Darmstadts Peter Niemeyer im Interview

„Mit Meier können wir das nächste Wunder schaffen“

Für Peter Niemeyer ist das Spiel heute zwischen Darmstadt und Werder ein Duell zweier Abstiegskandidaten. J Foto: imago

Darmstadt/Bremen - Von Carsten Sander. Peter Niemeyer ist einer, den man mit Fug und Recht als feinen Kerl bezeichnen kann. Freundlich, ehrlich, ohne Allüren. Aber Peter Niemeyer ist auch einer, der austeilen kann. 13 Gelbe Karten in der vergangenen Saison zeugen davon.

In der laufenden Spielzeit hat er bereits einmal Gelb-Rot gesehen und am vergangenen Spieltag Augsburgs Raul Bobadilla mit einem Foul vom Platz befördert. Schultereckgelenksprengung bei dem einen, Gelb für den anderen. Aber Niemeyer sagt, dass er deshalb „kein böser Junge“ sei: „Ich gebe auf dem Platz einfach alles für meinen Club.“ Sein Club – das ist Darmstadt 98, der Dauer-Außenseiter der Bundesliga und Gegner des SV Werder. Für den hat der 32-Jährige zwischen 2007 und 2010 32 Bundesliga-Spiele sowie die Finals im Uefa- und DFB-Pokal 2009 bestritten. Bremen, das ist seine alte Liebe.

Fünf Spieltage sind um in der Liga, Darmstadt ist mit vier Punkten 14., direkt vor Werder Bremen mit drei Punkten. Ist das Tabellenbild eine Abbildung der Wahrheit? Zwei Vereine auf Augenhöhe, aber auf niedrigem Niveau?

Peter Niemeyer: Ich glaube schon, dass beide Vereine wieder um den Klassenerhalt kämpfen müssen. Für uns ist es deshalb ein Spiel gegen einen direkten Konkurrenten. Werder hat natürlich grundsätzlich ein Riesenpotenzial. Das ist ein Mega-Verein, überragend. Aber bei dem Saisonstart und nun mit einem neuen Trainer muss alles erst wieder neu wachsen.

Darmstadt 98, Ihr eigener Club, ist nur unwesentlich besser in die Saison gekommen. Wie bewerten Sie die vier Punkte?

Ich glaube, dass wir die Punktzahl haben, die unserer Leistungsfähigkeit entspricht. Wir hätten natürlich gerne ein, zwei Punkte mehr gehabt, müssen aber zufrieden sein und können damit leben.

Mit den bisher gezeigten Leistungen auch?

Es wäre gut gewesen, wenn wir sportlich ein bisschen besser gewesen wären. Das würde mir noch mehr Vertrauen geben.

In der vergangenen Saison hat Darmstadt das Wunder Klassenerhalt geschafft. Danach ist unheimlich viel passiert. 18 Abgänge, 18 Zugänge – und auch der Trainer hat gewechselt: Dirk Schuster ging, Norbert Meier kam. Kennen Sie sich eigentlich schon wieder richtig aus im eigenen Team?

Es hat sich noch nicht komplett gefunden, das stimmt. Wegen der vielen späten Veränderungen – ich glaube, allein im August sind noch acht, neun Spieler gekommen – kann das aber auch noch nicht sein. Klar ist: So eine Vorbereitung wie vor dieser Saison habe ich noch nicht erlebt. Eigentlich machen wir jetzt im laufenden Spielbetrieb die Vorbereitung durch, die andere lange vorher gemacht haben.

Wie lange darf es dauern, bis das Team wieder die starke Einheit ist, die es nach dem Aufstieg war?

Nicht lange. Die Tugenden, die wir als Mannschaft verkörpern wollen, hat man entweder intus oder nicht. Wenn man sie hat, wovon ich bei allen unseren Spielern ausgehe, wird der Verschmelzungsprozess auch relativ schnell gehen. Wenn wir erst in der Rückrunde damit anfangen würden, wäre es vermutlich zu spät.

Sind Ihre Abstiegssorgen aktuell bedrückender als vor einem Jahr?

Letzte Saison waren die Sorgen auch da, aber unser Gebilde war gefestigter. Es war in drei Jahren gewachsen. Jeder wusste, auf welche Qualität man sich immer wieder berufen kann. Dieser rote Faden war drei Jahre länger als er es jetzt ist.

Anders gefragt: Ist die Herausforderung, die Klasse zu halten, diesmal noch größer?

Vor einem Jahr war auch schon von einem Mammutprojekt die Rede und davon, dass es unmöglich ist, es zu bewältigen. Letztlich waren wir in Deutschland aber in etwa das, was Sensationsmeister Leicester City in England war.

Sie befinden sich also auf Himmelfahrtskommando Nummer zwei, das zu einem guten Ende gebracht werden soll?

So kann man das bezeichnen.

Dirk Schuster war beim ersten Teil der gefeierte Trainer. Jetzt ist er beim FC Augsburg, und Norbert Meier – wie Sie ein Ex-Bremer – hat in Darmstadt das Sagen. Wie erleben Sie ihn?

Norbert Meier hat eine Menge Erfahrung. Er versucht, seine Spielphilosophie einzubringen. Das ist total positiv. Ich glaube, dass wir mit ihm zusammen das nächste Wunder schaffen können.

Werder war Ihre erste Bundesliga-Station, als Sie 2007 vom FC Twente Enschede kamen. Was bedeutet Ihnen Bremen heute noch?

Es war eine wunderschöne Zeit dort. Bei mir sind jedes Mal große Emotionen im Spiel, wenn ich gegen Werder spiele. Der Club ist für mich definitiv eine große Nummer und auf meiner persönlichen Fußball-Landkarte ganz dick angekreuzt.

Im Spiel wird sich Ihr Weg häufiger mit dem von Clemens Fritz kreuzen. Glauben Sie, dass Sie beide heile aus der Nummer heraus kommen?

Wieso? Wegen der Gelben Karten?

Genau: Mit jeweils 13 Verwarnungen standen sie am Ende der Vorsaison gemeinsam auf Platz eins der Gelb-Hitliste.

(lacht): Deswegen sind wir aber keine bösen Jungs. Wir versuchen doch beide nur, alles für die Mannschaft zu tun. Außerdem: Clemens und ich verstehen uns privat so gut, da habe ich überhaupt keine Bedenken. Wir haben regelmäßig Kontakt, unternehmen auch mal etwas zusammen, gehen gemeinsam eine Runde Golf spielen.

Frank Baumann war in Bremen ebenfalls ein Teamkollege – er stand am Ende seiner Karriere, Sie wollten gerade durchstarten.

Und er hat mich in gewisser Weise geprägt. Zwei Momente sind da noch sehr präsent für mich.

Nämlich welche?

Für mich war es damals ein sehr großer Schritt, von Twente Enschede zu Werder zu wechseln. Dann kam ganz am Anfang im Kraftraum der große Frank Baumann zu mir und sagte: ,Du kannst dich immer bei mir melden. Ich helfe dir, wenn du Fragen hast.' Das war ein Türöffner und sehr wichtig für mich. Das habe ich mir gemerkt. Wenn heute neue Spieler zu uns ins Team kommen, bringe ich genau diesen Satz. Außerdem: Als Frank 2009 mit dem DFB-Pokalfinale seine Karriere beendet hat, bin ich für ihn eingewechselt worden. Ich freue mich riesig, dass er jetzt der Chef ist bei Werder. Ich traue ihm diese Rolle auch absolut zu. Er war schon damals eine Führungspersönlichkeit. 

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