Jürgen L. Born wird 75 / Ex-Werder-Boss dankt Claudio Pizarro und rechnet mit Willi Lemke ab

„Ich bin ein Glückspilz“

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Ein Mann von Welt: Jürgen L. Born ist in seinem Leben viel herumgekommen. Die Fahnen seiner wichtigsten Stationen stehen auf seinem Schreibtisch. Es sind so viele, dass er nicht mal alle fürs Foto präsentieren kann. Die Werder-Fahne musste aber unbedingt mit aufs Bild.

Bremen - Von Björn Knips. Heute Mallorca, am Samstag Weserstadion, nächste Woche dann erst die Jodelmeisterschaften in Bremen und dann geht es noch nach Übersee: Jürgen L. Born ist ein gefragter Mann. Vor allem vor seinem 75. Geburtstag. Deshalb war es gar nicht so einfach, einen Gesprächstermin mit dem Ex-Boss von Werder Bremen (1999 bis 2009) zu ergattern. Doch es hat geklappt, und der einstige Banker hatte viel zu erzählen.

Damit das Interview nicht an Aktualität einbüßt, wird es schon eine Woche vor Borns Ehrentag (24. September) veröffentlicht. Auf eine große Geburtstagsparty verzichtet Born übrigens, trotzdem wird es kein Tag wie jeder andere, besser gesagt keine Nacht wie jede andere: „Ich bin Jurymitglied bei den Jodelmeisterschaften in Bremen, ich jodel quasi in meinen Geburtstag.“

Herr Born, Ihr 75. Geburtstag naht und alle sind bereits auf der Suche nach Geschenken – mit welcher Schlagzeile könnten wir Ihnen eine Freude machen?

Jürgen L. Born: Ich würde mich freuen über: „Bei Werder sieht alles gut aus“.

Machen Sie sich Sorgen um Ihren Club?

Born: Nein. Aber ich würde auf meine alten Tage gerne noch mal etwas Großes mit Werder erleben. Europapokal im Weserstadion oder das Pokalendspiel in Berlin – das wäre riesig.

Ist das Ihr Wunsch an Werder oder gibt es noch etwas anderes?

Born: Ich brauche noch neue Turnschuhe, Größe 43 (lacht). Nein, Werder hat mir mit der Verpflichtung von Claudio Pizarro schon ein großes Geschenk gemacht. Das ist einfach super für die ganze Stadt. Claudio bedeutet mir sehr viel, ich habe ihn damals durch Zufall in Peru entdeckt. Meine tollen zehn Jahre bei Werder habe ich auch ihm zu verdanken.

Warum?

Born: Wir haben 1999 für Claudio 1,6 Millionen Mark bezahlt und circa 16 bekommen, als er 2001 zu den Bayern ging. Mit diesem Geld hat der Club dann eingekauft und Werder auf Erfolgskurs gebracht. Und bei Pizarros zweitem Auftritt in Bremen haben wir 2009 den DFB-Pokal gewonnen.

Wird Pizarro Werder zurück nach Europa schießen?

Born: Es fing ja gegen Hoffenheim grandios an, aber wir sollten jetzt auch nicht zu viel von ihm erwarten.

Eigentlich geht es in diesem Interview um Ihren 75. Geburtstag, aber Sie haben sofort Werder ins Spiel gebracht. Wie wichtig ist Ihnen der Club?

Born: Ich habe keine Geschwister, und meinen Vater habe ich kurz nach dem Krieg verloren. Ich bin also allein mit meiner Mutter aufgewachsen. Vielleicht ist Werder deshalb zu einer Art Ersatzfamilie geworden.

Welche Rolle nehmen Sie in der Werder-Familie ein – sind Sie jetzt der Opa?

Born: Oh – das ist eine gute Frage. Aber ich sehe mich eher als Nutznießer. Ich gehe zu Werder, und es erfüllt mich mit großer Freude, wenn Werder gewinnt.

Sind Sie traurig, dass Sie seit 2009 kein Amt mehr im Club bekleiden?

