Eine Analyse:

Keine Balance, keine Konstanz

+
Die großen Zeiten sind am Osterdeich erst einmal vorbei: Werder ist nur noch Mittelmaß und muss sogar aufpassen, dass künftig nicht über den Kampf um den Klassenerhalt geredet wird.

Bremen - Sechs Punkte aus sechs Spielen – den Start in die Rückrunde hat der SV Werder ordentlich vergeigt. Das ist sogar noch schlimmer als in der Hinrunde, als nach sechs Partien schon sieben Zähler als viel zu wenig eingestuft wurden.

Die Bremer kommen in der selbst ausgerufenen Saison des Umbruchs nie dauerhaft in Fahrt. Schlimmer noch, Werder ist inzwischen eine Schießbude der Bundesliga. Wie konnte das passieren? Wer ist dafür verantwortlich? Wie wird es weitergehen? Eine Analyse.

Der Trainer

Als Profi ein Defensivspezialist, als Trainer nicht. Thomas Schaaf will Offensivfußball sehen. Das hat den SV Werder jahrelang ausgezeichnet und in Deutschland so erfolgreich und beliebt gemacht. Gestützt auf einen enorm starken Angriff ging die Rechnung lange Zeit auf, vorne immer ein Tor mehr zu schießen, als hinten zu kassieren. Doch längst ist die hohe Zahl an Gegentreffern ein Problem, auch, weil die eigenen Tore fehlen.

Schaaf hat im Sommer reagiert, das System verändert – und damit alles noch offensiver gemacht. Bis auf Torwart und Viererkette gibt es nur (gelernte) Offensivkräfte auf dem Platz. Dass in Zlatko Junuzovic ein offensiver Mittelfeldspieler zum alleinigen Sechser gemacht wurde, ist mehr als ungewöhnlich. Andernorts wird auf zwei Sechser gesetzt – und mindestens einer davon hat eine defensive Vergangenheit.

Werder fehlt die nötige Balance – und die Konstanz sowieso. Letzteres sei, so Schaaf, ganz typisch für eine „junge Mannschaft“, die sich im Umbruch befindet. Ein durchaus starkes Argument, das in der Rückrunde aber immer schwächer wird. Eine Entwicklung muss zu erkennen sein, ist es aber nicht.

Der Torwart

Kein Keeper hat in dieser Bundesliga-Saison mehr Tore kassiert als Sebastian Mielitz. Werder gehört mit 47 Gegentoren zu den Schießbuden der Liga, nur Hoffenheim (48) erging es schlechter. Dort wurde reagiert, der Ex-Bremer Tim Wiese erst durch Koen Casteels und dann durch Heurelho da Silva Gomes ersetzt. Bei Werder ist ein Torwartwechsel kein Thema. Mielitz wird gestützt, weil es seine erste Saison als Nummer eins ist. Nachvollziehbar. Die Leistungen des 23-Jährigen sind in Ordnung – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Alternativen gibt es ohnehin nicht: Ersatzmann Raphael Wolf kämpft sich nach seiner Hüftoperation gerade erst zurück, Richard Strebinger ist mit 20 Jahren noch zu unerfahren.

Die Abwehr

Natürlich leidet die Viererkette unter der zu offensiven Ausrichtung des Mittelfelds. Die Gegner können unbedrängt in die Schnittstellen passen – und dann wird es für Sokratis und Co. ungemütlich. Allerdings: Sokratis ist nach der starken Vorsaison nicht zum erhofften Abwehrchef gereift. Enttäuschend ist auch die Entwicklung von Sebastian Prödl, der in seiner fünften Werder-Saison – vor allem nach dem Naldo-Wechsel – als Führungsspieler fest eingeplant war. Der Österreicher verlor seinen Platz an Assani Lukimya, obwohl dieser immer noch mit der Umstellung von der zweiten auf die erste Liga zu kämpfen hat.

Auf den Außenpositionen ist alles beim Alten geblieben, Werder schon traditionell zu schwach besetzt. Neuzugang Theodor Gebre Selassie aus Tschechien läuft seiner EM-Form weit hinterher.

Das Mittelfeld

Kevin De Bruyne ist als Ballbeschleuniger und Passgeber eine absolute Bereicherung – nicht nur für Werder, sondern für die ganze Bundesliga. Um zu glänzen, vernachlässigt der Belgier aber gerne seine Defensivaufgaben, bleibt auch schon mal vorne stehen oder greift nur halbherzig an. Aaron Hunt macht das besser. Der 26-Jährige hat sich endlich vom Status des ewigen Talents befreit. Er spielt eine starke Saison. Bei Zlatko Junuzovic ist die Beurteilung schwierig: Als offensiver Mittelfeldspieler versucht der Österreicher wirklich alles, um ein guter Sechser zu sein. Alleine wird er das nicht schaffen. Philipp Bargfrede käme als Alternative oder Nebenmann infrage, doch auf den hatte Schaaf schon vor dessen Verletzung verzichtet.

