„Kommt raus, ihr Feiglinge!“

Werder und seine Wunder von der Weser

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Die Ostkurve präsentiert sich im Heimspiel gegen Hannover (13. Dezember 2014) als grün-weiße Wand.

Bremen – Samstagnachmittag im Weserstadion. Nach zunächst schwacher Vorstellung kommt Werder nach 0:2- und 1:3-Rückständen zurück, erkämpft sich ein Unentschieden gegen drittplatzierte Hauptstädter. Eine Sensation? Nicht im Weserstadion, wie der Blick zurück bezeugt.

Hertha-Mittelstürmer Salomon Kalou tat alles, um die Werder-Hoffnungen im Keim zu ersticken. Nach dem Anschlusstreffer durch Fin Bartels stellte er postwendend die Zwei-Tore-Führung wieder her. 20 Minuten vor Abpfiff eigentlich die Entscheidung. Doch wer schon an den sicheren Sieg glaubt, kennt das Weserstadion schlecht. Bei den Fans herrscht keine Spur von Resignation, sie skandieren: „Steht auf, wenn ihr Bremer seid.“ Und alle machen mit. Auf den Rängen bildet sich eine grün-weiße Wand. An der Weser soll wieder eine Festung entstehen, und den Grundstein legen die Fans an diesem Samstag, den 30. Januar, um 17 Uhr. Dieser Wille überträgt sich auf die Mannschaft. „Es hat gebrodelt. Wir haben die Zuschauer im Rücken gespürt. Es gab für uns nur noch eine Marschroute: nach vorne!“, schwärmt Bartels später. Das zahlte sich aus: Bremen kommt zu einem Punkt gegen favorisierte Berliner, darüber hinaus zur Erkenntnis: „Diese Mannschaft steigt nicht ab.“ Dessen war sich Victor Skripnik nach dem Spiel sicher.

Die Aufholjagd mag aufgrund der aktuellen Situation überrascht haben. Dass Werder Bremen zu Überraschungen aber stets in der Lage ist, sollte deutschlandweit bekannt sein. Das Comeback gegen Hertha verblasst allerdings im Vergleich zu vergangenen Spielen an der Weser. Die legendären Aufholjagden begründen den Mythos Weserstadion und sind als „Wunder von der Weser“ in die Fußball-Geschichtsbücher eingegangen. Viermal gelang es den Bremern vor eigenem Publikum, einen Drei-Tore-Rückstand noch umzubiegen, so oft wie keinem anderen deutschen Verein auf europäischer Bühne. Kreiszeitung.de blickt auf die legendärsten Spiele im Bremer Weserstadion zurück.

4. November 1987: 6:2 gegen Spartak Moskau

Das erste Mal macht der Begriff vom „Wunder an der Weser“ 1987 die Runde. Nach einer 1:4-Niederlage in Russland kann man in Bremen kaum noch mit einem Einzug ins Uefa-Cup-Viertelfinale rechnen. Hoffnung macht Frank Neubarth mit einem Doppelpack nach nur zehn Minuten. Weitere Tore von Frank Ordenewitz und Gunnar Sauer zum 4:1 bringen die Verlängerung. Dort macht Manfred Burgsmüller das goldene Tor, Viktor Passulkos Treffer zum 6:2-Endstand bleibt ohne Bedeutung. Die Stadionbesucher müssen aber nicht nur wegen des Spielstandes zittern: Wegen anhaltender Nebelschwaden droht stets der Spielabbruch – der ein Wiederholungsspiel bedeutet hätte.

11. Oktober 1988: 5:0 gegen Dynamo Berlin

Im Europapokal der Landesmeister kommt es ein Jahr vor der Wende zum Duell Ost gegen West. Der Deutsche Meister aus Bremen verliert das Hinspiel beim Meister der DDR in Berlin: 3:0 gewinnt Dynamo. Im Rückspiel versucht es Werder mit allen Tricks. Willi Lemke organisiert den Ostdeutschen einen Einkaufsbummel mit Werder-Rabatt – am Spieltag. „Wir haben uns mehr Gedanken um unsere Elektrogeräte als um das Spiel gemacht“, gesteht Thomas Doll dem NDR „Sportclub Story“ später. Dazu hämmert Manfred Burgsmüller vor dem Spiel gegen die Dynamo-Kabine, ruft: „Kommt raus, ihr Feiglinge!“ Das zeigt Wirkung. Bremen spielt Berlin an die Wand und gewinnt 5:0. Die Tore erzielen Michael Kutzop, Günter Hermann, Karlheinz Riedle, Manfred Burgsmüller und Thomas Schaaf. Auch die mitgereisten Stasi-Kräfte müssen machtlos zuschauen.

6. Dezember 1989: 5:1 gegen SSC Neapel

Gegen Neapel ist keine Aufholjagd nötig, aber gerade die Souveränität der Bremer darf als sensationell bezeichnet werden. Im Uefa-Cup-Hinspiel siegte man in Neapel mit 3:2, im Rückspiel ballert man den SSC, damals immerhin amtierender Titelverteidiger des Wettbewerbs, mit 5:1 aus dem Weserstadion. Auf der Siegesseite die Bremer Torschützen Karlheinz Riedle (2x), Wynton Rufer, Gunnar Sauer und Dieter Eilts; auf der Verliererseite Legenden wie Careca, Gianfranco Zola und Diego Maradona.

