Interview mit Buch-Autor Christoph Ruf

Investor? „Werder hat die Wahl zwischen Pest und Cholera“

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Christoph Ruf beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Kommerzialisierung des Fußballs.

Bremen - Die voranschreitende Kommerzialisierung ist für viele Fußball-Fans ein Ärgernis. Wo genau der Schuh drückt, weiß Christoph Ruf.

Der Journalist und Buch-Autor hat für „Fieberwahn – wie der Fußball seine Basis verkauft“ die jüngsten Entwicklungen untersucht. Im Interview mit der DeichStube spricht Ruf über den Einfluss des Geldes auf den Fußball und auf Werder Bremen.

Herr Ruf, in Ihrem Buch Fieberwahn schreiben Sie über die Gefahren der Kommerzialisierung des Fußballs. Wie schlimm ist es denn wirklich?

Christoph Ruf: Es ist ein schleichender Prozess. Am Anfang wurde der Eckball vom Sponsor präsentiert, dann die Halbzeitpause und irgendwann wurden die Ticketpreise vermeintlich sozialverträglich erhöht. Aber dann merkt man fünf Jahre später doch, jetzt sind die Preise um 50 Prozent gestiegen, und günstige Stehplatztickets gibt es nicht mehr, weil sie über Dauerkarten weg sind. Ich glaube, die meisten Stadiongänger würden sagen, dass ihnen ein Fußball-Samstag vor zehn Jahren mehr Spaß gemacht hat als heute.

Fußball-Fan zu sein ist teurer geworden...

Ruf: Ja! Viele können sich einen Stadionbesuch gar nicht mehr leisten, auf Schalke schauen viele „echte“ Fans das Spiel in der Kneipe, weil die keine bezahlbare Dauerkarte bekommen können. Aber dass sich die Kommerzschraube weiter dreht, liegt ja nicht nur an dem bösen Verein, sondern auch an vielen Fans, die das alles gerne mit sich machen lassen. Es zwingt einen ja niemand, für 140 Euro im PSG-Shop ein Neymar-Trikot zu kaufen oder mit seinem Geld über eine Fan-Anleihe einen Verein zu retten, der nicht wirtschaften kann.

Jetzt haben Sie schon die Ticketpreise angesprochen - der Untertitel Ihres Buches lautet „Wie der Fußball seine Basis verkauft“. Wie tut er das denn noch?

Ruf: In den unteren Ligen passiert zum Beispiel ganz viel – von der Aufstiegsregelung bis zur totalen Unterfinanzierung, was mit dem Sport und Leistungsgedanken nicht mehr viel zu tun hat. Wenn ein Meister der Regionalliga nicht automatisch aufsteigt, ist das genauso absurd wie die Teilnahme der chinesischen U20 in der Regionalliga Südwest. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass die meisten Amateurvereine nur noch überleben, weil wenige Ehrenamtliche den Laden am Laufen halten. Vom „großen“ Fußball fühlen die sich aber schon lange im Stich gelassen.

Fans müssen mittlerweile mehrere Abos bei Sky und Eurosport abschließen, um jedes Spiel ihres Vereins schauen zu können. Auch ein Produkt der Kommerzialisierung...

Ruf: Ja, und da regt sich extremer Unmut. Die Leute werden einfach maximal ausgemolken. Kein Wunder, dass sich so viele Leute von all dem Fußball und der medialen Überdrehung übersättigt fühlen.

Welche Sorgen des vermeintlich „kleinen Fans“ haben Sie im Rahmen Ihrer Recherche sonst noch ausgemacht?

Ruf: Viele Fans, die zu einem Auswärtsspiel fahren, werden generell wie Verbrecher behandelt. Hunderte Menschen werden in Sippenhaft genommen, weil sich ein paar wenige daneben benommen haben oder ein Einsatzleiter meint, dass sie das tun werden. Führt dann dazu, dass Werder-Ultras das Spiel in Hamburg nicht sehen durften und stundenlang festgehalten wurden. Sowas kannst du beispielsweise mit einem Theaterpublikum nicht machen. Da wäre die öffentliche Empörung riesengroß. Und zwar zurecht. Leider haben Fußballfans aber keine große Lobby.

