Vertragsverlängerung war „ein Fehler“

Caldirola: „Ich erwarte, dass Werder mir hilft“

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„Alle hier haben viele Chancen bekommen, alle. Nur ich nicht“: Luca Caldirola erlebt momentan die schwerste Phase seiner Karriere bei Werder.

Bremen - Am Samstag wird wieder das passieren, was eigentlich immer einen Tag vor einem Werder-Spiel geschieht. „Der Trainer kommt zu mir“, berichtet Luca Caldirola von seiner traditionellen Begegnung mit Florian Kohfeldt. „Und ich werde ihm sagen: Ich weiß schon.“

Caldirola lacht, allerdings ziemlich gequält. Es tut ihm weh, dass ihm Woche für Woche mitgeteilt wird, nicht im 18er-Kader für ein Bundesligaspiel zu stehen. Lange Zeit wollte der 27-Jährige über „meine schwierigste Zeit im Fußball“ nicht sprechen – vor allem aus Loyalität zum Verein. Jetzt ist es anders, der DeichStube gibt der Italiener ein Interview mit einer klaren Botschaft: „Ich erwarte, dass Werder mir jetzt hilft.“

Keine Frage, Caldirola würde den Club verlassen, um endlich wieder spielen zu können. Nur darum geht es ihm. Denn in Bremen und bei Werder fühlt er sich gemeinsam mit seiner Frau und seinen beiden Katzen pudelwohl. Auch deshalb hat der Innenverteidiger vor einem Jahr seinen Vertrag um zwei Spielzeiten (also bis 2019) verlängert.

„Ein Fehler“, wie er inzwischen festgestellt hat: „Aber von beiden Seiten.“ Der damalige Coach Alexander Nouri habe ihn gemeinsam mit Sportchef Frank Baumann unbedingt behalten wollen und hatte ihm einen Platz in der Dreierkette in Aussicht gestellt. „Alex hat immer gesagt, dass ich ein wichtiger Spieler bin. Da frage ich mich: Wieso habe ich dann nie gespielt?“

Caldirola zuletzt Ende September im Einsatz

Die einfache Antwort ist: Nouri vertraute in der Dreierkette Lamine Sane, Niklas Moisander und Milos Veljkovic. Nur einmal, Ende September in Wolfsburg, durfte sich Caldirola beweisen, als Ersatz für den kurzfristig erkrankten Sane. Für Caldirola war es ein Sprung ins kalte Wasser und „nicht einfach für mich“. Sein zu dem Zeitpunkt letztes Pflichtspiel lag schon fünf Monate zurück, im April hatte er sich den Mittelfuß gebrochen. Es war die zweite schwere Verletzung in der Saison nach seinem Knöchelbruch im August gewesen. Der Einsatz am fünften Spieltag der laufenden Saison hätte ein Neuanfang sein können. Doch Caldirola sah beim Gegentor in Wolfsburg nicht gut aus, die Partie endete 1:1. Seitdem hat er kein Pflichtspiel mehr absolviert.

„Alle hier haben viele Chancen bekommen, alle. Nur ich nicht. Das ist die einzige Sache, die mich enttäuscht“, sagt Caldirola. Denn auch der Trainerwechsel von Nouri zu Kohfeldt änderte nichts an seiner Position. Schlimmer noch: Kohfeldt stellte auf Viererkette um, brauchte also nur noch zwei Innenverteidiger. Zudem war Niklas Moisander nach Schwierigkeiten zu Saisonbeginn endlich fit und in Topform.

Luca Caldirola stand das letzte Mal am fünften Spieltag gegen den VfL Wolfsburg (1:1) auf dem Platz.

„Niklas macht das super. Ich gönne ihm das, wir haben ein sehr gutes Verhältnis“, sagt Caldirola, hadert aber zugleich: „Bei Florian Kohfeldt hieß es immer, mein Problem sei Niklas. Aber wenn er nicht gespielt hat, stand ich trotzdem nicht auf dem Platz.“ Vor knapp drei Wochen war das so in Hannover. Doch zu Caldirolas Ärger gesellt sich auch Realismus. „Von der Tribüne in die Startelf – das ist auch schwierig“, gesteht er und sagt über Kohfeldt: „Wir verstehen uns gut, alles ist gut. Er war ganz klar mit mir.“

Das macht es zwar nachvollziehbarer, aber auch nicht leichter. Nur zwei Mal durfte Caldirola in diesem Jahr mit ins Hotel, wenn am nächsten Tag ein Bundesligaspiel anstand. So hart kann der Fußball sein. „Okay, du kannst immer sagen: ,Ich verdiene mehr Geld als andere Menschen. Also bin ich glücklich.’ Aber Fußball ist mein Job, ich liebe es, Fußball zu spielen. Ich will spielen. Da ist so ein Jahr ganz, ganz schwer.“ Es sei nicht einfach gewesen, sich für jedes Training zu motivieren. „Ich habe es trotzdem versucht.“

