Ingolstadts Marvin Matip über seine Top-Saison

„Die Verantwortung beflügelt mich“

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Der spielende „Boss“ beim FC Ingolstadt: Marvin Matip ist Kapitän, Abwehrchef und Sprachrohr des starken Bundesliga-Aufsteigers.

Ingolstadt - Es gibt da diese nette Anekdote: Im Januar 2010 stand Marvin Matip im Trainingslager im türkischen Belek am Büfett, als der Präsident des 1. FC Nürnberg ihn überschwänglich begrüßte – im festen Glauben, es handele sich um den gerade vom „Club“ verpflichteten Brasilianer Breno.

Der in Bochum geborene und aufgewachsene Deutsch-Kameruner schaute verdutzt und stellte sich dann höflich vor. „Das höre ich zum ersten Mal, daran kann ich mich gar nicht erinnern“, sagte Matip gestern. Wie dem auch sei. Zu seiner Zeit beim 1. FC Köln (2005 bis 2010) war der 30-Jährige eben noch kein markantes Bundesliga-Gesicht, da bestand Verwechslungsgefahr. Nun nicht mehr. Er ist Kapitän und Leistungsträger beim starken Aufsteiger FC Ingolstadt, Werders Gegner am Samstag (15.30 Uhr). Doch als Star sieht er sich nicht, versichert Matip im Interview.

Herr Matip, zum Einstieg ein kleines Rätsel. In dieser Zeitung gibt es nach jedem Bundesliga-Spieltag eine „Mannschaft des Tages“. Raten Sie mal, wer mit acht Nominierungen unangefochtener Spitzenreiter ist.

Marvin Matip: Hm (lacht). Normalerweise würde ich auf jemanden von Hertha BSC tippen. Aber wenn Sie jetzt mit mir sprechen, könnte da der FC Ingolstadt eine Rolle spielen.

Nicht nur der FC Ingolstadt, sondern auch acht Mal Ihr Name. Überrascht?

Matip: Definitiv, ja.

Auf den weiteren Plätzen folgen Thomas Müller, Robert Lewandowski und Pierre-Emerick Aubameyang mit je fünf Berufungen. Ist es berechtigt, dass Sie ganz vorne sind?

Matip: Ich glaube schon, dass ich eine ganz anständige Saison spiele – und wir es auch als Mannschaft sehr ordentlich machen. Ob sich das in den Nominierungen niederschlagen muss, ist die Frage. Aber ich nehme es natürlich dankend an.

Sind Sie inzwischen ein Bundesliga-Star?

Matip: Nein. Wir haben in der Bundesliga richtige Stars. Müller, Lewandowski, Aubameyang oder Marco Reus. Ich bin ein Fußball-Profi, der einfach sein Bestes gibt.

Und dabei die beste Saison seines Lebens spielt?

Matip: Das kann man so sagen. Ich habe mich unter unserem Trainer Ralph Hasenhüttl kontinuierlich gesteigert. Ich habe auch schon eine gute Zweitliga-Saison gespielt und kann nun Gott sei Dank daran anknüpfen. Ich weiß aber, dass sich der Wind im Fußball schnell drehen kann. Deshalb: nicht ausruhen und nicht zu viele Komplimente zu Herzen nehmen.

Noch mal etwas präziser: Warum sind Sie in diesem Jahr so stark?

Matip: Ich habe aus Fehlern gelernt und mich als Fußballer weiterentwickelt. Und ich habe mir hier in Ingolstadt eine Rolle erarbeitet, in der ich das absolute Vertrauen spüre. Die Verantwortung als Kapitän tut mir gut und beflügelt mich.

Sie haben aber lange gebraucht, um in der Bundesliga richtig Fuß zu fassen. Woran liegt das?

Matip: Schwierig zu sagen. Fußball ist eben ein sehr spezielles Geschäft. Ich war immer ein fleißiger Spieler. Und total selbstkritisch, habe mich mit Fehlern vielleicht zu sehr beschäftigt und mich dadurch runterziehen lassen. Durch die Jahre und die Erfahrung habe ich ein gesundes Mittelmaß gefunden. Ich weiß, dass es im Fußball immer weitergehen muss – egal, ob es gut oder schlecht läuft.

Nicht nur Sie haben sich einen Namen in der Bundesliga gemacht, auch Ihr Verein. Wie stolz sind Sie darauf?

Matip: Sehr stolz, weil es nicht absehbar war, als ich 2010 hierher kam. Damals hat der Verein ums Überleben in der Zweiten Liga gekämpft. Das war von Anfang an das Spannende hier am Job, dass man etwas mit aufbauen kann. Nicht nur Spuren hinterlassen, sondern den jungen Verein auch prägen kann.

Sind Sie ein bisschen verwundert, wie gut es im ersten Erstliga-Jahr läuft?

Matip: Dass wir im vergangenen Jahr schon Zweitliga-Meister geworden und aufgestiegen sind, war nicht zu erwarten. Das war ein großer, schneller Schritt. Aber wir haben dann gemerkt, dass wir durch unsere Spielart sehr unangenehm für die Gegner sein können. Ich hätte nicht mit 26 Punkten zum jetzigen Zeitpunkt gerechnet – doch ich wusste, dass wir in der Bundesliga kein Fallobst sind.

Was ist Ingolstadts Erfolgsgeheimnis?

Matip: In Ralph Hasenhüttl wurde ein Trainer gefunden, der dem Verein ein Gesicht gibt. Und Tiefe. Dadurch hat sich die Wahrnehmung des Clubs verändert, man sieht uns jetzt positiver als am Anfang. Und wir haben 25 Spieler im Kader, die genau wissen, worauf es ankommt. Das Team steht total im Vordergrund, das sieht man in unseren Spielen immer wieder.

