1:1 in Hannover

Geniales Tor, glücklicher Punkt

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Er kann es einfach: Werder-Profi Zlatko Junuzovic zirkelt diesen Freistoß zum Ausgleich ins Netz. Aber warum nur schaut Schiedsrichter Deniz Aytekin so ernst zu?

Hannover - Von Carsten Sander. Plötzlich war die Chance da. Es lief schon die Nachspielzeit in der HDI-Arena von Hannover 96, als sich Clemens Fritz anschickte, ein Spiel, das in dieser Saison definitiv zu den schlechtesten von Werder Bremen gehörte, völlig auf den Kopf zu stellen.

Der Kapitän stand zur Überraschung aller auf einmal frei vor Ron-Robert Zieler und hatte den Bremer Siegtreffer auf dem Fuß. Fritz versuchte es mit einem Lupfer, der aber an Zieler hängen blieb. Kein Siegtor, kein Bremer Jubel. Und das war irgendwie auch gut so. Denn mehr als das 1:1 (0:1) bei Hannover 96 hatte der SV Werder gestern „nicht verdient“, wie Zlatko Junuzovic zugab. Der Österreicher hatte mit einem direkt verwandelten Freistoß (78.) das Remis gerettet. Lars Stindl hatte die akut abstiegsgefährdeten Hannoveraner bereits vor der Pause in Führung gebracht (21.).

Während 96 mit dem einen Punkt im Abstiegskampf nur wenig anfangen kann und weiter den Gang in die zweite Liga fürchten muss, büßte Werder im Rennen um die Europa-League-Plätze Boden ein. „Wir hoffen noch auf Europa“, sagte Coach Viktor Skripnik zwar. Doch die Vorstellung seiner Mannschaft speziell in der ersten Halbzeit machte überdeutlich, dass nur die Tabelle Europa-League-Reife erahnen lässt. Das fußballerische Vermögen des Teams sagt etwas anderes aus. Und zwar nicht erst seit gestern. Aber in Hannover war es eben besonders schlimm. „Die erste Halbzeit“, urteilte Geschäftsführer und Manager Thomas Eichin, „war unterirdisch. Mit Ausnahme der Partien gegen Bayern war es die schlechteste der Saison. Es hat einfach in allen Bereichen gefehlt. Das war enorm schlecht.“

Tatsächlich war Werder für die tief in der Krise steckenden Hannoveraner ein idealer Aufbaugegner. Mutlos, willenlos, kraftlos – so traten die Bremer auf. Junuzovic gab zu: „Wir hatten keine Idee, wie wir nach vorne kommen sollten.“ 96 agierte hingegen zunächst nicht wie ein Team, das seit 15 Spielen nicht gewonnen hatte. „Die haben uns an die Wand gespielt“, sagte Junuzovic. Salif Sane (8.) und Jimmy Briand (17.) vergaben die ersten Top-Chancen der Gastgeber. Stindl holte dann aber nach, was die Kollegen nicht geschafft hatten. Und der Gegentreffer war typisch für Werders Anti-Fußball der ersten Hälfte. Franco Di Santo verlor den Ball kaum, dass er ihn hatte. Miiko Albornoz drosch das Spielgerät auf Verdacht nach vorne, wo Bremens Assani Lukimya und Theodor Gebre Selassie uneins waren, wer Briand an der Kopfballverlängerung hindern sollte. Also tat es niemand, der Ball landete bei Stindl, der sicher vollstreckte. Hannover führte – und nahm zum ersten Mal seit dem 19. Spieltag einen Vorsprung mit in die Pause.

Dass daraus kein Sieg wurde, lag in erster Linie an Hannover selbst. Das seit drei Partien von Eichin-Freund Michael Frontzeck trainierte Team verlor ein bisschen den Faden, ließ Werder zurück ins Spiel kommen. Skripnik hatte zudem mit zwei Wechseln und einer taktischen Umstellung auf die Grusel-Vorstellung reagiert. Er korrigierte sich selbst und löste die Doppel-Sechs mit Philipp Bargfrede und Clemens Fritz auf, stellte auf Raute um. Fin Bartels und Levin Öztunali kamen, Bargfrede und Izet Hajrovic mussten weichen. Das wirkte. Jedenfalls ein wenig. Werder fing an, Fußball zu spielen und kam – sieh an – nach 60 Minuten sogar zum ersten Eckball.

Zu Chancen kam Werder aber nicht. Bis zur 78. Minute. Nach einem Foul an Davie Selke trat Zlatko Junuzovic zum Freistoß an und zirkelte den Ball passgenau in den Winkel – 96-Keeper Ron Robert Zieler und Edgar Prib, der zur Absicherung auf die Linie gesprintet war, sahen dabei mehr als unglücklich aus. Dass der eine den anderen behindert habe, wollte Frontzeck aber nicht gelten lassen: „Der Freistoß war perfekt geschossen. Punkt.“

Werder mit 1:1-Remis in Hannover

Für Zieler war es bereits der sechste Freistoß-Gegentreffer der Saison, für Junuzovic der fünfte verwandelte. Und beinahe hätte der Bremer sogar noch nachgelegt. Ein weiterer Freistoß zischte nur um Zentimeter am 96-Tor vorbei (86.). „Schade, im letzten Moment hat er sich noch rausgedreht“, meinte der Herr der ruhenden Bälle. Aber wie gesagt: Mehr als ein 1:1 für Werder wäre Realsatire gewesen. Eichin bekräftigte: „Ein Punkt für uns war schon sehr glücklich.“

Viktor Skripnik sah das auch so, offenbarte dennoch eine gewisse Unentschlossenheit, wie die Partie zu bewerten war. „Einerseits ärgert mich die erste Halbzeit“, sagte er, „andererseits sind wir wieder zurückgekommen, haben wieder eine Reaktion gezeigt und haben auswärts wieder nicht verloren. Das zeigt, dass wir Charakter haben.“

Mit diesem Charakter hat Werder es weit gebracht. Vom letzten Platz bis ins gesicherte Mittelfeld. Dass in den letzten beiden Spielen – daheim gegen Gladbach, auswärts in Dortmund – noch mehr möglich ist, muss nach der Leistung gestern aber sehr stark bezweifelt werden. Skripnik dazu: „Wenn wir noch Punkte sammeln, ist es gut. Wenn nicht, dann nicht.“ Ein bisschen so hatte Werder gestern auch 45 Minuten lang gespielt.

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