bremen - Von Malte Rehnert. Er ist eben ein Vollprofi, dieser Mikael Silvestre. Auf dem Weg zum Interview-Termin erkannten gestern Mittag einige Kinder Werders neuen Linksverteidiger im Fanshop. Und der 33-Jährige gab sofort bereitwillig Autogramme und ließ sich ablichten.

Das gehört für den Franzosen einfach zu seinem Job – genau wie die Medientermine, von denen er in letzter Zeit einige zu absolvieren hatte. Gestern mit dieser Zeitung: Eine gute halbe Stunde sprach der sympathische Silvestre über sein neues Leben in Bremen, den Fehlstart mit Werder sowie seine eigenen Leistungen und Erwartungen.

Sie sind jetzt etwa sechs Wochen in Bremen. Was macht Ihr Deutsch?

(in ordentlichem Deutsch) Ich kann es schon ein bisschen, lerne beim Unterricht drei Stunden in der Woche.

Wie ehrgeizig sind Sie als „Schüler?

(fortan in Englisch) Für mich ist es sehr wichtig, die Sprache zu lernen. Dann kann ich mich mit meinen Teamkollegen verständigen, bin mehr involviert, verstehe den Boss (Trainer Thomas Schaaf, Anm. d. Red.) besser und kann mich an Diskussionen beteiligen. Meine Teamkollegen helfen mir im Moment noch sehr, die meisten sprechen gut Englisch. Aber es gehört zu meinem Job, gut Deutsch zu lernen.

Mikael Silvestre im Interview

Mikael Silvestre im Interview

Wie lange wird das dauern? Ihr Landsmann Valerien Ismael hat’s damals in Bremen erstaunlich schnell gelernt.

Ich weiß. Vielleicht bin ich in paar Monaten soweit, es gut zu sprechen. Momentan ist es noch ein bisschen schwierig mit den Übungsstunden, weil meine Familie und ich viel mit dem Umzug nach Bremen zu tun und wir mit Werder viele Spiele hatten. Aber ich hatte sechs, sieben Jahre Deutsch in der Schule und kann mit der Sprache noch etwas anfangen.

Sie sind gerade mit Ihrer Frau und Ihren drei Töchtern in ein Haus in Oberneuland umgezogen. Erleichtert, dass das Hotelleben ein Ende hat?

Ja. Wir sind zwar sehr gut behandelt worden, es ist allerdings nicht einfach, mit drei Kindern fast sechs Wochen im Hotel zu leben. Insgesamt ging’s aber sehr schnell. Innerhalb von fünf Wochen haben wir ein Haus gefunden und sind umgezogen. Ich denke, das könnte ein Rekord sein.

Der Umzug ist komplett fertig?

Ja. Wir müssen nur noch einiges im Haus machen. Zum Beispiel französisches Satellitenfernsehen installieren (lacht).

Haben Sie schon viel von der Stadt gesehen?

Nicht wirklich. Ich habe eine Guide-Tour mitgemacht. Das war sehr interessant. Ansonsten habe ich es nur geschafft, ein paar Mal in Restaurants zu gehen. Ich war eben sehr beschäftigt.

Sie haben Arsenal verlassen, waren vereinslos und haben sich in einer Trainingsschule in Frankreich fitgehalten Eine harte Zeit?

Nein. Von Arsenal wegzugehen, war eine wohl überlegte Entscheidung. Ich bin Fußballer und wollte wieder mehr spielen. Bei Arsenal war ich am Ende in vielen Spielen nicht dabei. Es ist hart, auf der Bank zu sitzen. Und es ist nicht so, dass ich noch zehn Jahre als Aktiver vor mir habe. Ich will Fußball genießen und mich beweisen.

Wie sehr haben Sie an sich selbst gezweifelt?

Wenn man in einem großen Verein spielt, hat man sehr viel Konkurrenz. Das musst man akzeptieren. Man kann dagegen ankämpfen, indem man sein Bestes zeigt und härter arbeitet. Aber ich habe nicht an mir gezweifelt. Mein Potenzial hat sich nicht verändert – und ich weiß, dass ich es noch schaffe, alle drei, vier Tage zu spielen.

Die intensiven Bemühungen von Trainer Thomas Schaaf und Manager Klaus Allofs haben Sie bei Ihrer Vorstellung bereits erwähnt. Gab‘s weitere Gründe, sich für Werder zu entscheiden?

Werder spielt attraktiven und offensiven Fußball. Ich beobachte den Club seit sechs, sieben Jahren – und es hat immer Spaß gemacht, Werder im Fernsehen zu sehen.

Jetzt sind Sie selbst Teil des Teams: Wie gut fühlen Sie sich schon integriert?

Gut. Ich hatte zehn Tage, um die Fitness für 90 Minuten zu bekommen. Dann habe ich in München gespielt, danach alle anderen Partien gemacht. Trotz des Aufs und Abs fühle mich immer besser integriert.

Ihr Fazit nach gut einem Monat in Bremen ist . . .

Positiv. In der letzten August-Woche war ich plötzlich in einem neuen Team, mit neuer Sprache. Aber Fußball ist Fußball, der ändert sich nicht. Ich spiele auf einer mir bekannten Position und weiß, was ich zu tun habe. Klar haben wir einiges zu verbessern. Der Start war insgesamt nicht perfekt.

Und Ihr eigener?

Da gilt das Gleiche, nicht perfekt. Aber ich wusste, dass es so sein würde. Ich brauchte ein paar Spiele und hoffe, dass es besser wird.

