Torsten Frings über seinen Job bei der U 19, das Verhältnis zu Werder und die Abenteuer mit Toronto

„Ich will Trainer werden“

Gut gelaunt zurück, denn Torsten Frings hat sich in Toronto „sauwohl“ gefühlt. ·

Bremen - Bei Werder galt in den vergangenen Jahren immer: Wo die 22 drauf steht, ist Torsten Frings drin. Doch seit dieser Saison trägt Sokratis die Rückennummer mit der Schnapszahl. Dafür gibt‘s die fring‘sche „Zweiundzwanzig“ jetzt als exquisites Restaurant an der Bremer Schlachte. 

„Da bin ich schon ein bisschen stolz drauf, unser Angebot kommt wirklich gut an“, sagt Frings. Dessen Vertrag bei Werder war im Sommer nicht verlängert worden, und so entschied sich der 34-Jährige für das Fußball-Abenteuer FC Toronto. Darüber gibt‘s jede Menge zu erzählen, genauso wie über seinen Ferienjob bei Werder. Dem Interviewwunsch kam Frings sofort nach, er hatte nur eine Bitte: Austragungsort sollte sein „Zweiundzwanzig“ sein. Und in gewohnter Umgebung plauderte der Ex-Nationalspieler so viel, dass es morgen noch einen zweiten Teil des Gesprächs geben wird.

Herr Frings, wie fühlt es sich an, Co-Trainer von Werders U 19 zu sein?

Frings:Ich bin kein Co-Trainer. Mich interessiert einfach, wie man eine so junge Mannschaft führt. Da kann ich mir von Mirko Votava einiges abgucken. Das macht richtig Spaß.

Aber Hand aufs Herz: Viel lieber würden Sie sich bei den Profis fithalten, oder?

Frings:Natürlich war das mein erster Gedanke, aber dann hatte Thomas Schaaf die Idee mit der U 19 – und das ist die optimale Lösung.

Training am Freitag

Werder-Training am Freitag

Wieso?

Frings:Ich wollte nicht jeden Tag trainieren. Schließlich habe ich gerade Urlaub und vorher anderthalb Jahre durchgespielt. Aber bei den Profis geht‘s nur ganz oder gar nicht. Ich kann da nicht hin und wieder auftauchen, da bringe ich doch alles durcheinander. Das gilt auch für die U 23, das ist ja auch eine Profi-Mannschaft. Deshalb bin ich froh, dass ich jetzt bei der U 19 bin. Dadurch sitze ich nicht faul auf dem Sofa, bleibe im Rhythmus, weil ich hier und da ein bisschen mitmache, und gleichzeitig lerne ich noch einiges für meine Zukunft als Trainer.

Sie wollen also Bundesliga-Trainer werden.

Frings:Ob es am Ende die Bundesliga wird, weiß ich doch jetzt noch nicht. Aber ich will Trainer werden, und ich will diesen Beruf von kleinauf lernen. Ich weiß, dass es ein ganz harter Weg ist und es nicht von heute auf morgen gehen wird. Dafür muss ich viel lernen.

Bei Werder?

Frings:Ja, ich möchte das bei Werder machen. Ich weiß nur noch nicht genau, wann, weil mein Karriereende nicht feststeht. Darüber müssen wir noch einmal in Ruhe reden, dann unterschreibe ich auch den Anschlussvertrag.

Training am Donnerstag

Werder-Training am Donnerstag

Im Moment sind Sie auf Heimaturlaub, fehlt Ihnen Toronto schon?

Frings:Ja, die Stadt fehlt mir wirklich. Das ist ein ganz anderes Leben, ein entspannteres Leben. Da war alles stressfrei. Ich fühle mich dort sauwohl, bin überglücklich. Die Stadt ist wunderschön. Ich kann nur jedem empfehlen, dort mal Urlaub zu machen. Es macht mir auch sehr viel Spaß, dort Fußball zu spielen, auch wenn die Reisen zu den Spielen manchmal ziemlich kompliziert sind.

Warum – mit Werder sind Sie doch auch viel und weit geflogen?

Frings:Aber nicht so weit – und wir sitzen immer in der Holzklasse, fliegen Linie und nicht Charter wie mit Werder. Das schreibt die Liga MLS so vor, weil die ärmeren Clubs sonst benachteiligt werden.

Das ist doch fair.

Frings:Sicher, angenehm ist es aber nicht. Ein Beispiel: Für ein Ligaspiel am Samstag fliegen wir sechs Stunden nach Los Angeles. Danach geht‘s direkt nach Mexiko zum Champions-League-Spiel am Dienstag. Der Flug dauert vier Stunden, die Heimreise tags darauf sieben Stunden. Nach dem Liga-Spiel am Samstag in Toronto sitzen wir am Montag gleich wieder sieben Stunden im Flieger, um in Panama in der Champions League anzutreten. Wenn du dann zurückkommst, bist du fix und fertig.

Und wie ist Fußball in Panama?

Frings:Natürlich ist das Niveau da nicht so wie bei uns in der Champions League. Aber es gibt auch richtig starke Mannschaften wie zum Beispiel in Mexiko. Die haben auch noch den Vorteil mit der Höhenluft. Wir konnten kaum atmen. Du fliegst da hin, kriegst keine Luft, holst dir ‘ne Klatsche ab und fliegst wieder zurück.

Wieviele Minuten haben Sie durchgehalten?

Frings:Ich konnte mich da kaum warmmachen, so habe ich geröchelt. Das war echt heftig. Aber in Nicaragua war‘s noch wesentlich abgefahrener.

Warum?