Born: Nein. Ich komme mit denen, die jetzt die Arbeit machen, gut zurecht. Man darf eines nicht vergessen: Ich habe sechs Monate, bevor ich genau zehn Jahre für Werder gearbeitet hätte, Aufsichtsratschef Willi Lemke schriftlich meinen Rückzug zum Saisonende angekündigt. Ich war der Älteste im Vorstand – und auch im Aufsichtsrat gab es keinen Älteren. Da wollte ich vorangehen und den Verjüngungsprozess einleiten. Leider ist die Geschichte etwas anders verlaufen.

Sie sprechen die so genannte „Affäre Born“ an. Ihnen wurde im März 2009 vorgeworfen, Sie hätten im Zuge eines Spielertransfers mehr als 30000 Euro von dem Berater Carlos Delgado überwiesen bekommen. Kurz darauf haben Sie Ihren Rücktritt erklärt. Später hat die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers im Auftrag von Werder festgestellt, dass an den Vorwürfen nichts dran ist. Für Sie als Werder-Boss kam das allerdings zu spät…

Born: Es war unterste Schublade, was da damals abgelaufen ist. Es ging ja um einen Prozess in Lima. Leider habe ich ein Jahr gebraucht, um an die Originaldokumente heranzukommen. Dabei habe ich festgestellt, dass ich aufgrund eines gefälschten Papiers verleumdet werden sollte. Das fand ich schon recht erstaunlich. Dabei bin ich nach 35 Jahren in Südamerika wirklich einiges gewohnt, habe einiges erlebt – bis hin zur Auszahlung von Lösegeld bei Kidnappings.

Haben Sie damals die Rückendeckung der Werder-Familie vermisst?

Born: Es gab viel Rückendeckung. Nur Willi Lemke hatte es sich zur Aufgabe gemacht, mich an den Pranger zu stellen. Dabei war es gar nicht notwendig, er hatte doch meine Kündigung wie gesagt schon in der Hand. Wir haben uns damals gefragt: War er von Hass und Neid getrieben? Der Verein jedenfalls verlieh mir die goldene Ehrennadel und schenkte mir eine Eintrittskarte fürs Weserstadion auf Lebenszeit.

Lemke hat damals betont, Sie hätten ihm auch nach mehrfachem Nachfragen nicht sagen können, woher das Geld auf Ihrem Konto kam.

Born: Das konnte ich ja auch nicht, weil ich seit meiner Rückkehr nach Bremen über kein Konto in Südamerika verfüge und die genannte Bank seit 15 Jahren nicht mehr existiert. Das selbstsüchtige und an Niedertracht nicht zu überbietende Verhalten interpretierten meine Freunde als Racheaktion dafür, dass ich viele Dinge Lemkes gelegentlich kritisiert habe. Dabei ging es mir weniger um die Schwarzgeldkasse oder seine Vergangenheit als Doppelagent. Sondern ich sah als eingefleischter Werderaner mit großem Befremden, wie sich ein Mann, der sich gerne mit grün-weißen Federn schmückte, im Jahr 2002 ausgerechnet beim Hamburger SV um den Präsidentenposten bewarb.

Harte Vorwürfe – warum haben Sie sich nicht juristisch gewehrt?

Born: Wegen Werder, alles wäre noch einmal aufgeflammt, das hätte dem Club nicht gut getan. Ich halte ohnehin nicht viel von juristischen Auseinandersetzungen.

Fühlen Sie sich rehabilitiert?

Born: Ja, sehr rehabilitiert sogar – aufgrund vieler, vieler Briefe. Und es ist immer noch schön, wenn ich durch die Sögestraße gehe und die Leute rufen „Borni, komm’ doch wieder!“.

Könnten Sie Werder noch helfen?

Born: Wenn ich jetzt nein sage, dann heißt es: Werder ist nicht mehr zu helfen (lacht). Wenn ich gebraucht werden sollte, helfe ich selbstverständlich. Aber ich glaube, das ist nicht der Fall.

Bei Werder ist seit Jahren von finanziellen Problemen die Rede. Ist der Bundesliga-Standort Bremen in Gefahr?

