Interview, Teil zwei: Robin Dutt über Knuddeleien in Bremen, seine Fitness und große Phantasien

„Zu schön, um wahr zu sein“

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…und heute: Fitter denn je.

Bremen - Neulich im Freibad von Zell am Ziller. Die Werder-Profis zeigten sich in Badehosen – und jeder konnte sehen: Die Herren Fußballer verfügen über Sixpacks und ordentlich Muckis. Werder so fit wie nie – das gilt auch für Trainer Robin Dutt. Seit seinem Amtsantritt bei Werder vor einem Jahr ist der 49-Jährige noch schlanker, noch fitter geworden. Sein Geheimnis? Mehr Sport! In dieser Hinsicht ist Dutt ein sehr moderner Trainer. Mit Facebook und Co. hat er’s dagegen nicht so. Und in Sachen Spielsystem denkt der Coach ganz pragmatisch: Ob Raute oder 4-2-3-1 – Hauptsache, der Teamgeist stimmt.

Herr Dutt, vor einem Jahr haben Sie gesagt, die Raute habe sich im modernen Fußball überlebt. Nun ist sie längst wieder Werders Spielsystem. Lassen Sie jetzt altmodisch spielen oder haben Sie sich damals geirrt?

Dutt: Habe ich das damals gesagt? Wir spielen die Raute heute doch ganz anders als früher, weil wir andere Spielertypen haben. Das System ist ohnehin für mich nicht so entscheidend.

Sie haben stets den tollen Teamgeist gelobt – und dann weitere Maßnahmen in diese Richtung vorgenommen. Haben Sie sich selbst nicht geglaubt oder ist der Teamgeist so ein zartes Pflänzchen, das ständig gepflegt werden muss?

Dutt: Wir müssen uns nicht ständig im Neoprenanzug in wechselnden Sportarten bewegen. Das sind doch bloß Auflockerungen. Der Teamgeist muss im täglichen Miteinander gepflegt werden. Und er wird auf eine ganz andere Probe gestellt, wenn die Pflichtspiele kommen. Wenn der eine spielt und der andere nicht. Wenn die ersten wirklichen Niederlagen kommen.

Im letzten Jahr hat Werder sehr vom Teamgeist gelebt. Wie belastbar ist so eine Tugend auf Dauer, kann sie sich abnutzen?

Dutt: Es sollte die Kunst eines Vereins sein, so etwas als dauerhaften Wert zu haben. In deiner Familie muss das doch auch dauerhaft belastbar sein, von der Geburt bis zum Tode. So sehe ich das auch hier. Es muss ein Ausbildungsinhalt sein und ein Vorleben aller Trainer geben, dass die Ressource Teamgeist unendlich ist.

Die Spieler werden allerdings immer mehr zu kleinen Unternehmen und vermarkten sich selbst über die sozialen Netzwerke.

Dutt: Das hat sich wahnsinnig verändert, weil an den Spielern eine riesige Traube hängt, die von dem Spieler profitiert. Jeder muss sich hinterfragen: Was ist mein eigentlicher Antrieb, Fußball zu spielen? Für die einen ist es sicher das schnelle Geldverdienen. Aber es gibt nicht wenige, für die Erfolge und Titel wichtiger sind, als ein, zwei oder drei Millionen Euro zu verdienen.

Wie halten Sie es eigentlich mit Facebook und Co.?

Dutt: Ich stehe dem eigentlich offen gegenüber, bin aber nicht aktiv. Mir bedeutet es mehr, vor der Ostkurve mal nach einem besonderen Spiel geknuddelt zu werden, als ein ‚Daumen hoch‘ bei Facebook zu bekommen.

Sind Sie gar nicht in sozialen Netzwerken aktiv?

Dutt: Doch, mein Sohn hat mir drei verschiedene Sachen eingerichtet, weil er so mit mir kommunizieren wollte. Ich habe ihm gesagt: Ruf mich an, das klappt besser.

Wie hat sich das Verhältnis zu den Fans in Ihrem ersten Jahr entwickelt?

Dutt: Es ist eng geworden. Bis vor sechs, sieben Monaten habe ich es noch vermieden, direkt im Viertel zu sitzen. Ich weiß gar nicht, warum. Jetzt sitze ich da wie selbstverständlich. Ich lebe total gerne hier.

Sie haben zu Beginn Ihrer Arbeit bei Werder gesagt, dass Sie die Phantasie der Fans wecken wollen. Das haben Sie geschafft, viele träumen schon von der Europa League. Müssen Sie nun die Erwartungen bremsen?

Dutt: Erst einmal haben es die Fans mit ihrem unglaublichen Verhalten in der vergangenen Saison geschafft, meine Phantasie zu wecken: Es gibt tatsächlich noch einen Bundesliga-Standort, an dem du als Trainer Höhen und Tiefen durchstehen kannst. Hier habe ich die Hoffnung, nicht mehr meinen Arbeitsplatz wechseln zu müssen.

Welchen Einfluss hat das auf Ihre Arbeit?

Robin Dutt im Wandel der Zeit: Vor acht Jahren,…

Dutt: Man ist mutiger. Man sagt: Okay, der Spieler hat schon das dritte oder vierte Spiel nicht seine hundertprozentige Leistung abgerufen, aber ich lasse ihn trotzdem noch mal spielen, weil ich von ihm überzeugt bin. Umgekehrt könnte man auch sagen: Es bringt mir nichts, wenn der Spieler in sechs Wochen seine Form hat, dann bin ich vielleicht gar nicht mehr da. Du kannst auch den Trainingsplan etwas mutiger gestalten. Also mal einen Weg ausprobieren, weil du weißt: Wenn er falsch ist, kannst du auch noch mal zurück. Das betrifft zum Beispiel Grundordnungen oder Taktiken. Man muss hier nicht zu kurzfristig denken.

