„Wech vom Deich“ - Teil 6

Marco Stier: Einst Deutschlands größtes Talent, heute Sportinvalide

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Stürmer Marco Stier rückte 2002 aus der U19 zu den Profis auf – den Sprung in die Bundesliga schaffte er bei Werder Bremen aber nicht.

Hamburg - Von Mario Gomez vor dem Knast gerettet, von Falko Götz ins Gesicht geschlagen, von Verletzungen kaputtgemacht - hinter Ex-Werder-Spieler Marco Stier liegt eine außergewöhnliche Karriere. Aus unserer Serie „Wech vom Deich“.

Als plötzlich die Männer mit den Maschinengewehren brüllend vor ihm auftauchten, verstand Marco Stier im ersten Moment die Welt nicht mehr. Wo kamen die so schnell her? Und vor allem: Was wollten die von ihm? Kurze Zeit später dann die fatale Erkenntnis: Er und seine Mitspieler hatten Mist gebaut, gewaltigen Mist. Nach der 0:3-Pleite im U20-Länderspiel gegen Italien waren Stier und eine Handvoll Teamkollegen nachts aus dem Hotel ausgebüxt, um Rom unsicher zu machen. „Wir wollten ein bisschen feiern“, erinnert sich Stier.

Nicht ins Gefängnis - dank Mario Gomez

Auf dem Rückweg dann die unheilvolle Idee mit den Apfelsinen: „Wir haben ein paar gepflückt und gegen die Fensterscheiben eines Gebäudes geworfen.“ Dass es sich dabei um die amerikanische Botschaft handelte, wussten die Talente nicht. Am Ende war es nur der Überzeugungskraft und den rudimentären Italienischkenntnissen von Mario Gomez zu verdanken, dass die Nationalspieler nicht verhaftet wurden. „Glück gehabt“, lacht Ex-Werder-Profi Stier, auf dessen Karriere diese Einschätzung nicht immer zutraf – im Gegenteil. Die Geschichte des Angreifers, sie handelt von großem Potenzial und noch größeren Hoffnungen, aber auch von schlimmen Verletzungen und harten Rückschlägen.

Den Vertrag unterschreiben mussten die Eltern. Ist eben so, wenn man noch nicht volljährig ist – für Marco Stier, damals 17 Jahre alt, spielte das im Frühjahr 2001 aber keine Rolle, überhaupt keine. Schließlich sollte hier, im Büro von Werders Sportchef Klaus Allofs, eine große Karriere starten: seine. Aus der Jugend des FC St. Pauli hatten die Bremer das Talent 1999 an die Weser gelockt und dabei unter anderem die großen Bayern ausgestochen. Und Stürmer Stier lieferte in den folgenden Jahren ab: Tore für die U17, Tore für die U19, viele, fast wie am Fließband. 2001 dann der lang ersehnte Profivertrag. Ein Jahr später wird Stier vom DFB als größtes Nachwuchstalent ausgezeichnet. „In der Jugend lief alles perfekt, ich war immer das Aushängeschild“, betont er. Damit sollte es bald vorbei sein.

Marco Stier (hier mit Ailton) erlebte die Double-Saison 2003/2004 als Mitglied des Profi-Kaders, blieb aber ohne Einsatz.

Heute ist Marco Stier Sportinvalide, zehn Operationen hat er hinter sich. „Nach dem Aufstehen brauche ich eine gute Stunde, bis ich mich schmerzfrei bewegen kann“, berichtet er. Fußball – das geht schon lange nur noch passiv. Seit dieser Saison ist der gebürtige Hamburger in seiner Heimatstadt als Trainer für den Oberligisten HSV Barmbek-Uhlenhorst zuständig. Tabellenplatz neun nach dem siebten Spieltag. „48 Trainer haben sich um den Job beworben, und ich habe ihn bekommen“, betont er. „Ich möchte den Verein in den nächsten Jahren in die Regionalliga führen.“ Der alte Ehrgeiz, das Forsche, Freche und Aufstrebende – es ist bis heute geblieben. Trotz aller Rückschläge: Brechen lassen hat sich dieser Marco Stier nicht.

Gleich bei seinem Debüt für Werders U23, März 2002, Dresdner SC, trifft Stier in der Regionalliga mit der ersten Ballberührung zum 2:1-Endstand. Als er 20 ist geht zwei Jahre später der große Ärger los. Stier zieht sich eine Schambeinentzündung zu, die ihn zu einer 14-monatigen Pause zwingt. Um die starken Schmerzen nicht mehr zu spüren, lässt er die Nervenstränge im verletzten Bereich kappen. Eine risikoreiche und umstrittene Methode. „Das war eine sehr harte Zeit für mich. Danach hatte ich nur noch Pech.“ Stier erlebt Werders Double 2004 zwar als Mitglied des Profi-Kaders, bleibt aber ohne jeden Einsatz. Als er wieder fit ist, bricht er sich bei einem Luftduell mit Torhüter Tim Wiese im Training das Nasenbein, drei Wochen später in der Regionalliga noch Jochbein und Kiefer. „Wie soll man sich da zeigen?“, fragt er und kennt die Antwort selbst: Es geht nicht.