Gibt es besondere Teambuilding-Maßnahmen?

Matip: Spezielle Aktionen machen wir nicht. Aber man sieht seine Teamkollegen als Freunde – und für einen Freund geht man weiter als für einen normalen Mitspieler.

Sehen Sie Ingolstadt noch in Abstiegsgefahr?

Matip: Ja. Solange man keine 38 oder 40 Punkte hat, ist man gefährdet. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass Mannschaften, die sich zu sicher waren, unten reingerutscht sind – und dann wird es schwierig, den Schalter umzulegen. Jetzt kommt ein sehr wichtiges Spiel. Wir haben die Riesenchance, Bremen von uns wegzuhalten und mit einem Sieg ein Ausrufezeichen zu setzen.

Werder hat einen neuen Innenverteidiger, der viel gelobt wird. Was halten Sie von Papy Djilobodji?

Matip: Ich habe seine Spiele gesehen. Er verleiht der Bremer Defensive zusätzliche Sicherheit und Qualität. Durch seine Robustheit und seine Offensivstärken bei Standards ist er definitiv ein Faktor im Spiel, den man beachten muss.

Was macht Werder außer Djilobodji noch gefährlich?

Matip: Die Bremer sind sehr fleißig und körperlich robust – und durch ihre Größe gefährlich bei Standards. Man muss versuchen, sie weit weg vom Tor zu halten. Und sie sind erfahren. Clemens Fritz zum Beispiel. Bemerkenswert, wie er zum Ende seiner Karriere auftritt. Werder ist eine sehr gute Mannschaft. Am Anfang der Saison hätte ich nicht gedacht, dass sie wieder unten reinrutschen.

Freuen Sie sich auch auf das Duell mit Claudio Pizarro?

Matip: Klar. Ich bin schon fast zwölf Jahre Profifußballer. Aber als ich noch in der Jugend spielte, war er schon immer prägend und präsent. Er ist eine Art Legende, immer seinen Weg gegangen. Seine Karriere ist einfach nur beeindruckend. Zusammen mit Anthony Ujah bildet er ein sehr gutes Duo.

Wollen Sie auch so lange spielen wie Pizarro, der im Oktober 37 geworden ist?

Matip: Eher nicht. Ich hoffe noch auf drei, vier gute Jahre auf sehr gutem Niveau.

Ihr Vertrag läuft bis 2017. Verlängern Sie in Ingolstadt und beenden dort Ihre Karriere?

Matip: Es gab noch keine Gespräche. Und da haben wir auch noch Zeit. Ich fühle mich in Ingolstadt sehr wohl, bin aber nicht der Typ, der sich mit irgendwelchen Ewigkeitsversprechen belastet.

Sie haben bislang erst ein Länderspiel für Kamerun bestritten. Kommen noch welche dazu?

Matip: Wenn ich so weiterspiele, kann ich mir gut vorstellen, dass ich berufen werde. Ich habe jetzt wieder mehr Kontakt mit dem kamerunischen Verband. Wir haben einen neuen Trainer – und in der Länderspielpause zwei wichtige Spiele gegen Südafrika.

In Interviews drücken Sie sich immer sehr gewählt aus, wirken stets besonnen. Haben Sie das trainiert?

Matip: Medienschulungen hatte ich nur zwei oder drei Mal. Ich glaube, dass ich mich auch im normalen Leben relativ gepflegt ausdrücke. Es fällt mir manchmal auch nicht leicht, meine Emotionen im Griff zu behalten. Aber man ist eben nicht nur eine Privatperson, sondern spricht für den Verein und die Jungs. Und da ist es wichtig, dass man es ordentlich vermitteln kann. Polemik bringt da nichts.

Werden Sie deshalb oft vor Kameras geschickt?

Matip: In der Anfangszeit war es vielleicht so. Mittlerweile bin ich Kapitän und finde, das gehört einfach zu meinem Job dazu.

Abschließend zu Ihrem Bruder Joel, der im Sommer von Schalke nach Liverpool wechselt. Sind Sie ein bisschen neidisch auf ihn?

Matip: Nein, ich bin einfach stolz wie Bolle. Wir sind Geschwister, die dem anderen nie etwas geneidet haben – so soll es sein. Ich weiß, dass sein Weg nicht immer einfach war. Auch zu Hause mit einem Bruder, der schon in der Bundesliga gespielt hat. Er wurde immer sehr kritisch gesehen, hat sich aber zu einem der besten Innenverteidiger der Bundesliga entwickelt. Ich will mich in der nächsten Saison mal in den Flieger setzen und meinen kleinen Bruder in Liverpool an der Anfield Road anfeuern.

Bei Schalke wird ein Platz in der Abwehr frei: Wäre das was für Sie?

Matip: Man muss die Kirche im Dorf lassen. Ich werde meinen Weg weitergehen und glaube nicht, dass der über Schalke führen wird – außer hoffentlich weiterhin bei Auswärtsspielen.

Hand aufs Herz: Wer ist der bessere Matip-Innenverteidiger?

Matip: (lacht) Wenn der Kleinere nach Liverpool wechselt, spricht einiges dafür, dass er dem Größeren den Rang abgelaufen hat. Aber endgültig wird das irgendwann bei unseren Eltern im Garten geklärt. Und das Ergebnis wird nie verraten.

Ihr Bruder träumte von England – wovon träumen Sie noch?

Matip: England ist immer reizvoll. Aber für mich ist jetzt erst mal der Traum von der Bundesliga wieder wahr geworden. Das ist etwas ganz Besonderes, das hatte ich in meinen fünf Jahren in Köln vielleicht vergessen. Ich genieße jede Minute, die ich in diesen großen, geilen Stadien gegen die besten Mannschaften Deutschland und Europas bestreiten kann.

mr

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