Tremmel wünscht sich mehr englische Härte in der Bundesliga

„Mir fehlt hier der Männersport“

Gerhard Tremmel hat einen sehr nüchternen Blick auf den Fußball und deshalb auch vor einem Abstieg keine Angst. - Foto: nph

Bremen - Am Samstag war Gerhard Tremmel endlich mal zufrieden. „Mir hat das ganz gut gefallen, was Herr Gräfe gemacht hat. Er hat das eine oder andere auch mal durchlaufen lassen“, lobt Werder Bremens Ersatzkeeper den Schiedsrichter beim Mainz-Spiel und betont: „ Für mich ist Fußball ein Kontaktsport, da gehören Zweikämpfe einfach dazu.“

Doch in der Bundesliga würden die meisten Spieler nach einem Rempler schon zu Boden gehen und dafür auch noch einen Freistoß bekommen. Es sind nicht nur diese klaren Worte, die das Gespräch mit Tremmel zum Vergnügen machen. Der 37-Jährige hat einfach viel zu erzählen, dabei eine klare Meinung und beißt sich nicht wie viele seiner Kollegen auf die Zunge, um bloß nichts zu verraten oder blöd dazustehen.

„Es darf ja keiner mehr was falsches sagen, alles schön nach den Regeln“, moniert Tremmel. Gepaart mit der Fallsucht auf dem Platz stellt die Leihgabe von Swansea City seufzend fest: „Mir fehlt hier in der Bundesliga der Männersport, der ist weg. Das ist in England eine ganz andere Hausnummer.“ Und er nennt dabei ein für ihn eigentlich unangenehmes Beispiel: „Mir gefällt es, dass man im Fünfmeterraum als Torwart angegangen werden darf. Da wird nichts gepfiffen. Da musst du dir eben Platz machen.“

Fast fünf Jahre lang war Tremmel auf der Insel – in Wales. Mit dem Premier-League-Club Swansea sorgte er vor allem mit dem Gewinn des Ligapokals 2013 für Furore. „Eine deutsche Medaille wäre noch mal richtig geil, die Chance ist ja da, wenn es auch schwer wird“, blickt Tremmel schon Richtung DFB-Pokal-Halbfinale beim FC Bayern am 19. April und macht Mut: „Ich habe meine Medaille quasi im Halbfinale gegen Chelsea gewonnen, da haben wir zwei Mal zu Null gespielt. Im Finale haben wir dann den Viertligisten Bradford 5:0 geschlagen.“ Die allgegenwärtige Angst vor den Bayern nervt ihn: „Jeder fährt da hin und denkt nur: O scheiße, komm, wir geben die Punkte ab.“ Auch die Berichterstattung stört ihn: „Immer nur Bayern, Bayern, Bayern. Klar, die haben super Spieler, das ist ein Riesenclub. Aber in England redet auch keiner nur über Chelsea. Da hast du Manchester City, United, Arsenal. Es sind einfach viele, die Meister werden können. Hier wird Bayern Meister, das war es.“

Klingt alles fast so, als würde Tremmel am liebsten sofort in die Premier League zurückkehren. Doch weit gefehlt. Er könne sich durchaus vorstellen, ein weiteres Jahr zu bleiben. Denn bei aller Kritik fühlt sich der Torwart in der Bundesliga und speziell bei Werder „sehr wohl. Die Mannschaft ist toll, das Umfeld ist toll, die Fans sind großartig.“ Die Lebensqualität in Bremen weiß er ebenfalls zu schätzen: „Ich wohne im Viertel, also mitten in Bremen, wo der Bär tanzt. Es gibt viele nette Cafes. Nach den Spielen ist da viel los, da tobt das Leben – und ich bin mittendrin, mir gefällt das.“

Jetzt müsste er nur noch spielen. „Na klar, das hat man immer im Hinterkopf. Deshalb ist man Profi“, gesteht Tremmel. Doch Felix Wiedwald (26) ist die klare Nummer eins. „Ich soll ihm den Rücken freihalten“, erklärt Tremmel seine Rolle, die ihm allerdings nicht ausreichte: „Ich habe schon gemerkt, dass der Mannschaft ein bisschen mehr Führung gut tun würde. Wir haben viele extrem junge Spieler.“ Claudio Pizarro (37) sei nicht der Profi, „der in der Kabine extrem viel redet“. Dann sei da nur noch Clemens Fritz (35) als erfahrener Spieler. „Deshalb habe ich mich da eingeklinkt und greife denen unter die Arme“, berichtet Tremmel und ist zufrieden: „Wir haben einer super Stimmung und sind total geschlossen.“

Das sei die Grundlage für den Klassenerhalt. Er weiß, wovon er spricht, hat beides schon erlebt – also auch den Abstieg. Deshalb hält er auch wenig davon, jetzt schon groß über die Zukunft zu sprechen – weder die eigene noch die der Kollegen. „Was ist, wenn wir absteigen? Ich denke nicht, dass Pizarro dann verlängern wird. Dann wird es unwahrscheinlich, dass ich bleibe, und der eine oder andere wird auch gehen.“ Er sieht das nach 16 Jahren Profifußball ganz nüchtern. Das gilt auch für den persönlichen Umgang mit dem vermeintlichen Worst Case: „Ich werde dann auch am nächsten Tag aufstehen, frühstücken, Kaffee trinken und sicher auch mal lachen. Denn es gibt noch andere Dinge im Leben als Fußball.“

Aber natürlich will er es so weit nicht kommen lassen und alles tun, damit Werder drin bleibt. Wiedwald im Notfall zu ersetzen, wäre für ihn trotz fehlender Spielpraxis nach 125 Bundesliga-Partien für Unterhaching, Hannover, Hertha BSC und Cottbus kein Problem: „Ich weiß doch, was auf mich zukommt. Ich habe mich immer schnell eingefunden.“ kni

Mehr zum Thema:

Piazzetta 2017 - Kunst bei bestem Sommerwetter

Piazzetta 2017 - Kunst bei bestem Sommerwetter

„Stelle di Notte“ an der Bassumer Freudenburg

„Stelle di Notte“ an der Bassumer Freudenburg

Open-Air-Sommerfestival am Weichelsee

Open-Air-Sommerfestival am Weichelsee

„Vibi“ reinigt das Naturfreibad Eystrup

„Vibi“ reinigt das Naturfreibad Eystrup

Meistgelesene Artikel

Franke auf dem Weg zu Werder?

Franke auf dem Weg zu Werder?

Schierenbeck sucht nach neuem Bruns

Schierenbeck sucht nach neuem Bruns

Entspannter Entscheider

Entspannter Entscheider

"Richtig Lust auf das große Klassentreffen"

"Richtig Lust auf das große Klassentreffen"

Kommentare