Führt das irgendwann dazu, dass es nur noch Spiele vor leeren Rängen geben wird?

Ruf: Das glaube ich nicht. Ich glaube eher, dass es so kommen wird wie in Paris oder in der Premier League, dass sich das Publikum austauscht. Die Fans, die heute oder seit Jahrzehnten das Stammpublikum des Fußballs sind, Dauerkarten haben und zu Auswärtsspielen fahren, wenden sich ab, Eventfans werden kommen. Die Allianz Arena wird immer voll sein. Da gibt's genug Leute, die darauf warten, dass Plätze frei werden. Und die zahlen dann auch 100 Euro für ein Ticket.

Glauben Sie, dass sich die Fan-Basis sogar ganz von ihrem Club abwenden könnte?

Ruf: Ja, und diese Sorge haben auch manche Vereine. Die haben auch den Eindruck, dass der Fußball an einem Scheideweg steht. Die Kluft zwischen der Basis und dem Verein wird vielerorts immer größer, Sponsoren und Investoren immer wichtiger.

Werder-Fans zeigen einen Banner in der Ostkurve: „Nein zu RB & Co!“

Wie stehen Sie dann zu Clubs wie RB Leipzig und TSG Hoffenheim?

Ruf: Es ist schon eine gigantische Wettbewerbsverzerrung, wenn Dietmar Hopp 350 Millionen Euro in einen Dorfverein steckt und ihn in die Bundesliga bringt. Hopp ist aber immerhin eng verbunden mit Verein und Dorf und tut vor Ort viel Gutes. Bei RB Leipzig finde ich es noch krasser, weil es ein ganz klarer Bruch der 50+1-Regel ist, dass dieses Firmenprodukt in der Bundesliga spielen darf. Die Verbände haben es zugelassen, dass ihre eigenen Regeln missachtet werden. Als Bayern oder Leipzig kannst du gar nicht mehr Sechster oder Siebter werden mit diesen Etats. Wer mal in der Champions League war, kriegt da so viel Geld, dass er auf Dauer einen Spitzenplatz in der Liga hat. Das ist eine Entwicklung, die massiv zu Lasten von Vereinen wie Mainz, Freiburg oder Werder geht, die versuchen, mit Nachwuchsarbeit und klaren Konzepten erfolgreich zu arbeiten. Deren Nische wird zugestopft.

Wie sehr sind Traditionsclubs wie Werder von dieser Kommerzialisierung gefährdet?

Ruf: Die Kluft zwischen diesen Clubs und denen, die Champions League spielen, ist enorm gewachsen. Das gilt auch für Werder. Ein Verein wie Werder oder Freiburg kann noch so gut scouten und einen Spieler über viele Jahre beobachten, den andere Vereine nicht auf dem Zettel haben. Dieser Spieler wird irgendwann in die zweite englische Liga gehen, weil er dort mehr verdient als bei einem langjährigen Bundesligisten wie Werder.

Aber Werder macht nicht alles mit - nehmen wir das Beispiel der Namensrechte des Weserstadions.

Ruf: Das finde ich natürlich gut, aber aus dem grundsätzlichen Dilemma kommt niemand heraus. Auch Werder wird sich natürlich einen Sponsor danach aussuchen müssen, wie viel er bezahlt und nicht danach, wie ethisch er wirtschaftet. Das kann man aber niemanden vorwerfen in diesem System. Das Problem ist grundsätzlicher: Er muss sich entscheiden, ob er der Premier League Konkurrenz machen will, oder ob er sich auf das besinnt, was den deutschen Fußball stark gemacht hat, die Volkstümlichkeit darf nicht verloren gehen.

Muss sich ein Werder-Fan Sorgen machen, dass sein Verein mittelfristig von solchen Clubs wie RB oder Hoffenheim aus der Bundesliga verdrängt wird?

