Transfer-Politik, Özil-Verkauf, Neuzugänge – Sportchef Allofs gibt sich selbstkritisch / Bekenntnis zu Schaaf

„Ich sehe nicht immer alles richtig“

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„In der Trainerfrage gibt es keinen Plan B“, sagt Werder-Sportdirektor Klaus Allofs.

Werder-Bremen - Von Arne Flügge und Malte Rehnert · Werder Bremen steckt in der Krise – die schlechteste Hinrunde seit 1995 hat tiefe Spuren hinterlassen. Kritik wird laut an Mannschaft, Trainer und Sportchef. Klaus Allofs (54) stellt sich dem, und der Werder-Sportdirektor ist dabei sehr selbstkritisch.

Transfer-Politik, Özil-Verkauf, Neuzugänge – Allofs räumt im ersten Teil des Interviews mit dieser Zeitung ein: „Auch ich sehe nicht immer alles richtig. Auch ich kann mich irren.“ In der Trainerdiskussion gibt es für ihn aber keine zwei Meinungen – und das aus tiefster Überzeugung.

Klaus Allofs im Interview

Klaus Allofs im Interview

Haben Sie die schwerste Halbserie Ihrer Amtszeit in Bremen hinter sich?

Wir hatten schon immer mal schwierige Phasen zu überstehen. Entscheidend ist aber das Jetzt: Da hinken wir mit der sportlichen Entwicklung hinterher. Und das ist ärgerlich.

Sie wirken dennoch sehr sachlich – sind Sie gar nicht wütend?

Natürlich bin ich enttäuscht. Man muss aber in der Analyse versuchen, es nüchtern zu betrachten. Als wir Erfolg hatten, habe ich es auch relativ nüchtern gesehen. Ich weiß, dass Schwankungen dazugehören. Die Gefahr einer Krise besteht immer, wenn einige Dinge nicht so funktionieren. Diese vielen Verletzten, das ist eine außergewöhnliche Situation. Oder der Abgang von Özil. Manchmal kann es ein halbes Jahr oder sogar ein Jahr dauern, bis man so etwas kompensiert hat.

Özils Abschied wiegt also doch schwerer als gedacht?

In Mesut haben wir wieder einen spielbestimmenden Spieler abgeben müssen. Und das hat natürlich Auswirkungen. Wenn er gut gespielt hat, hat er außergewöhnliche Dinge gemacht. Aaron Hunt, Marko Marin oder andere waren bisher nicht in der Lage, das aufzufangen – die gesamte Mannschaft war es nicht. In der Vergangenheit hat es auch nicht immer reibungslos geklappt. Aber da haben viele andere Probleme nebenher nicht bestanden.

Hätten Sie auf der Spielmacherposition reagieren müssen?

Nein. Einige haben gefragt: Warum holt ihr Diego nicht zurück? Weil es nicht ging, ganz einfach. Es ging weder von der Ablösesumme noch vom Gehalt her. Selbst wenn es gegangen wäre, bin ich nicht überzeugt, dass Diego jetzt der richtige Mann für uns wäre. Was vor drei Jahren gut war, muss heute nicht wieder gut sein. Wir haben es der Mannschaft zugetraut, es aus sich heraus zu lösen, über Aaron Hunt zum Beispiel. Die Vorzeichen vor der Saison waren sehr gut, er hat eine tolle Vorbereitung gespielt. Wenn einige Dinge dann besser gepasst hätten, hätte er eine schnellere Entwicklung genommen. Im Moment zeigt er noch nicht das, was wir von ihm erwarten. Er hat das Potenzial – aber ob daraus auch eine entsprechende Leistung wird, wird das nächste halbe oder ganze Jahr zeigen.

Ist diese Geduld nicht sehr gefährlich?

Es geht nicht anders. Natürlich ist das manchmal schwierig, manchmal platzt einem der Kragen und man kann nur mit dem Kopf schütteln. Aber wir können nicht mal eben wie in der Nationalmannschaft elf Spieler austauschen und sagen, wir nehmen jetzt andere. Zum Beispiel Marko Arnautovic: Wir müssen da einfach Geduld haben. So ein Spieler kann nicht bei Inter Mailand wachsen, sondern nur bei Werder Bremen oder eine Stufe tiefer. Da, wo man sich sehr viel Mühe gibt. Junge Spieler sind Schwankungen unterworfen. Das muss man ihnen zugestehen – nicht aber unprofessionelles Verhalten. Da müssen unsere Spieler schnell lernen.

Was genau meinen Sie?

