Santiago Garcia – Jubelschreie auf dem Platz, Schweigen in der Kabine / Caldirolas Top-Tipp

Der Mann mit den zwei Gesichtern

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Introvertiert sein, extrovertiert spielen: Das ist Werders Santiago Garcia.

Bremen - Wer Santiago Garcia am Sonntagabend gegen 19.15 Uhr beobachtete, konnte sich kaum vorstellen, dass er später irgendwie in den Schlaf gefunden hat. Nach seinem Siegtor zum 3:2 (2:2) gegen Hannover 96 war Werders Linksverteidiger im Jubelrausch, voll mit Adrenalin.

Doch, oh Wunder: Der 25-jährige Argentinier hatte, trotz leichter Schmerzen an der linken Wade, eine sehr gute und erholsame Nacht.

„Ich war mit meiner Freundin und Franco Di Santo noch Abendessen. Um Elf sind wir wieder heim, weil ich fix und fertig war. Als ich mich aufs Bett gesetzt habe, bin ich umgefallen und eingeschlafen. Dann habe ich schön geträumt“, erzählte Garcia gestern Vormittag.

Und dabei wirkte er, wie er eigentlich immer wirkt, wenn er nicht gerade auf dem Platz steht: recht leise Stimme, den Blick oft gesenkt, sehr zurückhaltend, fast schon ein bisschen schüchtern. „Er redet eigentlich nicht viel. ,Santi‘ ist eher der ruhige Typ. Vielleicht hat das auch noch ein bisschen mit den Sprachkenntnissen zu tun“, sagt Vizekapitän Aaron Hunt. Auf dem Fußballfeld präsentiert sich Garcia völlig anders – höchst emotional. Er ist Werders Mann mit den zwei Gesichtern, wie Hunt bestätigt: „Auf dem Platz und in der Kabine – das kann man bei ihm gar nicht vergleichen.“

Introvertiert sein, extrovertiert spielen: Robin Dutt kennt und mag diesen Schlag Profi. „Es gibt öfter solche Typen, die ihre komplette Energie auf dem Platz rauslassen. Das ist auch eine Form von Qualität“, findet der Werder-Coach: „So einer tut jeder Mannschaft gut.“

Sportlich hat Dutt bei dem Neuzugang, der zuletzt in Palermo spielte und für den Werder rund 500 000 Euro an den chilenischen Club Rangers de Talca überwiesen hat, in den vergangenen Wochen einige Fortschritte erkannt – vor allem im Defensivverhalten: „Er macht nicht mehr diese Stellungsfehler wie am Anfang.“ Offensiv musste der Bremer Trainer den dynamischen Südamerikaner sogar schon etwas einbremsen. „Er kann nicht nur Linksaußen spielen, die Balance muss stimmen“, betont Dutt. Wohl auch deshalb hat Garcia den Vorwärtsgang zuletzt nicht mehr ganz so oft eingelegt wie in seinen ersten Partien, gegen Hannover war nicht viel Gefährliches von ihm zu sehen.

An seinem Engagement und seinem Willen gibt’s dagegen gar nichts auszusetzen. Am Sonntag ging der Linksverteidiger an seine körperlichen Grenzen – und als diese erreicht waren, wollte er runter: „Kurz vor Schluss habe ich gedacht: Es ist besser, wenn ich jetzt rausgehe. Ich hatte wegen Krämpfen und einem Schlag auf die Wade starke Schmerzen und wollte kein Risiko eingehen.“

Doch dann mischte sich Luca Caldirola ein, dem er sein Leid geklagt hatte. „Er meinte nur: Komm, halte durch. Es sind nur noch ein paar Minuten. Wir holen uns den Sieg“, verriet Garcia, der auf seinen italienischen Kumpel hörte. Zum Glück für Werder: Bei Hunts Freistoß war der Argentinier vorne mit dabei. Er stieg ein letztes Mal kraftvoll zum Kopfball hoch („Das hat ziemlich wehgetan“). „96“-Keeper Ron-Robert Zieler parierte zwar, doch Garcia versenkte den Nachschuss und raste – scheinbar plötzlich nicht mehr gehandicapt – zu den Fans in die Ostkurve. „Wenn ich ein Tor schieße, spüre ich keinen Schmerz, dann ist alles vergessen“, meinte der 25-Jährige, der mit Caldirola schon mehfach über genau solche Momente geplaudert hatte: „Wir machen immer Witze, wie wir bei einem Tor feiern würden.“ Als es dann aber soweit war und er seinen ersten Treffer für Werder erzielt hatte, war Garcias Reaktion „komplett spontan“. Hunt fand den Jubellauf „ziemlich wild“, Dutt „mitreißend“.

Anschließend ging endgültig nichts mehr, eine Minute vor Schluss wurde der humpelnde Garcia ausgewechselt. Gestern, nach einer Massage, ging es ihm schon deutlich besser: „Ich denke, dass ich am Mittwoch trainieren kann.“

Insgesamt fühlt sich Garcia nach gut zwei Monaten in Bremen sehr gut integriert: „Mitspieler und Trainer haben mir Vertrauen gegeben, das hat mir auf dem Platz geholfen.“ Gerne würde er auch in der kommenden Saison für Werder spielen („Ich möchte bleiben, das ist mein Ziel“). Ob die Bremer bis April 2014 die Kaufoption ziehen, steht aber noch nicht fest. Dutt ist „sehr zufrieden“ mit Garcia, will jedoch dessen Entwicklung abwarten: „Es gibt keinen Grund, da jetzt schon irgendetwas zu entscheiden.“ mr

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