Caldirola: „Einmal noch Weserstadion - das wäre geil“

Geholfen hat ihm vor allem seine Frau – und eine ganz persönliche Entscheidung: „Ich habe mir gesagt, dass ich das Leben trotzdem genießen darf.“ Also wurden die freien Tage noch häufiger genutzt, um in die italienische Heimat zu fliegen. Am vergangenen Wochenende war er auf Juist, während Werder in Stuttgart spielte. Alles abgesprochen mit dem Club. Seine leichten Knöchelprobleme durfte er auf der Nordseeinsel auskurieren.

Der sportliche Schmerz ist geblieben. Caldirola hat keine Hoffnung, noch mal zu spielen, er will auch keinen Einsatz geschenkt bekommen, wenngleich er schon sagt: „Einmal noch im Weserstadion zu spielen, das wäre schon geil.“ Diese Arena, dieser Verein, diese Stadt sind ihm ans Herz gewachsen. Die Fans lieben ihn, weil er in seinem ersten Jahr bei Werder unter Robin Dutt stark gespielt und vor allem gekämpft hat. Außerdem macht er viele lustige Dinge in den sozialen Netzwerken – wie zuletzt mit Ishak Belfodil, dem er via Photoshop Bananen als Fußballschuhe verpasste und damit dessen vermeintliche Torflaute erklärte. „Spaß muss sein, das hilft mir“, sagt Caldirola.

Luca Caldirola: Seine Karriere in Bildern

Luca Caldirola
Seit Juli 2013 steht Luca Caldirola bei Werder unter Vertrag. In der ersten Saison absolvierte er fast alle Spieler über die volle Distanz. © nordphoto
Unter Ex-Coach Viktor Skripnik spielte er dann keine Rolle mehr, war nur noch Ergänzungsspieler.
Unter Ex-Coach Viktor Skripnik spielte er dann keine Rolle mehr, war nur noch Ergänzungsspieler. © gumzmedia
Luca Caldirola
Die Folge: In der Spielzeit 2015/2016 wechselte er als Leihspieler zu Darmstadt 98... © nordphoto
Luca Caldirola
...und verpasste dort in 34. Bundesligapartien keine einzige Spielminute. © nordphoto
Luca Caldirola
Angefangen hat seine Karriere bei Inter Mailand. Dort konnte er jedoch nicht Fuß fassen - wurde ständig verliehen. © imago
Caldirola spielte unter anderem bei den italienischen Clubs Brescia Calcio und AC Cesna, ehe er an die Weser kam.
Caldirola spielte unter anderem bei den italienischen Clubs Brescia Calcio und AC Cesena, ehe er an die Weser kam. © gumzmedia
Caldirola steckte sich vor der Saison 2016/2017 ein hohes Ziel. Er wollte sich durchbeißen...
Caldirola steckte sich vor der Saison 2016/2017 ein hohes Ziel. Er wollte sich durchbeißen... © gumz media
...und bei Werder der Abwehrchef werden.
...und bei Werder der Abwehrchef werden. © gumzmedia
Doch bereits am zweiten Spieltag kam es für den Italiener ganz bitter. Bei der 1:2-Pleite gegen Augsburg verletzte er sich kurz vor Abpfiff schwer - Knöchelbruch.
Doch bereits am zweiten Spieltag kam es für den Italiener ganz bitter. Bei der 1:2-Pleite gegen Augsburg verletzte er sich kurz vor Abpfiff schwer - Knöchelbruch. © gumzmedia
Caldirola kämpfte sich zurück, musste sich aber gedulden. Die Werder-Abwehr war bei seiner Rückkehr bereits eingespielt. Erst durch eine Verletzung von Lamine Sane...
Caldirola kämpfte sich zurück, musste sich aber gedulden. Die Werder-Abwehr war bei seiner Rückkehr bereits eingespielt. Erst durch eine Verletzung von Lamine Sane... © gumzmedia
Caldirola kämpfte sich zurück, musste sich aber gedulden. Die Werder-Abwehr war bei seiner Rückkehr bereits eingespielt. Erst durch eine Verletzung von Lamine Sane...
Caldirola kämpfte sich zurück, musste sich aber gedulden. Die Werder-Abwehr war bei seiner Rückkehr bereits eingespielt. Erst durch eine Verletzung von Lamine Sane... © gumzmedia
...bekam Caldirola seine nächste Chance - und machte seine Sache in den Spielen von 26. bis 28. Spieltag gut. Doch dann die nächste Hiobsbotschaft: Gegen Eintracht Frankfurt brach er sich den Mittelfuß. Für ihn das Saisonende.
...bekam Caldirola seine nächste Chance - und machte seine Sache in den Spielen von 26. bis 28. Spieltag gut. Doch dann die nächste Hiobsbotschaft: Gegen Eintracht Frankfurt brach er sich den Mittelfuß. Für ihn das Saisonende. © gumzmedia
Caldirola war der Pechvogel der Saison 2016/2017. Trotzdem einigte sich Werder mit dem Innenverteidiger auf eine Vertragsverlängerung bis 2019.
Caldirola war der Pechvogel der Saison 2016/2017. Trotzdem einigte sich Werder mit dem Innenverteidiger auf eine Vertragsverlängerung bis 2019. © gumzmedia
Aber auch in der folgenden Saison 2017/18 saß der Italiener nur auf der Bank. Lediglich in einem Spiel durfte er ran - beim 1:1 in Wolfsburg im September 2017. 
Aber auch in der folgenden Saison 2017/18 saß der Italiener nur auf der Bank. Lediglich in einem Spiel durfte er ran - beim 1:1 in Wolfsburg im September 2017.  © gumzmedia
Nach seinem gescheiterten Wechsel im Sommer 2018 trainiert Caldirola nur noch individuell mit den Athletiktrainern der U23, da er - genau wie Thanos Petsos - nicht mehr am Teamtraining teilnehmen darf. 
Nach seinem gescheiterten Wechsel im Sommer 2018 trainiert Caldirola nur noch individuell mit den Athletiktrainern der U23, da er - genau wie Thanos Petsos - nicht mehr am Teamtraining teilnehmen darf.  © gumzmedia