Ich meine nicht die Fehler auf dem Platz, sondern im Verhalten. Wie ich mich gebe, wie ich Dinge angehe, wie ich mich in eine Gruppe einbringe. Dinge, die den Erfolg gefährden, dürfen nicht toleriert werden. Nicht von der Führung, nicht von den Mitspielern. Da haben wir auch noch zu wenig Steuerung aus der Mannschaft heraus.

Trainer Thomas Schaaf und Sie begegneten der Krise unter anderem mit vielen Teamsitzungen und längeren Trainingstagen. Gebracht hat’s bislang wenig. Welche Mitschuld tragen Sie?

Es ist doch immer so: Egal, welche Gründe zu der Situation geführt haben, am Ende sind der Trainer und ich dafür verantwortlich.

Genau wie für die Transfers, die in dieser Saison besonders kritisch beäugt werden. Wie gehen Sie damit um – und inwieweit hinterfragen Sie sich da selbst?

Ich versuche, das ganz nüchtern zu betrachten. Nehmen sie zum Beispiel Claudio Pizarro, Julio Cesar, Valerien Ismael, Johan Micoud, Diego oder Özil: Meinen Sie, nach den Transfers habe ich zufrieden zu Hause gesessen und gedacht, ich bin der Größte, habe alles richtig gemacht? Das Aussuchen ist eine Sache. Aber was mindestens genauso großen Einfluss hat, ist, dass die Spieler hier immer verbessert wurden und sich weiter entwickeln konnten. Dazu gehören aber die Umstände – und die stimmen im Moment leider nicht so.

Sind Sie dennoch zufrieden mit Ihren Neuen?

Ich bin davon überzeugt, dass Wesley ein toller Spieler ist. Dass das jetzt untergeht und wir über andere Dinge reden, ist klar. Ich bin auch davon überzeugt, dass Arnautovic ein guter Spieler ist. Über Mikael Silvestre kann man sich streiten, das gebe ich zu. Aber die Entscheidungen, ob jemand kommt oder nicht, müssen getroffen werden.

In den letzten Jahren hatten Sie dabei nicht immer ein glückliches Händchen . . .

Natürlich liegt in jeder Entscheidung die Gefahr, dass sie falsch ist. In der Vergangenheit hatten wir auch Spieler, die nicht funktioniert haben. Wenn man das falsch beurteilt hat, muss man damit leben. Ich bin nicht der Meinung, dass ich immer alles richtig sehe. Ich kann mich auch irren.

Beim Trainer haben Sie dies stets ausgeschlossen. Trotz der Talfahrt und lauter werdender Kritik: Thomas Schaaf steht weiterhin nicht zur Diskussion?

Ein klares Nein. Über Thomas Schaaf wurde schon gesagt: Der erreicht die Mannschaft nicht mehr oder der ist schon zu lange da. Wir sind da aber ruhig und gelassen. Wir sagen nicht: Wir haben schon lange keinen Trainer entlassen – jetzt müssen wir das tun. Sondern: Wir bewerten die Situation und treffen dann eine Entscheidung. Und das ist eine Entscheidung aus Überzeugung.

Sind Sie überzeugt, dass Thomas Schaaf und Sie noch die Richtigen für Werder sind?

Bei meiner Person ist das nicht meine Entscheidung, sondern die des Aufsichtsrats. Bei Thomas Schaaf ist es meine 100-prozentige Überzeugung, dass er der richtige Trainer für uns ist. Das ist auch das, was ich meinen Geschäftsführer-Kollegen berichte und wovon auch sie überzeugt sind.

Nach dem 1:2 gegen Kaiserslautern wirkte Schaaf zuletzt jedoch ziemlich leer. Wie haben Sie ihn erlebt?

Wir waren alle unheimlich enttäuscht. Nach dem Spiel haben wir noch zusammengesessen, um einige Dinge zu besprechen. Und da wirkte der Trainer überhaupt nicht mehr leer. Im Gegenteil: Er war sehr engagiert.

Das Feuer in ihm brennt noch?

Absolut. Wir haben in den letzten Wochen viele Vier-Augen-Gespräche geführt – und da hat man das immer wieder gespürt. Das ist auch der Grund, warum ich diese 100-prozentige Überzeugung habe.

Rückendeckung gibt’s auch von Seiten des Aufsichtsrats. Aber was passiert, wenn sich die Situation weiter verschlechtert und das Gremium Sie auffordert, den Trainer zu entlassen? Gehen Sie dann mit?

Allein der Gedanke daran, bedeutet, dass man den Trainer in Frage stellt. Und das tun wir nicht. Was Thomas Schaaf angeht: Da gibt es bei uns keinen Plan B, kein Was-wäre-wenn, keine Automatismen.

Lesen Sie hier Teil 2 des Interviews - Klick

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