Frings:Da mussten wir zweieinhalb Stunden mit dem Bus zum Stadion fahren, weil das einzige vernünftige Hotel so weit weg war. Der Platz ging gar nicht, da würde in Europa niemand draufgehen. Und vor dem Spiel wurde von Soldaten alles abgesucht, damit nicht jemand bewaffnet im Gebüsch liegt. Zum Warmmachen wurden wir von Soldaten mit Maschinenpistolen begleitet. Da hatte ich schon ein mulmiges Gefühl und war froh, dass wir da gesund rausgekommen sind.

Warum tun Sie sich das überhaupt an?

Frings:Das habe ich mich damals auch gefragt. Aber wenn du hinterher im Flieger sitzt, dann lachst du schon wieder darüber.

Und Sie hatten das Abenteuer, das Sie sich nach Ihrer Karriere in Deutschland gewünscht hatten . . .

Frings:Genau! Zu Hause denkst du wirklich: Mensch, war das verrückt.

Machen Sie auch Fotos, um Ihre Abenteuer festzuhalten?

Frings:Durchaus. Aber nicht beim Warmmachen. Und in Nicaragua durften wir das Hotel nicht verlassen, weil es dort zu gefährlich war. Aber in den Staaten kriegen wir schon immer Zeit für uns und dürfen die Städte erkunden.

Was Sie von Werder gar nicht kennen.

Frings:Das stimmt, da durften wir meistens nicht raus. Aber jetzt ist das anders, und es ist natürlich toll, wenn man sich in Washington das Weiße Haus angucken kann.

Wird das bei Werder zu verkrampft gesehen?

Frings:Vielleicht. Aber man darf auch nicht vergessen, dass wir Fußballer in den USA und Kanada praktisch unbekannt sind und uns frei bewegen können. Als Werder-Spieler kannst du ja nicht vor einem Spiel durch München laufen . . .

Werden Sie als Torsten Frings in den USA überhaupt nicht erkannt?

Frings:(lacht) Von deutschen Touristen. Na ja, der eine oder andere Amerikaner kennt mich schon von Weltmeisterschaften, aber viele sind das nicht.

Mexiko, Nicaragua – gab‘s noch so eine abenteuerliche Geschichte?

Frings:Und ob: Wir hatten mittwochabends ein Heimspiel gegen Dallas, lagen in der Halbzeit 0:1 hinten, doch dann gab‘s eine Tornado-Warnung. Wir haben drei Stunden in der Kabine gesessen, dann wurde die Partie abgebrochen. Aber der Kracher kam noch: Die Partie wurde am nächsten Morgen um 10 Uhr komplett wiederholt. Ohne Zuschauer, die waren ja alle arbeiten. Sonst ist unser Stadion mit 22 000 Zuschauer fast immer voll. Aber für Dallas wäre es einfach zu weit gewesen, noch mal wiederzukommen.

Sie haben schon berichtet, dass die Liga versucht, alles gleich zu machen. Zählt dazu auch die Bezahlung der Spieler?

Frings:Ja, das ist auch das große Problem der Liga. Fast alle Spieler sind bei der Liga, also der MLS, angestellt und werden auch von ihr bezahlt. Sie könnten in jeder Liga in Europa mehr verdienen. Jeder Club darf nur drei Spieler beschäftigen, die er selbst und meistens besser bezahlt.

So wie Sie?

Frings:Das stimmt, aber mir geht‘s hier nicht wirklich ums Geld. Das anonyme Leben dort ist mir viel mehr wert. Ich kann einfach so durch die Straßen schlendern. In Bremen geht das nicht, da werde ich sofort angesprochen, um Fotos gebeten. Das ist auch okay, aber nicht immer leicht.

Gibt es im Team keine Probleme, dass drei Spieler ganz viel und die anderen sehr wenig verdienen?

Frings:Nein, das ist total neidfrei dort.

Können Ihre Teamkollegen vom Fußball leben?

Frings:Das sind alles Profis. Sie könnten auch gar nicht arbeiten, weil wir nur unterwegs sind. Aber für einige Spieler ist es echt schwer, über die Runden zu kommen. Die verdienen 50 000, 60 000 Dollar im Jahr – vor Steuern. In Europa verdienst du in jeder Liga das Fünffache. Deswegen geht da auch kaum jemand aus Europa hin. Und das ist noch nicht alles. Die MLS-Spieler haben kein Mitspracherecht, können von heute auf morgen zu einem anderen Club getauscht werden. Das ist irre. In meiner Anfangszeit kamen und gingen bei uns 13, 14 Spieler.

Also sollte man sich als Fan nur ein Trikot der drei teuren Spieler kaufen?

Frings:Das bringt auch nichts, die können genauso getauscht werden, wenn ein anderer Verein ihr Gehalt übernimmt.

Dann spielen Sie nächstes Jahr vielleicht gar nicht mehr für Toronto, sondern für New England?

Frings:Nein, dafür habe ich eine Klausel in meinem Vertrag. Auf so etwas hatte ich wirklich keine Lust.

Klingt alles so, als wäre die MLS nicht gerade spielerfreundlich?

Frings:So würde ich das nicht sagen. Es gibt ja auch nette Geschichten: So bekommt jeder Spieler vor einer Auslandsreise 70 Dollar Verpflegungsgeld, um sich am Flughafen was zu essen zu kaufen. Für einige Spieler ist das nicht unwichtig.

Nette Geste . . . Aber warum gibt es im nordamerikanischen Fußball so wenig Geld?

Frings:Weil die anderen Sportarten wie Basketball, Football, Baseball und speziell in Kanada Eishockey viel zu populär sind. Da fließt das Geld hin.

Morgen lesen Sie, warum Torsten Frings in Kanada ganz brav Auto fährt und er nicht mehr in Aachen spielen wird. · kni

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