Stier: „Das kreide ich Schaaf an“

Stiers Problem: Auch in den Phasen, wo er fit ist, setzt Trainer Thomas Schaaf nicht auf ihn. „Heute sind Jungs, die mit 18 ein bisschen kicken können, sofort A-Nationalspieler. Früher habe ich keine Chance bekommen. Das kreide ich Schaaf an.“ Zwar steht der Angreifer oft im Kader, bleibt aber stets auf der Bank. Am 26. November 2005 dann ein Erlebnis, nach dem Stier weiß, dass er Werder verlassen muss. „Vor dem Auswärtsspiel auf Schalke waren alle Stürmer verletzt oder angeschlagen, Klose, Klasnic, Hunt, Valdez. In den Zeitungen stand schon ,Wer stürmt neben Stier?‘“, erinnert sich der 34-Jährige, den im Teamhotel der Schlag trifft, als er die aufgemalte Startaufstellung sieht: „Bei Valdez ging es doch, und daneben hat Frings im Sturm gespielt.“ Auch als Werder in der Schlussphase mit 1:2 hinten liegt, bleibt Stürmer Stier auf der Bank.

Er beschließt, nach der Saison den Verein zu wechseln, anderswo noch einmal neu anzufangen. Dann bricht er sich im Februar 2006 im Regionalligaspiel gegen Lübeck den Mittelfuß, komplizierte Geschichte, und fällt 24 Monate aus. Bayern München schreckt das nicht ab: Der Rekordmeister, der das Talent schon früher wollte, verpflichtet Stier im Sommer. „Felix Magath wollte mich in der zweiten Mannschaft aufbauen und dann hochholen“, erklärt Stier. Dazu kommt es allerdings nie. Während Stiers Reha erkrankt seine Frau Julia an Krebs, das Paar hat zu diesem Zeitpunkt eine dreijährige Tochter.

Seit 2014 ist Marco Stier Trainer - hier in Diensten des BCF Wolfratshausen, inzwischen beim HSV Barmbek-Uhlenhorst.

„Es ist alles gut ausgegangen, aber es war ein langer Weg“, sagt Stier, der heute Vater von drei Kindern ist. Einen Tag, nachdem seine Frau erfährt, dass sie als geheilt gilt, hat der Stürmer plötzlich keine Schmerzen mehr. Nach nur vier Wochen Aufbautraining spielt er mit Bayerns U23 an der Seite von Thomas Müller und Holger Badstuber in der neuen Dritten Liga. Mit Coach Hermann Gerland hat er allerdings Probleme. „Er war nicht so mein Fall“, sagt Stier. Folgende Ansprache aus der Kabine ist überliefert. Gerland: „Marco, meine Frau findet, dass ich zu gemein zu dir bin. Aber weißt du, was das Problem ist? Meine Frau hat nichts zu sagen!“ Marco Stier lacht, wenn er diese Anekdote wieder hervorholt. Es klingt bitter-süß.

2009 folgt die Rückkehr in den Norden, Holstein Kiel, und wieder Ärger mit dem Trainer, dieses Mal ein Skandal sogar. Nach einem 1:2 in Braunschweig schlägt Falko Götz seinem Spieler Marco Stier in der Kabine dreimal mit dem Handballen gegen die Stirn. Bestritten hat er das nie. Vom Club wird Götz umgehend suspendiert. Stiers Probleme sind damit aber nicht vorbei, denn Götz’ Co-Trainer und enger Vertrauter Andreas Thom bleibt. „Er hat dafür gesorgt, dass ich in Kiel keine Chance mehr bekommen habe“, sagt der Ex-Profi.

Die schlimmste Verletzung: Alle Adduktoren abgerissen

Ein letzter Wechsel, 2010 zum Halleschen FC – und eine letzte Verletzung, seine schlimmste. „Ich habe mir im rechten Bein alle Adduktoren abgerissen“, sagt Stier. Seitdem ist er Sportinvalide, kann sich kaum noch bewegen. „Mit den Kindern im Garten Fußballspielen geht nicht mehr. Der Profifußball hat mich gezeichnet.“

Es folgen erfolgreiche Trainerstationen in der alten Wahlheimat Bayern, Amateurbereich. Die SF Aying führt Stier, der nun als Sport- und Fitnesstrainer sein Geld verdient, von der Kreis- in die Bezirksliga, mit dem BCF Wolfratshausen schafft er später den Oberliga-Klassenerhalt. Nun also Barmbek-Uhlenhorst. Drei Stunden vor jedem Training, fünf vor jedem Spiel ist Stier auf der Anlage – Vorbereitungen. „Ich nehme das sehr ernst, denn ich habe ein großes Ziel“, sagt er. Und betont: „Das, was ich als Spieler immer wieder um Haaresbreite verpasst habe, möchte ich jetzt als Trainer erreichen.“ Heißt: Endlich ankommen, möglichst weit oben im Fußballgeschäft.

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Quelle: DeichStube

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