„Ich bin ein positiver Antreiber“

+
Sebastian Mielitz

Bremen - Sebastian Mielitz wird mal wieder gebraucht: Weil Stammkeeper Tim Wiese gesperrt ist, steht derzeit der 22-jährige Ersatzmann zwischen den Pfosten des SV Werder Bremen. Nur zu gerne würde Mielitz (seit 2005 bei Werder) dort bleiben. Aber „Miele“ ist Realist – und ein etwas anderer Profi, wie sich im Interview herausstellt.

Herr Mielitz, Sie wirken immer so ruhig und brav. Können Sie auch böse sein?

Sebastian Mielitz:(schmunzelt) Bei Interviews eigentlich nicht, auf dem Platz lebe ich mich schon aus.

Das wirkt aber dennoch wesentlich verhaltener als bei vielen anderen Torhütern.

Mielitz:Ein Vulkan bin ich sicher nicht. Ich versuche, sachlich zu bleiben, die Spieler positiv zu motivieren und sie nicht durch Wutausbrüche zu demotivieren. Ich bin da eher der positive Antreiber.

Sind Sie vielleicht auch etwas zurückhaltender, weil Sie nicht die Nummer eins, sondern nur der Ersatz von Tim Wiese sind?

Mielitz:Nein, das spielt keine Rolle. Ich kann die anderen genauso dirigieren, wie Tim das auch macht. Jeder ist nun mal in seiner Art anders, und ich mache das eben so, wie ich das für richtig halte.

Sie haben mal vor einigen Jahren gesagt, dass Sie gerne eine Mischung aus Oliver Kahn – mit seiner Präsenz auf dem Platz sowie seinem Siegeswillen – und Jens Lehmann – mit seiner spielerischen Klasse – wären. Hat es funktioniert?

Mielitz:Das war damals so eine Idee von mir. Aber ich habe festgestellt, dass ich meinen eigenen Stil entwickeln muss. Ich möchte niemanden kopieren.

Es gibt mittlerweile sehr viele junge Torhüter, die in Ihrem Alter oder noch jünger schon die Nummer eins sind: Ron-Robert Zieler in Hannover, Marc-André ter Stegen in Gladbach, Bernd Leno in Leverkusen, Kevin Trapp in Kaiserslautern und Oliver Baumann in Freiburg. Ärgern Sie sich manchmal, bei Werder in Tim Wiese einen Nationaltorwart vor der Nase zu haben?

Mielitz:Das könnte man durchaus so sehen, andere haben da mehr Glück gehabt, den ganz großen Sprung schon geschafft. Ich bin trotzdem froh, dass ich bei Werder bin. Das ist eine Top-Adresse. Die Ausbildung hier gehört zu den besten in Deutschland, und davon profitiere ich.

Wie kommt es, dass so viele junge Torhüter in der Bundesliga spielen?

Mielitz:Die Ausbildung ist einfach immer besser geworden. Das Torwartspiel hat sich weiterentwickelt – und damit sind die jungen Torhüter von kleinauf konfrontiert worden. Das zahlt sich jetzt aus. Die nächsten vier, fünf Jahre werden sehr interessant. Es rücken so viele junge Torhüter nach, das wird ein Hauen und Stechen geben.

Können junge Keeper so viel besser mitspielen als die Alten?

Mielitz:Das wird gerne behauptet, aber so extrem ist das gar nicht.

Also ist der Unterschied im Torwartspiel zwischen Ihnen und dem 29-jährigen Tim Wiese gar nicht so groß?

Mielitz:Tim ist ein ganz anderer Typ als ich. Aber ich möchte mich gar nicht mit ihm vergleichen. Er macht sein Spiel, ich meines, und das ist mir bislang – denke ich – ganz gut gelungen.

Sieht Tim Wiese Sie als ernsthaften Konkurrenten oder nur als Auszubildenden?

Mielitz:Das weiß ich nicht. Ich muss ständig versuchen, Tim im Rücken zu sitzen. Aber deshalb habe ich kein Problem mit ihm, wir verstehen uns gut. Er ist Nationaltorhüter und deshalb bei uns die Nummer eins.

Was schauen Sie sich von ihm ab?

Mielitz:Es bringt mir nichts, wenn ich nur auf Tim gucke. Ich muss meinen Weg gehen.

Schließlich wollen Sie irgendwann die Nummer eins sein – und das sicher hier.

Mielitz:Natürlich, jeder will die Nummer eins sein. Und Werder war und ist immer meine erste Adresse.

Haben Sie ein Zeitfenster?

Mielitz:Nein. Ich weiß nur, dass es manchmal ganz schnell gehen kann – allerdings gilt das für beide Richtungen: nach oben und nach unten.

Klingt sehr nachdenklich.

Mielitz:Na ja, theoretisch könnte es schon morgen mit der Karriere vorbei sein. Man kann nie so dumm denken, wie es kommt. Aber ich bin eher ein Mensch, der positiv denkt, und deshalb eher gelassen.

Haben Sie trotzdem vorgesorgt?

Mielitz:Ich habe mein Abitur gemacht, das ist ja schon mal ‘was. Vielleicht fange ich nebenbei noch ein Studium an. Im Moment steht der Fußball noch zu sehr im Fokus, aber irgendwann muss ich da mal was machen.

Was schwebt Ihnen vor?