Sie haben sieben Spiele in 23 Tagen absolviert – jeweils 90 Minuten. Zu viel?

Manchmal war’s hart, das komplette Spiel auf dem Platz zu stehen. Da hing mir nach etwa 70 Minuten die Zunge aus dem Mund (lacht). Wir waren oft in der Situation, wo wir das Spiel nicht gemacht haben – und da muss man noch mehr laufen. Aber zu viel? Weiß ich nicht. Ich habe es immer genossen, auch wenn ich am Ende auf Knien gekrochen bin. Es musste eben sein, weil mehrere Verteidiger verletzt sind oder waren und wir deshalb nur wenig Defensiv-Optionen hatten.

Die Länderspielpause dürfte Ihnen demnach sehr gelegen kommen.

Ich war hin- und hergerissen. Soll ich nun härter arbeiten, um an die anderen richtig ranzukommen – oder nach den sieben Spielen ein bisschen rausnehmen? Ich denke, ich habe einen guten Mittelweg gefunden. Man muss sehen, dass wir jetzt wieder eine intensive Phase vor uns haben. Und ich bin schließlich keine 20 mehr . . . Es war gut, diese Pause zu haben.

Bei wieviel Prozent sind Sie derzeit?

Bei fast 100, aber ein paar Prozent fehlen noch.

Und die erarbeiten Sie sich in den nächsten Tagen? Sehen die Fans am Samstag im Heimspiel gegen Freiburg den 100-prozentigen Mikael Silvestre?

Ich hoffe ja. Wenn ich in der Nacht davor gut schlafe . . .

Bislang haben Sie sich in der Offensive merklich zurückgehalten. Ist das Ihr Spielstil – oder werden Sie noch „stürmischer“?

Ich bin im Kopf eher Verteidiger, habe in meiner Karriere fast immer zentral oder links gespielt. Um mehr in die Offensive gehen zu können, brauchen wir die Spielkontrolle. Da sind wir alle gefordert. Einfach nach vorne zu laufen, wäre dumm. Wir haben eine Angriffs-Mentalität in der Mannschaft, da konzentriere ich mich lieber erst mal auf den defensiven Part, denn zumindest die Verteidiger sollten in erster Linie verteidigen.

Sie haben schon einige schlechte Noten kassiert, Ihr Durchschnitt nach sieben Spielen liegt – in dieser Zeitung – bei 4,7. Ist das berechtigt, und stört Sie das?

Um ehrlich zu sein, lese ich fast nie Zeitung, deswegen beeinflusst mich das nicht. Es ist Teil unseres Jobs, Noten von den Medien zu bekommen. Manche sind zufrieden mit den Leistungen, manche eben nicht. Für mich ist wichtig, was ich dem Team geben kann – und was der Trainer über mich denkt. Natürlich weiß ich, dass ich besser spielen kann. Und das ist genau das, was ich vorhabe.

Sie sind Ende August mit dem Anspruch in Bremen angetreten, Führungsspieler zu werden. Wie weit sind Sie schon?

Weit. Wie ich schon gesagt habe: Das Wichtigste ist, gut zu spielen und den Teamkollegen zu helfen. Damit kannst du den Weg weisen. Auf dem Platz kann ich hinten links fast nur mit den Mitspielern um mich herum kommunizieren, aber nach dem Spiel in der Kabine spreche ich auch mit den anderen, wenn es nötig ist.

Warum kommt Werder jetzt aus dem Loch und dem Tabellenkeller heraus?

Wir sind auf dem 13. Platz und haben viele Mannschaften vor uns, die wir unbedingt einholen wollen. Wir haben genug Qualität und hatten einige gute Momente, seit ich hier bin. Was wir jetzt aber dringend brauchen, ist Konstanz.

Mainz steht sensationell ganz oben, Bayern, Schalke und eben auch Werder überraschend ziemlich weit unten. Was sagen Sie zur aktuellen Tabelle?

Wir sind wenigstens nicht die einzigen Mitfavoriten, die noch nicht da stehen, wo sie hinwollen. Mainz steht zu Recht oben. Sie haben hier gewonnen, sie haben in München gewonnen. Mainz ist sehr kompakt, entschlossen und schießt Tore. So einfach ist das.

Sie haben einen Vertrag bis 2012, dann sind Sie fast 35. Gibt‘s schon einen Plan fürs Karriereende?

Nein. Im Fußball ist es schwierig, Pläne zu schmieden. Du kannst nur dein Bestes geben und gucken, ob jemand dir einen Vertrag anbietet. Ob Werder meine letzte Station wird? Kann sein, kann nicht sein. Ich weiß es nicht. Auch nicht, ob ich danach nach Frankreich zurückkehre.

Ihr Heimatland ist bei der WM in der Vorrunde mit Schimpf und Schande gescheitert. Ein Schock?

Oh, ja. Es war doch jeder schockiert über das, was da abgelaufen ist. Jeden Tag eine neue Geschichte. Das war nicht gut für den Fußball und das Land. Einige Spieler wurden bestraft. Ob zurecht, mag ich nicht beurteilen. Aber das war im Juni. Im August kam eine neue Mannschaft, ein neuer Trainer. Sie haben das alles hinter sich gelassen. Das zeigt, dass man immer eine Chance bekommt, Dinge geradezurücken. Dass Laurent Blanc jetzt verjüngt, ist der richtige Weg.

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