Ruf: Unbedingt. Ich glaube, Vereine wie Werder, Mainz oder Freiburg werden es sehr, sehr schwer haben, ihre Identität zu bewahren und nicht überrollt zu werden von den Leipzigs dieser Republik. Für jedes Red Bull Leipzig, das sich in die Erste Liga einkauft, wird einer der derzeitigen Bundesligisten gehen müssen. Kein Wunder, dass sich viele „kleine“ Erstligisten gerade überlegen, ob sie sich an einen Investor verkaufen.

Wäre das denn so schlimm?

Ruf: Ja, weil Vereine wie Bremen dann irgendwann vor der Alternative stehen, das eigene Modell aufzugeben und Investoren wie Herrn Kühne beim HSV ins Boot zu holen, die angeblich keinen Einfluss nehmen, in Wahrheit aber maximal reinreden. Wer Geld investiert, will bestimmen. Ob er Ahnung von Fußball hat oder nicht. Die andere Option wäre der Abstieg in Liga zwei.

Wie könnte denn ein funktionierendes Modell bei Werder aussehen - gibt es einen Mittelweg zwischen Fan-Nähe und Kommerzialisierung?

Ruf: Den gibt es, aber nicht für einen Verein alleine. Eine Chance wäre aber, wenn die vielen Manager, die ähnliche Sorgen haben wie ich, sich zusammentun und sich in der Öffentlichkeit klar positionieren. Im Moment ist es doch so, dass mal jemand aus Freiburg, mal jemand aus Mainz oder aus St. Pauli und mal Marco Bode andeutet, dass es in die falsche Richtung geht. Das wird immer nur als Einzelstimme wahrgenommen.

Wie stellen Sie sich das vor?

Ruf: Bisher gibt es im deutschen Fußball keine Gremien, in denen die Manager mal grundsätzlich darüber diskutieren, wie der Fußball in zehn Jahren aussehen soll. Man denkt oft nur bis zum Saisonende. Ich fände es schön, wenn sich mal die Vereine zusammentäten, die andere Interessen haben als die Champions-League-Vereine.

Wo sehen Sie vermeintlich kleinere Vereine wie Freiburg, Mainz oder auch Werder in den nächsten fünf Jahren?

Ruf: Tendenziell eher in der Zweiten als in der Ersten Liga, so leid es mir tut. Es wird einfach immer teurer, einen konkurrenzfähigen Bundesliga-Kader zu finanzieren und bei den Einnahmen sind den genannten Vereinen allesamt Grenzen gesetzt, die Boomstädte wie Hamburg oder Menschen wie Herr Mateschitz (Red-Bull-Boss, Anm. d. Red.) nicht kennen. Aber noch gibt es ja die Chance, den Zug aufzuhalten. Das Bizarre ist ja, dass die meisten Bundesligisten und fast alle Fans es eine Horrorvision finden, dass Bayern zwölfmal am Stück Deutscher Meister wird und die Konkurrenz dann Red Bull Leipzig oder Coca Cola Gelsenkirchen heißt. Doch genau darauf steuern wir zu.

Inwiefern muss sich Werder verändern, um konkurrenzfähig zu bleiben?

Ruf: Das Dilemma für Vereine wie Werder ist ja, dass immer mehr Geld generiert und investiert werden muss, um den Großen halbwegs hinterherhecheln zu können. Also stehen auch die Bremer vor der Alternative, sich entweder zu verschulden – was ja nicht die Lösung sein kann. Oder Werder muss sich einem Investor ausliefern, um weiter mithalten zu können. Wenn es mit der Kommerzialisierung so weitergeht, wird diese Wahl zwischen Pest und Cholera stehen.

Zur Person: Christoph Ruf hat Politische Wissenschaften studiert, ist freier Journalist und Buch-Autor. Der 46-Jährige beschäftigt sich bereits seit vielen Jahren intensiv mit Fan-Themen und gesellschaftspolitischen Themen rund um den Fußball und der Kommerzialisierung. Seit 2009 schreibt er unter anderem für Spiegel Online, den Stern und die Süddeutsche Zeitung.

Quelle: DeichStube

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