Mielitz:Es müsste auf jeden Fall etwas mit Sport sein.

Ist es wichtig, sich vom Job des Fußball-Profis abzulenken?

Mielitz:Es muss ja nicht gleich ein Studium sein. Man kann auch andere Sachen machen . . .

. . . Playstation spielen, twittern oder die eigene Facebook-Seite pflegen . . .

Mielitz:So etwas mache ich nicht. Ich treffe mich lieber mit einem Kumpel oder rufe ihn an, anstatt mit ihm über die sozialen Netzwerke zu kommunizieren. Das ist persönlicher. So eine Freundschaft ist einfach mehr wert.

Gehen Sie deshalb auch jeden Morgen in den Kiosk um die Ecke, um einen Kaffee zu trinken und Menschen zu treffen?

Mielitz:Nicht jeden Morgen. Aber es ist einfach schön, mit anderen Leuten zu sprechen – vor allem auch mal über andere Dinge als Fußball. Und zwischenmenschlich passt es dort sehr gut.

Werden Sie da etwa nicht auf Werder angesprochen?

Mielitz:Doch, natürlich. Es ist klar, dass der Fußball jetzt immer mein Begleiter sein wird. Dem muss ich mich auch stellen und immer nett und freundlich bleiben.

Sie stammen aus Neulöwenberg, einem kleinen Dorf in Brandenburg. Sind Sie dort ein Star?

Mielitz:Das weiß ich nicht, so oft bin ich ja nicht mehr da. Und wenn ich da bin, hmm, also so viel ist auf den Straßen auch gar nicht los, dass ich mich da verstecken müsste.

Verstecken – Sie wollen also gar kein Star sein?

Mielitz:Ich muss kein Star sein, das brauche ich nicht. Ich bin ganz normal, ich bin Sebastian Mielitz, und der werde ich auch bleiben.

Woher kommt diese Bescheidenheit?

Mielitz:Von meinen Eltern, sie haben mich so erzogen. Ich war aber ohnehin nie der Typ, der abhebt.

Was bedeutet Ihnen die Heimat?

Mielitz:Ich denke, jeder ist stolz darauf, wo er herkommt. Zuhause wird immer Zuhause bleiben, auch wenn man wie ich schon sehr lange weg ist. Ich bin ja schon mit 13 Jahren ins Internat der Sportschule in Cottbus gegangen.

Dadurch sind Sie sicher sehr eigenständig geworden. Besitzen Sie eigentlich eine Waschmaschine?

Mielitz:Natürlich, wie soll sonst meine Wäsche sauber werden?

Mit dem Spitznamen „Miele“ bleibt eigentlich nur eine Marke, oder?

Mielitz:Miele ist mir zu teuer.

Wirklich? Verdient man als junger Profi bei Werder so schlecht?

Mielitz:(lacht) Das war doch nur ein Spaß. Natürlich ist die finanzielle Situation nun wesentlich angenehmer als früher. Ich weiß das zu schätzen, gehe damit ganz normal um, denn es gibt ja auch ein Leben nach der Karriere. Mit 38, 39 ist Schluss, der Geldfluss ist also endlich – daran muss man denken. Außerdem vergessen viele, dass nicht jeder Fußball-Profi automatisch die Millionen scheffelt.

Unterschätzt die Öffentlichkeit auch den Druck?

Mielitz:Ich denke schon. Das Fußball-Geschäft ist nicht immer einfach. Da muss man viele Dinge ausblenden können und auch mal auf Durchzug schalten, weil so viele Dinge auf einen einprasseln. Als Torwart hat fast jeder Fehler große Folgen. Aber damit komme ich klar, ansonsten könnte ich das auch nicht machen. Ich freue mich wirklich auf jedes Spiel.

Also auch auf den nächsten Freitag, wenn Tim Wiese zum letzten Mal gesperrt ist, und Sie ihn ausgerechnet gegen Meister Dortmund vertreten dürfen.

Mielitz:Das ist eine große Sache für mich. Der Meister ist schließlich das Nonplusultra. Dann ist es auch noch ein Freitagabendspiel unter Flutlicht im ausverkauften Weserstadion. Da muss nur noch ein Sieg her, dann wäre es wirklich perfekt. · kni

Das könnte Sie auch interessieren

Selena Gomez zeigt sich bei ungewohnt ernsten American Music Awards blond

Selena Gomez zeigt sich bei ungewohnt ernsten American Music Awards blond

Wie werde ich Notfallsanitäter/in?

Wie werde ich Notfallsanitäter/in?

Hartes Ringen bei Jamaika-Sondierungen

Hartes Ringen bei Jamaika-Sondierungen

Mugabe räumt Probleme ein - Aber kein Rücktritt

Mugabe räumt Probleme ein - Aber kein Rücktritt

Meistgelesene Artikel

Sensation geschafft! Augustinsson fährt zur WM

Sensation geschafft! Augustinsson fährt zur WM

Augustinsson wünscht sich Ibrahimovic-Comeback

Augustinsson wünscht sich Ibrahimovic-Comeback

Eine Auszeichnung, die den Erfolg nicht garantiert

Eine Auszeichnung, die den Erfolg nicht garantiert

96-Keeper Tschauner droht gegen Werder auszufallen 

96-Keeper Tschauner droht gegen Werder auszufallen 

Kommentare