Donezk war wie ein böser Traum, in Bremen will der Bolivianer den Durchbruch schaffen

Moreno: „Jetzt bin ich bereit“

Werder-Bremen - NORDERNEY n Ob er schon mal ein ungewöhnlicheres Ambiente für eine Medienrunde erlebt hat? „Nein“, sagt Marcelo Moreno und lächelt schüchtern, „auf einem Boot habe ich noch nie ein Interview gegeben.“ Gut, das mit dem Boot ist leicht untertrieben. Schließlich sitzt er auf dem Oberdeck der recht großen Fähre nach Norderney. Um ihn herum fünf Journalisten und ein Kamerateam – die erste Kontaktaufnahme mit einem, der der neue Werder-Star werden könnte.

Doch das mit dem Star hält nun Moreno für reichlich übertrieben. Oder besser gesagt: für verfrüht. So weit denkt der 22-Jährige, der für ein Jahr und zwei Millionen Euro von Schachtjor Donezk ausgeliehen ist, noch nicht. Erstmal möchte er überhaupt das schaffen, was ihm in der Ukraine nicht gelungen ist: Fuß fassen.

Vor einem Jahr hatte Moreno seine Heimat Bolivien verlassen, um sein Glück in Europa zu suchen. Auch damals war Werder schon an ihm interessiert. Doch Schachtjor, der spätere UEFA-Cup-Sieger, bekam den Zuschlag. Warum? „Es war eine Entscheidung, die in der Gruppe mit meinen Beratern, meiner Familie und mir gefällt wurde“, erklärt Moreno. Doch die Wahrheit ist wohl, dass der Einfluss der Berater ausschlaggebend war. Und die gaben der größeren Verdienstmöglichkeit den Vorzug. „Marcelo wollte damals gar nicht wirklich nach Donezk“, verrät Werder-Sportdirektor Klaus Allofs.

Tatsächlich wirkt Moreno immer noch erschrocken, wenn er über die Zeit bei Schachtjor spricht. So, als ob das Ganze für ihn ein schlimmer Traum gewesen wäre, aus dem er gerade erwacht ist. Trainer Mircea Lucescu ließ den talentierten Angreifer kaum spielen, Moreno war folglich kreuzunglücklich. Auch, weil ihm die Eingewöhnung im neuen Land und Kulturkreis enorm schwer fiel. Die Sprache, die Stadt, die Ernährung – alles kam ihm komisch vor: „Es war eine schwere Zeit. Ich hatte nie die Möglichkeit, mich wirklich zu zeigen“, lässt er von Werders mehrsprachigem Fitnesstrainer Benjamin Kugel übersetzen.

Diese Chance will und wird ihm Werder nun geben. Marcelo Moreno könnte der Nachfolger von Claudio Pizarro werden. Oder aber dessen Sturmpartner, wenn der Peruaner doch noch weiterverpflichtet wird. In jedem Fall sieht Trainer Thomas Schaaf großes Potenzial bei dem bolivianischen Auswahlspieler. Am Donnerstagabend, kurz nach Morenos Ankunft in Bremen, unterhielt sich der Werder-Coach lange mit dem Neuzugang. Moreno hatte schnell die neuen Werder-Trikots als Model präsentiert, dann erklärte ihm Schaaf, wie’s in Bremen für ihn laufen wird. Zusammenfassung des Gesprächs: „Er hat mir etwas über die Stadt erzählt, dass Bremen ruhig und angenehm ist. Er hat mir aber auch das Spielsystem erklärt und mir gesagt, dass ich im Training hart arbeiten muss, aber dass ich bei Werder eine reelle Chance habe“, berichtet der Mann, der die Trikotnummer 39 gewählt hat.

In Donezk trug er die 99 – der Hang zur Nummern-Extravaganz („Das hat keinen tieferen Hintergrund“, so Moreno) ist erkennbar. Doch das ist – abgesehen von einem Brillianten-Ohrring und einer Halskette mit dickem „M“ als Anhänger auch schon alles, was an Besonderheiten auszumachen ist. Ansonsten wirkt Marcelo Moreno sehr normal. „Er ist ein unkomplizierter Typ“, sagt Allofs. Kein Lautsprecher, eher ein Leisetreter: „Er ist niemand, der sagt: Hoppla, hier komme ich.“

Dennoch oder vielleicht gerade deswegen liebt Bolivien seinen Nationalstürmer. In der Heimat ist Marcelo Moreno längst der Star, der er auch in Bremen werden könnte. Talent fürs Toreschießen, gutes Aussehen, vernünftiges Auftreten – die Zutaten sind da. Jetzt muss Moreno nur noch ’was draus machen. Beim ersten Training gestern Morgen in Bremen hat er schon mal zugelangt. Premierentor für Werder. Zugegeben, das ist eigentlich keine Erwähnung wert, „aber es war schon mal ein guter Anfang“, grinst der erste Bolivianer im Bremer Trikot, der sich ein klares Ziel gesetzt hat. Nach nur einem Jahr in Donezk soll die Verweildauer in Bremen deutlich länger ausfallen – sprich: über die Ausleihfrist hinaus. „Donezk war eine wichtige Erfahrung. Jetzt fühle ich mich bereit, in Europa den Durchbruch zu schaffen. Ich will Gas geben und hoffe, länger zu bleiben.“

Es könnte klappen. Wenn es da nicht ein Problem geben würde, für das Werder schon Berge versetzen müsste, um es zu lösen. Denn Klaus Allofs hat ausgemacht, dass Moreno im vergangenen Jahr nach Länderspielabstellungen stets aus dem Tritt geraten war. Möglicher Grund: Die Umstellung von Höhenluft – Boliviens Hauptstadt La Paz liegt 3 600 Meter über dem Meeresspiegel – auf Donezk-Niveau. Die ukrainische Bergarbeiterstadt bringt’s nur auf 192 Meter. Und Bremen? Da sind’s gerade mal 11,5 Meter – irgendwie schlecht für Werder.

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