Mainz’ extrovertierter Trainer Schmidt hat sich in der Bundesliga etabliert

Ein „Menschenfreund“ und Überzeugungstäter

Impulsiver Typ: Der Mainzer Coach Martin Schmidt geht an der Seitenlinie immer voll mit. Foto: imago

Mainz - Von Manfred Bock. Für gewöhnlich nimmt sich Martin Schmidt dienstags viel Zeit für eine Medienrunde. Schon bei seinen Vorgängern Jürgen Klopp und Thomas Tuchel hatte es sich beim FSV Mainz 05 eingebürgert, unter der Woche einen Termin freizuhalten, bei dem im vertrauten Kreise auch mal über Hintergründe gesprochen werden darf.

Doch diesmal sagte der Bundesligist ab, beantwortete nur spieltagsbezogene Anfragen: Der Zeitplan bis zum Auswärtsspiel beim SV Werder (Samstag 15.30 Uhr) sei diesmal zu dicht gedrängt, außerdem böte die Länderspielpause eine bessere Gelegenheit, um in Ruhe eine Zwischenbilanz zu ziehen. Und hatte der Schweizer Fußballlehrer nicht die wichtigste Botschaft nach der Sonntagspartie bei Borussia Dortmund (0:2) ausgegeben? „Ich bin mir sicher, dass diese Niederlage unsere Entwicklung nicht stoppt.“

Solche Sätze formuliert der 48-Jährige mittlerweile sehr selbstsicher. Seit seine Mannschaft am zehnten Spieltag gegen Werder mit 1:3 verlor und auf Rang 13 herumdümpelte, geht es im Grunde unter dem einstigen Extrem-Skifahrer nur noch bergauf. 28 Punkte holte Mainz seitdem – Bremen nur 17. Die Europapokalplätze sind in Reichweite – und Schmidt wäre nicht Schmidt, wenn der Überzeugungstäter nicht diesen Coup landen möchte.

Auch der Mainzer Cheftrainer ist – genau wie Viktor Skripnik – einst aus der zweiten Mannschaft aufgestiegen. Im Februar vergangenen Jahres, als Manager Christian Heidel einsehen musste, dass die autarke, technokratische Herangehensweise des Dänen Kasper Hjulmand scheitern würde. Bei den Nullfünfern wusste man, dass der impulsive Quereinsteiger es kaum akzeptiert hätte, wenn man ihn nicht befördert hätte – er hatte schließlich die U 23 bis in die Dritte Liga gebracht.

Schmidt schwamm sich schnell frei, auch wenn seine Vita den einen oder anderen fälschlicherweise zur Annahme verleitete, hier flattere ein schräger Vogel ins Bundesliga-Business. Doch nur weil er sich auch mal als Kfz-Mechaniker oder Textil-Unternehmer verdingte? Der betont bodenständige Schmidt, der seinen Anteil am Erfolg allzu gerne relativiert („Fußball ist ein Player-Game“), legt Wert darauf, dass ihm der Fußball stets das Wichtigste war. Auch wenn er (anders als Skripnik) kein Bundesliga-Profi und kein Nationalspieler war – sondern nur ein ambitionierter Amateurfußballer. Dafür gibt er eben mehr den Menschenfänger als sein Bremer Pendant. „Ich nehme mir nicht vor, höflich oder vertrauensvoll zu sein, weil es mir nützen könnte, sondern weil ich so bin“, erklärte Schmidt mal. „Ich glaube, du kannst Menschen nur führen, verbal etwas auslösen, wenn du die Menschen liebst.“

In seinen Kader steckt er nach anfänglichem Abtasten ein unerschütterliches Urvertrauen. Deutlich wurde das, als er in der Wintervorbereitung mit dem gesamten Team hoch in die Berge des Wallis wanderte. Es war nicht nur ein Ausflug, der alle Spieler an die Grenzen führte, sondern er wollte auch endlich einmal seine Familie vorstellen und jene Umgebung offenbaren, die ihn geprägt hat. „Er ist ein sehr kommunikativer Typ, spricht gerne mit Menschen“, hat der österreichische Mittelfeldspieler Julian Baumgartlinger festgestellt: „Er ist ein Menschenfreund.“