Born: Ich habe mir wirklich Sorgen gemacht. Aber die Löcher wurden gestopft und der Verein geht langsam auf schwarze Zahlen zu.

Warum ist Werder überhaupt so tief in die roten Zahlen gerutscht?

Born: Der sportliche Erfolg blieb vorrübergehend aus und damit fehlten auch Einnahmen. Aber der Kostenblock lässt sich nur langsam abbauen. Dadurch gerät man in eine Negativspirale, die wir jetzt hoffentlich in die andere Richtung gehen.

Was war Ihr schönster Werder-Moment?

Born: Der 8. Mai 2004, als wir durch den Sieg in München Deutscher Meister wurden. Da habe ich mir einfach eingebildet, dass ich daran auch ein bisschen mitgekratzt hatte.

Wer wird eher noch mal Deutscher Meister – Werder oder der Hamburger SV?

Born: Meinetwegen kann der HSV gerne Meister werden, wenn Werder vorher drei Mal Meister wird. Doch das werde ich wohl nicht mehr erleben. Man darf eines nicht vergessen: Wir Bremer waren zehn Jahre lang Glückspilze, dass wir so eine tolle Zeit erleben durften. Ich bin mein Leben lang ein Glückspilz gewesen, vielleicht konnte ich da etwas übertragen. In Südamerika bekam ich als Chef fast immer eine Bank, die überhaupt nicht funktionierte, und dann gab es eine wirtschaftliche Veränderung in dem Land – und, schwupp, waren wir oben.

Was bedeutet Ihnen Südamerika?

Born: Sehr, sehr viel, weil ich fast die Hälfte meines Lebens dort verbracht habe. Es war die Chance meines Lebens. Nach dem Schulabschluss, einer Banklehre und einem Studium hatten meine Freunde alle schon gute Jobs – oft im Unternehmen ihrer Väter. Da habe ich mir gedacht: Ich hau’ jetzt ab und komme erst wieder, wenn ich meine Biere selbst bezahlen kann. Hat etwas lange gedauert, fast 35 Jahre. Aber dann habe ich auch alle Biere bezahlt…

Wo ging es damals los?

Born: In Argentinien. Ich habe erst auf dem Dampfer Spanisch gelernt, Zum Glück dauerte die Reise 42 Tage. Man durfte nur einen Koffer mitnehmen, und ich hatte noch ein Akkordeon und eine Kiste Billig-Whiskey dabei, um das Heimweh wegzuspülen. Das alles hat sich total gelohnt.

Inwiefern?

Born: Ich war unter anderem in Argentinien, Paraguay, Uruguay, Peru und Brasilien beruflich sehr erfolgreich, habe generell viel erlebt und viele interessante Leute kennen gelernt.

Sind Sie noch oft da?

Born: Immer mal wieder. Aber irgendwann hat sich die Deutsche Bank aus Südamerika zurückgezogen. Danach habe ich diverse Geschäfte betrieben. Na ja und dann kam 1999 auf einmal Werder. Da waren gerade alle im Vorstand vorübergehend zurückgetreten. Die suchten einen neuen Mann. Der Zeitpunkt passte, also habe ich es gemacht.

Sind Sie noch Honorarkonsul von Uruguay?

Born: Natürlich. Ich habe gerade noch mit dem Botschafter gesprochen, weil mich der Bürgermeister von Montevideo mit einem Minister in diesen Tagen besuchen will.

Was machen Sie sonst noch so?

Born: Ich mische noch in der einen oder anderen Stiftung mit, halte Vorträge. Zwei Mal die Woche spiele ich Fußball in einem Kreis von Werder-Freunden – und dazu ein bisschen Golf. Es gibt immer was zu tun.

Müssen Sie noch etwas tun?

Born: Ich bin immer gerne gereist, da gibt es eine Liste, die ich gerne noch abarbeiten möchte.

Was steht ganz oben?

Born: Die Beringstraße, denn ich will wissen, ob da Linksverkehr ist (lacht). Die Weihnachtsinseln würden mich auch interessieren – meinetwegen auch zu Ostern. Am liebsten würde ich noch mal mit Werder durch Europa reisen.

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