Vor 50 Jahren wurde Werder zum ersten Mal Meister / Lorenz, Schulz und Höttges erinnern sich

„Wir sind quasi die Firmengründer“

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Die Werder-Legenden (von links) Hans Schulz, Horst-Dieter Höttges und Max Lorenz erinnerten sich im Bremer Jürgenshof gemeinsam an ihre Meistersaison 1964/65.

Bremen - Es wird ein großer Moment – das ist gewiss: Denn der SV Werder ehrt am Samstag im Rahmen des Bundesliga-Spiels gegen Frankfurt seine ersten deutschen Meister. Vor 50 Jahren schrieb die Mannschaft von Trainer Willi Multhaup Vereinsgeschichte, schaffte die große Sensation.

Mit dabei und ganz wichtig: Hans Schulz, Max Lorenz und Horst-Dieter Höttges. Gemeinsam blicken die Werder-Legenden exklusiv für diese Zeitung auf die Meistersaison zurück und erzählen so manche Anekdote. Da wäre zum Beispiel die Geschichte von Höttges’ rotem Sportwagen, den immer andere fahren mussten.

So meine Herren, raus mit der Sprache, 50 Jahre danach können Sie es ja sagen: Wie haben Sie das damals mit der Überraschungsmeisterschaft hinbekommen?

Max Lorenz: Überraschungsmeisterschaft – wer erzählt denn so was?
Hans Schulz: Ganz souverän haben wir das gemacht.
Horst-Dieter Höttges: Genau, so war das!
Lorenz: Natürlich sind wir nicht als Topfavorit in die Saison gegangen, das war der 1. FC Köln. Aber bei uns war etwas zusammengewachsen und wir haben drei ganz wichtige Spieler dazubekommen: Horst-Dieter Höttges, Heinz Steinmann und Klaus Matischak. Mit denen sind wir im Sommer gleich für vier Wochen nach Amerika. Da haben wir dann ein neues System mit Libero gespielt, das die Gegner nicht verstanden haben. Wir hatten mit Willi Multhaup schon einen besonderen Trainer.

Was war so besonders an ihm?
Schulz: Er war ein ganz moderner Trainer – und so modern war er auch gekleidet. Ein echter Typ im feinen Zwirn.

Wie heute Pep Guardiola?
Schulz: Ein bisschen schon. ,Fischken’ Multhaup hat mal zehn Minuten vor Anpfiff eines Bundesliga-Spiels zu mir gesagt: ,Ich zeig’ dir mal mein neues Kaschmir-Sakko.‘ Unglaublich!

Wie kam es zu dieser Amerika-Reise?
Schulz: Wir sind eingeladen worden. Die Reise war eine Sensation. Damals sind noch Leute nach Amerika ausgewandert und kamen nie mehr zurück. Wir waren ja nicht nur in New York, sondern auch in Chicago und Los Angeles. Das war ein Turnier, insgesamt vier Wochen lang – das hat uns zusammengeschweißt.

Und wie hat Werder abgeschnitten?
Lorenz: Wir haben das Turnier natürlich gewonnen!
Schulz: Und Gerhard Zebrowski wurde Torschützenkönig. Das war schon eine ungewöhnliche Reise. Wir sind von Amsterdam aus geflogen und haben die Schotten abgeholt. Die haben unterwegs geraucht und getrunken.

Sie haben so etwas natürlich nie gemacht?
Lorenz: Na ja, ich sag mal…
Schulz: Ach Max, der Trainer wollte doch gar nicht, dass wir schon um acht im Bett waren.

Wurde das früher lockerer gesehen als heute?
Lorenz: So wird das heute immer gesagt. Natürlich hat sich der Fußball verändert, alles hat sich verändert. Aber wir haben auch guten und schnellen Fußball gespielt, und darauf sind wir stolz. Die Leute haben uns schon zurecht gefeiert.
Schulz: Die Bilder habe ich noch im Kopf, als wir als Meister nach Bremen zurückkamen.
Höttges: Aber vorher mussten wir noch in Lichtenfels ein Freundschaftsspiel machen.
Schulz: Heute wäre das in so einem Moment undenkbar, da musst du als deutscher Meister sofort nach Hause.

Warum hat Werder das gemacht?
Höttges: Ein Sponsor, Karl Fleschutz, hatte darum gebeten, einen Tag nach unserem letzten Spiel in Nürnberg dort aufzulaufen.
Lorenz: Der hatte eine Möbelfabrik. Auf dem Marktplatz von Lichtenfels wurden Klaus Matischak und mir die Haare abrasiert – vom Bürgermeister.