Was nicht heißt, dass er nicht mal auf Abstand geht. Wenn jemand nicht mitzieht oder mitmacht, kann Schmidt fuchsteufelswild werden und wendet sich erst einmal ab. Aber er ist auch ein Gerechtigkeitsfanatiker, der akribisch über alles Buch führt. Die Wettkampfmentalität fördert er wie er nur kann. Körperliche Ertüchtigung steht im Training hoch im Kurs. Seine Mannschaft besitzt inzwischen die Fähigkeit, fast jeden Gegner in Grund und Boden zu rennen. Und riesige Überraschungen zu schaffen – wie kürzlich der Sieg beim großen FC Bayen eindrucksvoll zeigte.

Schmidt hat Respekt vor Claudio Pizarro

Der FSV Mainz gehört zu den positiven Überraschungen der Saison. Mit 40 Punkten ist der Klassenerhalt fix, die Rheinhessen mischen munter im Kampf um die internationalen Plätze mit – aber Trainer Martin Schmidt mag nicht über Europa sprechen. Lieber über den kommenden Gegner. Vor dem Auftritt in Bremen nimmt der 48-jährige Coach in dieser Zeitung auch Stellung zu anderen Themen.

Schmidt über...

...den Bayern-Triumph

Werder ging in München gerade mit 0:5 unter, Mainz hatte beim FC Bayern vor zwei Wochen sensationell mit 2:1 triumphiert. „Wir haben in München sehr gut verteidigt, eine sehr gute Mentalität gezeigt und an unsere Siegchance geglaubt, auch als der Druck immer größer wurde“, sagt Schmidt: „Eine solche Leistung ist aber nicht auf Knopfdruck immer wieder abrufbar, das haben wir am vergangenen Wochenende in Dortmund (0:2, d. Red.) erlebt. Wir müssen uns unsere Siegchancen in jedem Spiel aufs Neue hart erarbeiten.“

...Claudio Pizarro

Bayerns Robert Lewandowski war im Rückspiel gegen Mainz nicht erfolgreich, Dortmunds Pierre-Emerick Aubameyang auch nicht. Nun folgt mit Werders Claudio Pizarro der nächste Torjäger – und vor dem 37-Jährigen hat Schmidt Respekt: „Claudio Pizarro hat in seiner Karriere oft gegen Mainz getroffen und seinen Torriecher offensichtlich nicht verloren. Wir sind gewarnt und werden ihn und die Bremer Offensive genauso aufmerksam verteidigen müssen wie Lewandowski oder Aubameyang.“

...Werder Bremen

Mainz spielt um Europa mit, Werder wieder gegen den Abstieg. Sollte es die Bremer erwischen, wäre das schade, findet Schmidt: „Werder Bremen ist mit seiner Geschichte und seinem Umfeld ein wichtiger Teil der Bundesliga. Die Teams im unteren Drittel der Bundesliga liegen aktuell sehr eng beisammen, aber Werder ist auf einem guten Weg, sich da rauszuarbeiten.“

...den Europapokal

Der Einzug ins internationale Geschäft scheint realistisch zu sein für Mainz. Doch Schmidt tritt auf die Bremse: „Wir reden in Mainz nicht darüber, da wir uns keine Fernziele setzen, sondern nur greifbare Ziele, die wir realistisch in einem bestimmten Zeitabschnitt erreichen können. Die 40 Punkte waren so ein Ziel, die haben wir erreicht. Jetzt wollen wir die 24 Punkte der Hinrunde in der Rückrunde bestätigen, also 48 Punkte erreichen.“

...Julian Baumgartlinger

Am österreichischen Nationalspieler waren im Frühjahr 2015 einige Clubs interessiert, auch Werder. Doch der 28-Jährige blieb in Mainz, verlängerte seinen auslaufenden Vertrag und wurde Kapitän. Schmidt: „Julian ist ein wichtiger Bestandteil des Teams, seine Vertragsverlängerung war ein wichtiges Signal für Mannschaft und Verein. Als Kapitän ist er sportlich und charakterlich eine absolute Führungsfigur.“ mr

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