Wie wichtig ist Ihnen Ihre öffentliche Wirkung?

…2013 bei seinem Dienstantritt in Bremen…

Dutt: Am liebsten ist es mir, ich komme öffentlich so rüber, wie ich tatsächlich bin. Aber das gelingt nicht immer. Denn wir spielen alle in unserem Beruf eine gewisse Rolle. Ich kann manchmal einfach nicht sagen, was die Journalisten hören möchten, weil ich Themen umschiffen will. In der Phase kann es dir passieren, dass du anders dargestellt wirst, als du eigentlich bist. Ohne, dass dahinter eine böse Absicht steckt.

Sie wirken wesentlich fitter als vor einem Jahr. Haben Sie die Vorbereitung selbst mitgemacht?

…und heute: Fitter denn je.

Dutt: Ich muss zugeben, dass ich mein Sportprogramm seit dem Winter-Trainingslager in Jerez deutlich ausgeweitet habe. Ich hatte rund um Weihnachten so eine kleine Unzufriedenheit mit meinem körperlichen Status. Weniger figürlich, mehr konditionell. Deswegen habe ich angefangen, mich etwas anders zu ernähren und mehr Sport zu treiben. Das macht richtig Spaß. Ich habe am Montag zum ersten Mal seit zehn Jahren wieder einen Laktattest komplett durchgehalten und nicht nach nur zwei Stufen abgebrochen.

Da klingt schon ein bisschen Stolz durch.

Dutt: Na ja, wenn man beim Training nicht nur zugucken muss, sondern mit der Mannschaft in einem gewissen Tempo ein paar Runden drehen kann – ja, dann ist das mit meinen 49 Jahren ein schönes Gefühl (lacht).

Wie wirkt sich das auf der Waage aus?

Dutt: Das macht sich schon bemerkbar. Als wir jetzt von unserem Ausstatter die neuen Anzüge bekommen haben, hatten die Damen versehentlich die alten Größen vom letzten Jahr mitgebracht. Und da habe ich gesagt: Die passen aber jetzt nicht mehr. Dass sie dann entgegnet haben: Wieso, haben Sie zugenommen?, das hat mich dann schon irritiert (lacht).

Laufen Sie jeden Tag?

Dutt: Nein. Viermal die Woche, aber es muss nicht immer laufen sein. Im Trainingslager bin ich aufs Rad, aber Bergfahren macht in Bremen keinen Sinn.

Sie sind fitter geworden, der Sportchef strotzt auch nur so vor Muskeln – hat Werder das sportlichste Führungsduo der Bundesliga?

Dutt: Keine Ahnung. Ein Pep Guardiola sieht auch nicht unfit aus – und Matthias Sammer auch nicht. Aber das ist alles nicht so wichtig.

Dafür aber die Fitness der Spieler. Sie hatten angekündigt, in dieser Vorbereitung noch ein paar Schippen draufzulegen. Was hat es gebracht?

Dutt: Wir wollen bei jedem Spieler eine Fitnesskurve sehen, die nach oben zeigt. Beim Fußball gibt es immer einen Bereich, wo man noch ein paar Prozente rausholen kann. Wir haben einen gewaltigen Sprung gemacht. Das ist schon wichtig.

Bei einigen Spielern sieht man das ganz deutlich, Eljero Elia und Zlatko Junuzovic haben muskulär richtig zugelegt.

Dutt: Das stimmt. Es war ein Glücksfall für mich, hier unseren Athletiktrainer Reinhard Schnittker kennenlernen und vom alten Trainerteam übernehmen zu dürfen. Fachlich und menschlich ist er top. Wir denken und ticken gleich.

Was bedeutet das?

Dutt: Wenn man einen Athletiktrainer hat, der sehr viel Wert auf Regeneration legt und der Cheftrainer Felix Magath heißt, dann gibt es wahrscheinlich Konflikte im Tagesgeschäft. Wir haben immer ähnlich das Gefühl, wann wir Vollgas geben müssen und wann wir mal Wissenschaft Wissenschaft sein lassen. Aber nicht nur wir funken auf einer Wellenlänge, das gilt für alle Co-Trainer. Das ist eine schöne Clique.

Ist so viel Muskelmasse bei so kleinen, wendigen Spielern wie Elia und Junuzovic überhaupt von Vorteil?

Dutt: Sie haben eine größere Widerstandsfähigkeit, werden nicht so schnell weggeschoben. Aber im Fußball darfst du natürlich keinen Faktor so viel trainieren, dass der andere Faktor benachteiligt wird. Wenn man zu viele Ausdauerläufe macht, geht es zu Lasten der Schnelligkeit. Dazu kommen noch Beweglichkeit, Koordination und Kraft. Das in einem Zirkel zu halten, und dann auch noch Fußballtraining zu machen – das ist eine große Kunst, die wissenschaftlich nicht hinterlegt ist, weil es keine Studien gibt. Da brauchst du Partner bei der Arbeit, mit denen du abends auch mal im Viertel sitzen kannst und die du nicht immer von allem überzeugen musst. Wir sind gut befreundet, die Frauen verstehen sich. Das mag sich jetzt allzu romantisch anhören, ist aber ganz wichtig im Tagesgeschäft.

Zu schön, um wahr zu sein?

Dutt: Ja, Bremen ist für mich zu schön, um wahr zu sein.

csa/kni

Lesen Sie hier Teil 1

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