Genauso hilfreich seien Gespräche mit Werders Sportpsychologen Andreas Marlovits gewesen. Nun schaut Caldirola nach vorne, will unbedingt eine Lösung für die neue Saison. Aber so einfach sei das nicht. „Ich habe fast zwei Jahre nicht gespielt.“ Da würden die Interessenten nicht gerade Schlange stehen. Über das angebliche Interesse aus Italien muss er schmunzeln. „Die Medien dort schreiben das seit Jahren mit Lazio Rom oder Genua oder sonstwas, aber passiert ist nie etwas.“ Wohin es für ihn geht, ist ihm egal – nur nichts Exotisches: „Dafür bin ich mit 27 Jahren noch zu jung. Ich kann schon noch fünf, sechs Jahre in einer guten Liga spielen.“

Ein gewisses Maß an Selbstvertrauen ist also geblieben. Warum auch nicht? Caldirola war Kapitän der italienischen U21-Nationalmannschaft, als er 2013 von Inter Mailand zu Werder wechselte. Er hat in seiner ersten Saison unter Coach Robin Dutt nur ein Bundesligaspiel verpasst. Noch besser war es 2015/16 bei einer Ausleihe zu Bundesliga-Aufsteiger Darmstadt 98, als er immer dabei und ein Garant für den Klassenerhalt war. Danach sollte er auch bei Werder wieder durchstarten, stürzte dort aber komplett ab.

Als Ausweg bleibt nur ein Wechsel

„Ich weiß nicht, woran es liegt“, seufzt Caldirola und sucht die richtigen deutschen Worte – nicht einfach in einer fremden Sprache: „Alle sagen, dass ich gut bin. Alle mögen mich, aber ich spiele trotzdem nicht.“ Deswegen bleibt als Ausweg nur ein Wechsel, aber nicht um jeden Preis. „Eine Karriere ist nicht so lang. Wenn du einen Vertrag wie Cristiano Ronaldo machst, ist alles andere egal. Dann kannst du danach auch Kreisliga spielen. Aber so ist es bei mir nicht. Wenn wir eine Lösung finden mit Werder, dann gut. Ansonsten: Ich habe noch ein Jahr Vertrag.“

Es ist ein dezenter Hinweis darauf, dass sich Caldirola nicht alles gefallen lässt. Und der 27-Jährige fühlt sich auch absolut berechtigt dazu: „Ich habe in den letzten Jahren nie Theater gemacht, habe mich immer ordentlich benommen, habe immer gut trainiert, kaum eine Einheit verpasst. Ich war immer positiv, habe dabei jede Entscheidung des Trainers akzeptiert. Jetzt erwarte ich von der anderen Seite eine Hilfe.“

Soll heißen: keine hohe Ablöse und möglicherweise eine Abfindung, sollte der neue Club nicht so viel Gehalt zahlen können/wollen. Dieses Missverständnis hätte sich Werder vor einem Jahr ersparen können. „Man hätte mir nur die Wahrheit sagen müssen“, so Caldirola, dessen Vertrag damals eigentlich auslief: „Dann wäre ich damals schon gegangen.“

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Quelle: DeichStube

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