Interview mit Mainz-Manager Christian Heidel

„Kilometerweit entfernt“

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Seinen Bremer Kollegen Thomas Eichin kennt Maninz-Manager Christian Heidel (Bild) nur, weil er bei ihm mal Karten für die Kölner Haie bestellt hat.

Mainz - Von seiner treuen Sorte gibt es nicht mehr viele in der Bundesliga: Seit 22 Jahren ist Christian Heidel Manager des FSV Mainz 05 – fast sein halbes Leben. Und der 50-Jährige findet seine Arbeit bei den Rheinhessen immer noch „absolut spannend“.

Einerseits bleibe es zwar stets das Ziel, die Klasse zu halten, andererseits freut sich Heidel auch, dass sein Club Traditionsvereinen wie Werder finanziell näher gekommen ist. Was das bedeutet, erklärt Heidel im Interview.

Herr Heidel, ist es in dieser Saison etwas anderes, in Bremen anzutreten?

Christian Heidel: Nein, es ist immer noch ein ganz schwieriges Spiel für uns, auch wenn Werder jetzt kein Meisterschaftsaspirant mehr ist.

Und Klaus Allofs und Thomas Schaaf sind weg.

Heidel: Stimmt, das wird schon etwas merkwürdig sein, wenn ich ins Stadion komme. Gerade zu Klaus Allofs hatte ich immer einen guten Draht.

Welche Verbindungen haben Sie zu den neuen Werder-Protagonisten Thomas Eichin und Robin Dutt?

Heidel: Thomas Eichin habe ich vor Jahren mal angerufen, weil wir vor einem Spiel in Köln mit der Mannschaft zu den Kölner Haien wollten. Ansonsten gab es bis jetzt keine Berührungspunkte. Robin Dutt kenne ich natürlich schon länger.

Hatten Sie im Frühjahr Sorge, dass sich Werder Thomas Tuchel als Schaaf-Nachfolger schnappt?

Heidel: Es müsste mir mal einer erklären, wie das hätte funktionieren sollen.

Warum?

Heidel: Weil Thomas Tuchel bei uns einen Vertrag bis zum 30. Juni 2015 hat, den er zu 100 Prozent erfüllen wird.

Verträge sind in der Bundesliga doch so schnell wertlos…

Heidel: Da waren Sie noch nicht bei Mainz 05.

Werden bei Ihnen alle Verträge erfüllt?

Heidel: Nicht alle, man kann sich ja in beiderseitigem Einvernehmen trennen. Da ich mich aber von Thomas Tuchel nicht trennen möchte, ist das mit dem beiderseitigen Einvernehmen schwierig. Außerdem weiß ich: Thomas Tuchel wird nicht vertragsbrüchig. Das beidseitige Vertrauen ist sehr groß.

Gilt das auch für Sie?

Heidel: Auch ich erfülle meine Verträge, aber ich habe gar keinen schriftlichen. Bei mir ist das sowieso ganz anders. Ich bin in Mainz geboren, habe ein besonderes Verhältnis zu dieser Stadt und zu diesem Club. Das kann man nicht mit einem Trainer oder Manager vergleichen, der mal hier und mal dort ein paar Jahre arbeitet.

Haben Sie keine Lust, mal etwas Neues zu machen?

Heidel: Vielleicht hört sich das jetzt für den Fan eines Traditionsclubs komisch an, aber ich finde Mainz 05 immer noch total spannend. So lange ich morgens in mein Büro fahre und mich auf die Arbeit freue, bleibe ich. Mit einer Ausnahme: Wenn die Leute mit mir nicht mehr einverstanden sind, dann klebe ich bestimmt nicht an meinem Stuhl.

Würde es Sie nicht reizen, zu einem finanzstärkeren Club zu wechseln?

Heidel: Ist es wirklich spannender, wenn man alles bekommen kann, was man will? Ich finde es viel spannender, etwas zu entwickeln. Wir haben vor rund 20 Jahren im Dauerabstiegskampf der Zweiten Liga angefangen. Heute spielen wir Bundesliga in einem neuen Stadion, das der Verein zu 90 Prozent alleine finanziert. Mainz 05 ist kerngesund und hat in den letzten zwei Jahren rund 15 Millionen Euro Gewinn ausgewiesen. Wir entwickeln uns Schritt für Schritt – und das macht viel Spass. Aber vielleicht bin ich auch ein bisschen Romantiker, denn der der Wohlfühleffekt steht bei mir an erster Stelle.

Sie haben mal in einem Interview gesagt, Sie seien einer der letzten echten Manager in der Bundesliga – was machen dann Ihre Kollegen bei anderen Clubs?

Heidel: Um Gottes Willen, ich habe doch nur erklärt, dass es einen großen Unterschied zwischen der Arbeit eines Sportdirektors und eines Managers gibt. Ich bin nicht der Sportdirektor, der bei jedem Training am Platz steht und dann zwei Stunden lang mit Trainer und Spielern diskutiert. Ich decke hier auch den kaufmännischen Teil ab. Einen Sportdirektor brauchen wir hier nicht.