Der Angriff

Elf Tore, fünf Assists – Bayern-Leihgabe Nils Petersen hat in seiner ersten Saison als Stammspieler seine Qualität nachgewiesen. An seiner Chancenverwertung darf der 24-Jährige aber gerne noch arbeiten. Marko Arnautovic hat als Außenstürmer ebenfalls überzeugt, wenn er nicht gerade verletzt oder gesperrt war. Eljero Elia ist dagegen ein Totalausfall. Der Holländer steckt trotz seiner starken Sommer-Vorbereitung im Dauertief. Schaaf hat ihn in der Hinrunde immer gebracht, obwohl Niclas Füllkrug zeitweise den viel besseren Eindruck machte. Inzwischen ist Füllkrug bis Saisonende verletzt – und Werder hat keinen zweiten starken Außenstürmer mehr. Es ist schon mehr als verwunderlich, dass auf dieser Position im Winter nicht nachgebessert wurde. Joseph Akpala ist dafür kein Thema – und auch nicht für weiter vorne: Der Nigerianer blieb bei seinen Kurzeinsätzen und im Training bislang jeden Beweis schuldig, warum ihn Werder im Sommer für 1,5 Millionen Euro verpflichtet hat.

Die Transfers

Werder beklagt stets, nur noch wenig Geld zu haben. Trotzdem leisteten sich die Bremer im Sommer einen Eljero Elia – für eine Ablöse von 5,5 Millionen Euro. Solche Transfers wagen eigentlich nur Spitzenclubs oder Vereine, die dank eines Sponsors unabhängig vom sportlichen Erfolg sind. Denen tut ein Fehlkauf auch nicht so weh wie Werder. Die Fünf-Millionen-Flops werden fast schon zur Tradition. Ein Jahr zuvor hatte Werder eine ähnliche Summe nach München überwiesen, um Mehmet Ekici zu bekommen. Der Mittelfeldspieler ist in Bremen schon lange nur Ersatz.

Immerhin hat das mit dem Ausleihen besser geklappt: Petersen und De Bruyne sind Verstärkungen – aber wie lange noch? Für beide besitzen die Bremer keine Kaufoption.

Als Klaus Allofs im November bei seinem Wechsel nach Wolfsburg behauptete, er habe ein bestelltes Feld hinterlassen, war das also nur bedingt richtig. Werder droht schon der nächste Umbruch. Denn offen ist auch, was aus Leistungsträgern wie Marko Arnautovic und Aaron Hunt wird. Deren Verträge laufen in einem Jahr aus. Nur in diesem Sommer gibt es für sie noch hohe Ablösesummen. Kein leichter Job für den neuen Sportchef Thomas Eichin.

Das Fazit

Die Situation ist mit Tabellenplatz zwölf absolut unbefriedigend. Und wenn am Samstag das Heimspiel gegen Augsburg verloren geht, spielt künftig sogar die Abstiegsangst mit. Es ist schon erschreckend, wie sich der Champions-League-Dauergast entwickelt hat. Aber bei nur sechs Punkten Rückstand auf einen Europa-League-Platz darf auch nicht alles verteufelt werden. Schaaf und Co. können diese Saison noch retten, indem sie zumindest ernsthaft in den Kampf um die internationalen Ränge zurückkehren und damit beweisen, dass sich an der Weser noch etwas entwickelt. Gelingt das nicht, müssen sich am Saisonende alle Verantwortlichen hinterfragen und die nötigen Konsequenzen ziehen. · kni

Schaaf nicht beim Werder-Training

Werder gegen Bayern: Die Einzelkritik

Terror gegen Teenager: Viele Tote bei Konzert in Manchester

Terror gegen Teenager: Viele Tote bei Konzert in Manchester

Sanierung der A1 nach Gefahrgut-Unfall

Sanierung der A1 nach Gefahrgut-Unfall

Trump: Lösung im Nahost-Konflikt kann Region befrieden

Trump: Lösung im Nahost-Konflikt kann Region befrieden

Frühlingsmarkt der Freien Waldorfschule in Bruchhausen-Vilsen

Frühlingsmarkt der Freien Waldorfschule in Bruchhausen-Vilsen

Meistgelesene Artikel

Rene Adler kein Thema für Werder

Rene Adler kein Thema für Werder

Raphael Wolf verabschiedet

Raphael Wolf verabschiedet

Gnabry: „Der Titel ist das Ziel“

Gnabry: „Der Titel ist das Ziel“

Sambou Yatabare vor dem Abflug

Sambou Yatabare vor dem Abflug

Kommentare