Alexander Nouri spricht über familiäre Wurzeln, über Pizarro und über einen Karriereplan, den es nie gab

„Der Iran ist ein Teil von mir“

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Alexander Nouri

Bremen - Von Carsten Sander und Björn Knips. Das Kamerateam ist gerade abgerückt, da wartet schon der nächste Interviewtermin. Vier Stück sind es nacheinander, Alexander Nouri hat sich an diesem Tag zur Mittagszeit einiges aufgebürdet. Aber nach seiner Beförderung vom Interims- zum Cheftrainer von Werder Bremen ist für den 37-Jährigen die Zeit gekommen, ins Licht der Öffentlichkeit zu treten.

„Ich habe keine Angst davor, sagt er und gibt anschließend bereitwillig Auskunft, wie er ganz ohne Karriereplan auf einer Bundesliga-Trainerbank gelandet ist, wieso er eine enge Bindung zum Iran hat, sogar ein paar Brocken Farsi, die Sprache vieler Perser, beherrscht. Und es geht um das Comeback von Claudio Pizarro, das Nouri möglicherweise in eine Zwickmühle treibt.

Cheftrainer bei Werder Bremen – können Sie schon sagen, was sich für Sie durch diesen Karrieresprung verändert hat?

Alexander Nouri: Ich bekomme natürlich mit, dass in meinem Umfeld über mich geredet wird. Ich selbst habe mich aber noch gar nicht so sehr draußen bewegt, als dass ich Veränderungen spüren könnte.

Das hört sich nach Arbeit rund um die Uhr an.

Nouri: Ich fahre zur Arbeit und irgendwann wieder nach Hause. Und tatsächlich habe ich eine Veränderung festgestellt: Ich gehe zeitiger ins Bett als sonst.

Sie leben seit sechs Jahren mit Ihrer Frau und den zwei Kindern in Weyhe. Wie geht es der Familie damit, dass Sie jetzt im Rampenlicht stehen?

Nouri: Sie werden natürlich öfter angesprochen, auch die Kinder in der Schule. Das ist schon deutlich mehr geworden. Bislang ist das aber alles sehr positiv.

Empfinden Sie die öffentliche und mediale Aufmerksamkeit als unangenehm?

Nouri: Im Fußball gehört Medienarbeit einfach dazu. Wir leben davon, das ist Fakt. Es ist ein Geben und Nehmen.

Ihr Vorvorgänger Robin Dutt war ein Trainer, der die Medien für sich zu nutzen versuchte. Sein Nachfolger Viktor Skripnik war die Öffentlichkeitsarbeit dagegen lästig. Welcher Typ sind Sie?

Nouri: Ich denke, ich muss mich da erst noch reinleben. Ich möchte da aber sehr offen rangehen, habe keine Angst davor. Ich möchte meine Erfahrungen sammeln und mich so natürlich geben, wie es eben geht. Die Familie, speziell die Kinder, möchte ich da aber ein bisschen raushalten.

Sie pflegen eine eigene Homepage, präsentieren sich als Trainer auf „alexandernouri.de“. Das ist in Ihrem Berufsstand nicht unbedingt Usus.

Nouri: Die Homepage hat meine Schwester vor sechs Jahren für mich erstellt. Es war ein Geschenk. Sie pflegt die Seite seither auch – wie bislang auch den Facebook-Bereich. Aber ich gebe zu, dass ich speziell daran zunehmend Spaß gefunden habe.

Wie viel Spaß?

Nouri: Alles in einem kleinen Rahmen. Ich habe nicht dreimal pro Woche etwas gepostet und werde das auch künftig nicht machen. Grundsätzlich gilt: Ich muss noch herausfinden, wie ein vernünftiger Umgang mit den Sozialen Medien aussehen kann.

Ihr Vater stammt aus dem Iran. Halten Sie noch Kontakt in seine Heimat?

Nouri: Ja. Der Iran ist absolut ein Teil von mir. Mein Vater ist damals für sein Studium nach Deutschland gekommen, hat in Hannover meine Mutter kennengelernt und in Oldenburg Chemie studiert. Ich bin allerdings in Buxtehude aufgewachsen, habe als Kind aber viel Zeit im Studentenwohnheim in Oldenburg bei meinem Vater verbracht.

Wie ist es für Sie, sowohl von der deutschen als auch der iranischen Kultur beeinflusst zu werden?

Nouri: Diese Mischung hat mich sehr bereichert und zu einem sehr offenen Menschen werden lassen.

Wann waren Sie zuletzt im Iran?

Nouri: Das war 2005. Ich habe gemeinsam mit meinem Vater eine mehrwöchige Reise in die interessantesten Städte des Landes unternommen. Ich wollte wissen, woher ich komme. Das war wichtig für mich, um eine Art Identität zu finden.

War Ihre Suche erfolgreich?

Nouri: Ich weiß, dass bei mir die Toleranz, die Empathie und das Interesse für Menschen und andere Kulturen sehr ausgeprägt sind.

Trotzdem waren Sie seit elf Jahren nicht mehr dort. Wieso?

Nouri: Ich habe zwar noch Onkel und Tanten im Iran, aber der Großteil meiner iranischen Verwandtschaft lebt in den USA. Deshalb war ich als Kind dort auch häufig im Urlaub.

Mal angenommen, man würde Sie im Iran allein auf die Reise schicken – würden Sie klarkommen?

Nouri: Ich spreche zwar ein wenig Farsi, könnte mich mit den Basics verständigen. Aber ich bräuchte vor Ort schon noch Unterstützung. Mit dem Essen hätte ich aber kein Problem – persische Gerichte sind bei mir die absolute Nummer eins.