Die legendärsten Spiele im Weserstadion

8. Dezember 1993: 5:3 gegen RSC Anderlecht

Nicht immer wartet Bremen mit der Aufholjagd bis zum Rückspiel. In der Gruppenphase der Champions League steht es bereits zur Halbzeit 0:3 für die Belgier. Uneinholbar, meinen die Zuschauer. Massenweise Fans verlassen bereits das Stadion. Sie verpassen Historisches. Wynton Rufer erzielt in Minute 66 den Anschlusstreffer. Danach spielt Bremen furios. Es folgen vier weitere Tore in 23 Minuten. Rune Bratseth, Bernd Hobsch, Marco Bode und erneut Rufer heißen die Werder-Helden. Zum Einzug in die Ko-Phase reichte es dennoch nicht.

7. Dezember 1999: 4:0 gegen Olympique Lyon

Auch eine neue Werder-Generation beschert den Fans ein „Wunder an der Weser“. Thomas Schaaf sitzt 1999 im ersten Jahr auf der Bremer Trainerbank. Ebenfalls neu dabei: Die aus Peru verpflichtete Sturmhoffnung Claudio Pizarro. Eben der sollte eine Rolle im Rückspiel der 3. Runde des Uefa-Cups spielen. Mit einem 0:3 im Gepäck kehrt Werder aus Lyon zurück. Die knapp 10.000 Zuschauer, die sich trotzdem im Weserstadion einfinden, werden belohnt: Marco Bode, Andreas Herzog, Frank Baumann und ein junger Claudio Pizarro lösen das Ticket zum Achtelfinale. Dort dreht Bremen sogar noch eine 0:1-Hinspielniederlage gegen Parma, bevor gegen Arsenal Schluss ist.

Die 3 höchsten Derbysiege: 24. September 1966, 29. Mai 1993, 1. Mai 2004

121 Mal traf Werder Bremen auf den Erzrivalen von der Elbe. Mit 46 Siegen hat man die Nase vorn, der HSV gewann 39 Spiele. Die drei höchsten Siege der ewigen Rivalität gehen jedoch alle an die Bremer – und sie ereigneten sich allesamt im Weserstadion. 1966 gewinnen die Bremer um den Torschützen Horst-Dieter Höttges mit 5:1 den erst siebten Bundesliga-Vergleich. Erst 1993 verbesserte man dieses Ergebnis. Beim 5:0-Erfolg trifft unter anderem Wynton Rufer doppelt. Noch einen drauf setzten sie beim höchsten Ergebnis der Derbygeschichte, welcher vielen noch im Gedächtnis sein dürfte. Er datiert vom 1. Mai 2004. Hamburgs Sergej Barbarez leitet mit einem Eigentor den Torreigen ein, danach treffen Vaerlien Ismaël, Ivan Klasnic, Ailton, Nelson Valdez und Viktor Skripnik.

7. Dezember 2013: Höchste Heimniederlage der Werder-Historie

Auch bittere Enttäuschungen trugen sich im Weserstadion zu. Die höchste Niederlage vor heimischem Publikum liegt noch nicht weit zurück. Gegen Bayern München setzt es im Dezember 2013 eine 0:7-Blamage. Noch dazu fing alles mit einem Eigentor von Assani Lukimya an. Kapitän Clemens Fritz bezeichnete die Demontage danach als das schlimmste Spiel seiner Werder-Zeit. Dieses Sentiment dürften viele Spieler und Fans bis heute teilen.

26. Dezember 1957: HSV-Wunder an der Weser?

In den Geschichtsbüchern wühlende Werder-Fans könnte ein böser Verdacht erschleichen: Hat vielleicht ausgerechnet der Hamburger SV die „Wunder an der Weser“ erfunden? 1957, ganze 30 Jahre vor dem Werder-Wunder gegen Spartak Moskau also, sorgt Uwe Seeler für ein HSV-Wunder im Weserstadion. Gegen Bremerhaven kassiert „Uns Uwe“ eine Rote Karte, die zu Randale auf dem Platz führt. Die Konsequenz hat es in sich: Der DFB verhängt eine Platzsperre gegen die Hamburger. Ihr Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig in der Oberliga Nord, damals die höchste deutsche Spielklasse, müssen sie daher ausgerechnet im Bremer Stadion austragen. Für die 15.000 mitgereisten Fans soll sich die Fahrt lohnen. Zur Pause liegt Braunschweig 4:0 vorne. Der Hamburger Gerd Krug sinnt bereits auf Schadensbegrenzung – und handelt sich dafür von Seeler mächtig Ärger ein. Dass er das Spiel noch längst nicht abgeschrieben hat, unterstreicht er mit einem Treffer nur Sekunden nach Wiederanpfiff. Zwei weitere lässt er noch folgen, dazu treffen Josef Posipal, Klaus Stürmer und Uwe Reuter. Ein unglaublicher 6:4-Sieg, der den Weg zur späteren Oberliga-Meisterschaft ebnet.

ch

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