Große Katastrophenschutzübung mit 500 Einsatzkräften und 500 Komparsen

„Juni-Desaster“ im Weserstadion

Rote Wolken breiten sich aus: Eine Gruppe von angetrunkenen Jugendlichen hat selbstgebastelte Feuerwerkskörper entzündet, woraufhin die Situation bald eskaliert. ·

Bremen - Von Nina Seegers. Panik bricht aus, als nach einem ohrenbetäubenden Knall im Block 117 des Weserstadions plötzlich rote und orange Rauchwolken aufsteigen. Sofort liegt ein heftiger Geruch von Schwefel in der Luft. Hilfeschreie von verletzten und verängstigten Menschen vermischen sich mit dem nicht enden wollenden Gegröle der Fußballfans.

Im Oberrang der Westseite des Weserstadions sitzt ein junger Mann, dessen Gesicht und Oberkörper mit Brandbläschen übersät sind. „Durch eine Explosion im Stadion habe ich Verbrennungen zweiten Grades davongetragen“, sagt der Bundeswehrsoldat lächelnd, in Wirklichkeit ist dieser nämlich kerngesund und wartet bloß auf seinen Einsatz als Komparse in der Katastrophenschutzübung „Juni-Desaster“.

Großübung im Weserstadion

Katastrophenschutzübung „Juni-Desaster“ im Weserstadion

Rund 500 Statisten von Bundeswehr, Polizeischule und vom Technischen Hilfswerk (THW) sowie 500 Einsatzkräfte der Feuerwehr, Polizei und anderer Rettungsdienste sind an der Übung beteiligt. Gerade nach solch tragischen Vorfällen wie bei der Loveparade in Duisburg sei es wichtig, auf Massenveranstaltungen vorbeireitet zu sein, sagt Rainer Gausepohl, Sprecher des Bremer Innensenators.

Die Einsatzkräfte simulierten am Sonnabend folgendes Szenario: Etwa 30 Minuten vor dem Beginn eines Fußballspiels entzündet eine Gruppe von rund 20 angetrunkenen Jugendlichen selbstgebastelte „Bengalos“ im Oberrang der Westtribüne. Versehentlich fällt eine der Fackeln in eine Kiste mit Magnesium, die die frisch gebackenen Abiturienten ebenso wie die Feuerwerkskörper mit ins Fußballstadion geschmuggelt haben. Es kommt zu einer Stichflamme mit Explosion und vor lauter Schreck lassen einige der Jugendlichen ihre Fackeln in die Menge fallen. Die Zuschauer in den unteren Rängen werden völlig überrascht, geraten in Panik und erleiden zum Teil schwere Verletzungen. Die Explosion fordert schließlich fünf Tote und 60 Verletzte.

Obwohl es sich nur um eine Übung handelt, wirkt die Situation täuschend echt. Feuerwehr, Polizei, Rettungsdienst und das THW eilen den Verletzten schnell zur Hilfe, und eine Durchsage ertönt: „Achtung, hier spricht die Polizei. Bitte bewahren Sie Ruhe und behindern nicht die Rettungsmaßnahmen. Unverletzte Personen verlassen bitte das Stadion.“ Innerhalb weniger Minuten herrscht absolutes Chaos: Die Menschen versuchen alle gleichzeitig das Stadion zu verlassen, auf den sich leerenden Rängen kommen leblose Körper und Verletzte mit schweren Brandverletzungen zum Vorschein, während betrunkene Fußballfans weiter ihre Hymnen grölen und gegen die Einsatzkräfte randalieren.

Zwar soll diese Übungen demnächst detailliert ausgewertet werden, die Verantwortlichen ziehen jedoch unmittelbar nach der Übung ein erstes positives Fazit. „Innerhalb von zwei Stunden und zehn Minuten haben wir es geschafft, sämtliche Verletzte aus dem Schadensbereich zu retten“, sagt Oliver Iden von der Feuerwehr Bremen. Gleichzeitig macht er jedoch auch auf die „eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten“ vor Ort aufmerksam. So gebe es vor allem zu wenige Zu- und Abfahrtsmöglichkeiten für Einsatzfahrzeuge. Die Übung im Weserstadion war drei Monate lang vorbereitet worden und kostete etwa 20 000 Euro.

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