Sie waren in der U 15 und U 16 deutscher Jugendnationalspieler. Ist der Iran nie auf Sie aufmerksam geworden?

Nouri: Doch, 2005 hatte es eine Einladung für einen Lehrgang in England gegeben. Aber ich war verletzt, konnte nicht teilnehmen. Danach ist nie wieder etwas gekommen.

Ihre aktive Karriere hat Sie nur bis in die Zweite Liga geführt, jetzt sind Sie mit nur 37 Jahren als Trainer erstklassig. Das ist mal eine rasante Karriere.

Nouri: Stimmt schon. Aber ich habe im Fußball gelernt, dass es nichts bringt, weit in die Zukunft zu schauen. Auch Karrierepläne machen eigentlich keinen Sinn.

Hatten Sie als Trainer jemals einen Plan für die Laufbahn?

Nouri: Nein! Ich hatte immer die Fantasie, mal etwas im Trainerbereich zu machen. Schon als Spieler hatte ich gemerkt, dass ich viele Punkte hinterfrage, mir Gedanken mache. Das war dann auch das Kriterium, weshalb ich mit 30 Jahren einen Cut gemacht und meinen Vertrag bei Holstein Kiel aufgelöst habe. Ich wollte mich ganz meinem Studium widmen.

Studiengang Gesundheitsmanagement...

Nouri: ...mit den Modulen Trainingslehre, medizinische Grundlagen und Ernährungslehre. Das waren drei Bereiche, die mich extrem interessiert haben, weil ich immer dachte, dass ich als Trainer auch eine theoretische Grundlage haben muss.

Also doch ein Plan.

Nouri: Ich habe das Studium mit einem Freund, mit dem ich beim VfL Osnabrück zusammengearbeitet habe, ausgewählt. Oliver Bartlett, ein Athletiktrainer, der heute erfolgreich bei Bayer Leverkusen arbeitet und unter Jürgen Klopp zweimal das Double mit Dortmund geholt hatte. Er hat mich inspiriert.

Deshalb der Start beim VfB Oldenburg als Athletiktrainer?

Nouri: Das habe ich gemacht, um das Studium zu finanzieren. Und weil ich bei meiner Station in den USA (Nouri war 1999 an die Seattle Sounders verliehen, d. Red.) ein prägendes Erlebnis hatte.

Welches?

Nouri (lacht): Ich habe mich damals immer mit dem Rücken zur Mannschaft umgezogen, weil ich so ein Hering war und die anderen Jungs alle so durchtrainiert waren. Da habe ich gemerkt: Hey, die sind hier viel weiter als wir. Deswegen hat mich der Bereich besonders interessiert. Über Oliver Bartlett bin ich dann zu Mark Verstegen (aus den USA stammender DFB-Fitnesscoach bei der WM 2006, d. Red.) gekommen. Das hat mich dann richtig gepackt.

Jetzt sind Sie bei Werder aber Chef vom Ganzen. Und das, ohne als Spieler den Duft der Bundesliga geschnuppert zu haben. Ein Nachteil?

Nouri: Dass das von außen gesehen ein Thema ist, kann ich nachvollziehen. Aber ich habe auch als Profi Erfahrungen gesammelt, wenngleich in Liga zwei und drei. Doch die Prozesse sind dort identisch mit denen in der ersten Liga – und der Druck ist es auch.

Wie verschaffen Sie sich Autorität?

Nouri: Ich versuche immer, meine Entscheidungen zu begründen und jeden Spieler dabei respektvoll zu behandeln. Im Gegenzug erwarte ich den gleichen Respekt von den Spielern.

Anders herum: Wie viel Respekt haben Sie vor Stars wie zum Beispiel Claudio Pizarro, der sogar älter ist als Sie?

Nouri: Da gehe ich ganz unbefangen ran. Mir geht es immer um die Arbeit mit den Menschen. Und ich habe gelernt, dass auch den größten Star die gleichen Dinge umtreiben wie uns alle auch. Da habe ich keine Berührungsängste, sonst könnte ich den Job auch nicht machen.

Sie setzen im Augenblick auf Ousman Manneh im Sturmzentrum. Ein laufstarker, aggressiver Typ, der vorne draufgeht. Muss Claudio Pizarro ähnlich agieren, wenn er ins Team zurückkehrt? Oder ändern Sie dann Ihre Spielidee?

Nouri: Als Trainer hast du deine eigene Spielidee im Kopf. Aber du musst dann auch abwägen, wo die Stärken der Spieler liegen und wie sie gewinnbringend einzusetzen sind. Dann musst du entscheiden, wer der Mannschaft mehr Erfolg bringt.

Einen Claudio Pizarro draußen zu lassen, ist aber kaum vorstellbar.

Nouri: Aber von ihm zu verlangen, von der einen zur anderen Seite zu rennen, wäre auch Wahnsinn.

Geraten Sie da irgendwann in eine Zwickmühle?

Nouri: Wir müssen Entscheidungsprozesse entwickeln und darüber offen und ehrlich mit den Spielern sprechen. Das ist mir wichtig.

Wie ist der Stand in der Personalie zusätzlicher Co-Trainer? Gibt es schon eine Entscheidung?

Nouri: Ich habe jemanden im Kopf, und wir haben das gemeinsam mit Frank Baumann entschieden. Aber bevor die Tinte unter dem Vertrag nicht trocken ist, wird es dazu keine weiteren Infos geben.  J csa/kni

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