Warum?
Lorenz: Der Fleschutz hat uns 500 Mark dafür gegeben, das war viel Geld damals.
Schulz: Und wir haben alle eine wertvolle Porzellanschale bekommen.
Lorenz: Und im nächsten Jahr jeder eine Couch.
Schulz: Heute wird darüber vielleicht geschmunzelt. Aber ich sage ganz ehrlich: Ich bin froh, dass wir in der Zeit gespielt haben, es gab keinen Neid, wir waren einfach eine tolle Truppe.
Lorenz: Und wir sind alle Freunde geworden.

Bis dahin war es aber ein weiter Weg – wie wurde aus der Reisegruppe nach Amerika ein Meister?
Schulz: Die Verpflichtung von Schalkes Klaus Matischak war ja eine Sensation, die geschah quasi über Nacht. Der stand vor dem Flug nach Amerika ganz alleine am Rand und sagte nichts. Aber wir hatten gleich ein gutes Gefühl, dass es passt. Für uns war er ein Star, aber er hat sich nicht so benommen.
Höttges: Es hieß damals, der Matischak schießt nur Tore für Geld.
Lorenz: Er hat Werder richtig gut getan. Das gilt auch für Horst-Dieter Höttges, der hat hier richtig eingeschlagen.
Schulz: Und ich musste ihn immer fahren.

Warum? 
Schulz: Horst hatte einen schönen roten Sportwagen, einen Triumph, aber keinen Führerschein. Also hat er mich immer mal wieder gefragt. Und wir hatten ja auch dieselben Lokale…

Herr Höttges, warum hatten Sie ein Auto, aber keinen Führerschein?
Höttges: Ich hatte doch Mädchen – die haben mich gefahren.
Lorenz: Und die hatten alle einen Führerschein?
Höttges: Natürlich.
Schulz: Da muss ich noch eine Geschichte von Horst erzählen. Franz Beckenbauer hat mal in einem Spiel gegen uns zu Gerd Müller gesagt, ,Was machst du hier hinten, du bist Stürmer, geh’ nach vorne.’ Und Müller hat geantwortet: ,Geh’ du doch nach vorne zu den beiden Mördern.’ Damit waren Höttges und Piontek gemeint.

Die berühmte Beton-Abwehr.
Schulz: Wir haben uns mit denen da hinten schon sehr sicher gefühlt.
Lorenz: Unser Selbstvertrauen wurde immer größer. Irgendwann wussten wir: Wir können überall gewinnen. Wir waren eine junge, gallige Truppe und kannten keine Schmerzen.
Schulz: Wir wussten doch meistens gar nicht, was wir wirklich hatten. Das Wort Kreuzbandriss gab es noch gar nicht.

Von Bernard bis Zebrowski

Wie oft wurde damals trainiert?
Lorenz: Zwei Mal am Tag.
Höttges: Und auf Asche.
Lorenz: Die Asche habe ich noch in den Knien. Das war auch im Training kein Nonnenhockey. Aber am Montag, unserem Saunatag, haben wir uns was gegönnt.
Höttges: Da sind wir zum Rechtsanwalt.
Lorenz: So haben wir das dem Trainer gesagt. In Wirklichkeit sind wir in eine Kneipe in Hastedt, haben eine Kleinigkeit gegessen und natürlich auch unser Pils getrunken.

Der Trainer hat das nie gemerkt?
Lorenz: Wahrscheinlich schon, aber er hat gewusst, dass es uns gut getan hat.

Und wie wurden die Siege gefeiert?
Schulz: Wir hatten schon unsere Restaurants und Kneipen, wo wir oft auch mit unseren Frauen hin sind.
Lorenz: Ich denke, in der Zeit ist auch die Werder-Familie entstanden.
Schulz: Da schließt sich jetzt der Kreis. Mit Viktor Skripnik als Trainer haben wir nun auch wieder so etwas wie die Werder-Familie.

Kann das wie vor 50 Jahren wieder ein Grundstein für große Zeiten sein?
Höttges: Auf jeden Fall, es ist der richtige Weg, auf junge Spieler zu setzen.
Lorenz: Das stimmt, aber ich möchte noch was sagen: Mittlerweile ist das ja ein Unternehmen geworden, hier werden Millionen bewegt. Wir haben damals den Startschuss gegeben. Wir sind quasi die Firmengründer (lacht).

Mit der USA-Reise als Erfolgsgeheimnis. Soll Werder also im Sommer alle Trainingslager absagen und vier Wochen nach Amerika reisen?
Schulz: (lacht) Wenn das so einfach wäre, dann wären wir bald wieder Meister. Das wäre ein Ding.
kni

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