Warum?

Heidel: In Mainz ist es Politik, den Trainer sehr stark zu machen. Mein Sportdirektor ist also der Trainer. Er hat die sportliche Entscheidung, und ich habe ein Veto-Recht.

Sie sind seit 22 Jahren beim FSV, Thomas Tuchel immerhin seit vier Jahren – ist Mainz in Sachen Kontinuität das neue Werder?

Heidel: Noch nicht, Thomas Tuchel ist ja noch nicht so lange hier wie Thomas Schaaf es in Bremen war. Aber ich hätte nichts dagegen. Denn er passt perfekt zu uns, weil er unseren Weg mit unserer Philosophie mitgeht.

Wie sieht die Philosophie aus?

Heidel: Über allem steht Nachhaltigkeit. Kurzfristigkeit geht in Mainz nicht. Ein Beispiel: Wir machen Transfers, die nicht sofort greifen müssen, die aber die große Hoffnung beinhalten, dass sie im folgenden Jahr greifen. Das müssen die Trainer mittragen. Sie müssen also genauso über die Saison hinaus denken wie wir. Jürgen Klopp hat das damals gemacht, Thomas Tuchel macht das heute. Kommunikationsfähigkeit, soziale Kompetenz und wirtschaftliche Solidität sind in Mainz Bedingung.

Und die Trainer müssen damit leben, dass Mainz ständig die besten Spieler verkauft.

Heidel: Stimmt. das ist auch Teil unserer Philosophie! Es bietet einer acht Millionen Euro für Adam Szalai, der uns 600 000 Euro gekostet hat, alle schimpfen, und ich verkaufe ihn trotzdem. Mein Job ist es, aus acht Millionen Euro, also einem Adam, vier, fünf neue Spieler zu machen – und ein paar davon wieder mit viel Gewinn zu verkaufen. So haben wir das Stadion finanziert, so wird im Prinzip der ganze Verein seit Jahren finanziert. Und über allem steht: Es wird nicht mehr ausgegeben als eingenommen.

Das wurde in Bremen auch immer propagiert, trotzdem gab es nach dem Rekordminus im Vorjahr von 13,9 Millionen Euro nun ein Minus von 7,9 Millionen Euro.

Heidel: Das hat ja seine Gründe. Es ist doch völlig logisch, dass die Kosten – speziell fürs Personal – nach oben schießen, wenn man dauerhaft ein Champions-League-Kandidat ist. Wenn man dann plötzlich zwei, drei Jahre nicht mehr international dabei ist, muss der Verein quasi neu aufgestellt werden. Das macht Werder, das sieht man natürlich auch an der Mannschaft. Die ganz großen Namen fehlen. Ich habe gelesen, dass Werder 88 Millionen Euro Umsatz gemacht hat, wir planen die laufende Saison mit 72 Millionen – das kleine Mainz 05 wohlgemerkt. Daran sieht man: Fällt das internationale Geschäft weg, ist der Unterschied gar nicht mehr so groß.

In der Tabelle stand Mainz zuletzt oft vor Werder – hat Ihr Club die Bremer überholt?

Heidel: Wir können uns doch überhaupt nicht mit Werder vergleichen. Das ist ein Urgestein der Bundesliga. Jedes Heimspiel haben sie 40 000 Zuschauer. Ich will gar nicht wissen, wie viele Trikots sie zum Beispiel verkaufen. Werder ist bundesweit ein Sympathieträger, davon sind wir kilometerweit entfernt.

Was ist mit Mainz möglich?

Heidel: Jeder Klassenerhalt ist für uns intern eine gefühlte Meisterschaft, auf der wir uns aber nicht ausruhen dürfen. Wer aber davon träumt, dass wir ein ständiger Europa-League-Gast werden, der kennt die Bundesliga nicht. Das kann mal klappen, aber dafür muss in dem Jahr bei uns alles passen und bei vielen großen Clubs vieles schiefgehen. Normalerweise muss doch ein Verein wie der Hamburger SV jedes Jahr 25 Punkte mehr haben als wir – mit den Möglichkeiten, die es da gibt. Wir leben davon, dass es nicht bei allen Großen rund läuft. Aber unser primäres Ziel wird es bleiben, immer die Klasse zu halten. Denn die wirtschaftliche Stärke vieler anderer Clubs werden wir hier nie erreichen können, das gibt Mainz einfach nicht her.

Zurück zum Spiel in Bremen: Tuchel und Dutt sind große Taktik-Fans, stimmen ihr Spiel sehr auf den Gegner ab – gibt es am Sonntag im Weserstadion Rasenschach?

Heidel: Ich bin auch mal gespannt, was da passieren wird. Diese beiden Trainer machen sich wirklich viele Gedanken über die Taktik. Das macht ja auch die Qualität eines Spiels aus. Wir fahren nach Bremen, um zu punkten. Natürlich kommt Werder inzwischen auch mehr über Arbeit, Laufbereitschaft und Kampf, aber das macht es für uns sicher nicht angenehmer. kni

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