Nils Petersen – Werders neuer Stürmer ist ein Fußball-Besessener, der Bremen mehr mag als München

„Ich passe perfekt in dieses Team“

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Nils Petersen (li.) im Gespräch mit Sport-Redakteur Carsten Sander. ·

Bremen - von Carsten Sander. Zwischen Weserstadion und dem Lokal der Wahl liegen knapp 300 Meter. Ein kleiner Spaziergang an der Weser mit Nils Petersen (23), anschließend der Interview-Termin.

Der von Bayern München ausgeliehene Stürmer plaudert locker – darüber, dass seine Oma gerade zu Besuch ist, dass er ihr die Stadt zeigen muss („Sie fotografiert gerne“) und es ihm in Bremen eigentlich besser gefällt als in München: „Alles nicht so groß hier, ich mag mehr die kleinen Städte.“ Seine Karriere als Fußball-Profi hat ihn über die Stationen Jena und Cottbus nach München und weiter an die Weser geführt. In Bremen bleibt er wohl nur ein Jahr – es sei denn, es kommt alles anders als per Leihvertrag festgelegt. Bei einem Bitter Lemon spricht er über die Zeit vor den Bayern, über die Zeit in Bremen und das, was danach kommt. Die Speisekarte lässt er übrigens links liegen. Oma kocht für ihn. „Das macht sie perfekt“, lacht Nils Petersen.

 

Sie mögen den Großstadtrummel nicht, machen Sightseeing mit Ihrer Oma – das passt zu dem Bild, das man bisher von Ihnen gewinnen konnte.

Nils Petersen:Was meinen Sie?

Sie entsprechen nicht dem gängigen Klischee eines Jung-Profis, der – speziell, wenn er schon bei den Bayern gespielt hat – die Nase hochhält und sich mit teurem Schmuck behängt.

Petersen:Meine Eltern haben mich so erzogen und mich auf meinem Weg so begleitet, dass ich nie abheben kann. Ich habe ein gutes Umfeld und achte selbst darauf, dass ich mich durch ein großes Gehalt, einen Vertrag bei Bayern München oder Werder Bremen nicht beeinflussen lasse. Für mich spielt das keine Rolle. Der Mensch bleibt doch immer Mensch.

Ihr Vater Andreas war in der ehemaligen DDR selbst Oberliga-Spieler, aktuell trainiert er den 1. FC Magdeburg, Spitzenreiter der Regionalliga Nordost. Ist er Ihr großer Mentor im Leben?

Petersen:Er war auf jeden Fall der, der mich immer auf den Boden zurückgeholt hat. Er war auch nie zufrieden mit mir. Es gibt ja viele junge Spieler, die nach zwei Toren in der A-Jugend denken, sie seien schon fürs Leben abgesichert. Das ist halt das Gefährliche. Mein Vater hat mich immer zurückgepfiffen, hat gesagt: Bleib ruhig, du musst dich erstmal dauerhaft beweisen! Er wusste immer, wann ich angetrieben, gebremst oder aufgebaut werden musste. Wir telefonieren immer noch täglich miteinander. Aber mittlerweile bin ich selbstreflektiert genug, um zu wissen, wann ich Grütze gemacht habe und wann ein gutes Spiel.

Dann reflektieren Sie doch mal Ihre Leistung beim 2:0 über den Hamburger SV am Samstag!

Petersen:Es war okay, und mit dem Tor zum 2:0 ist schon ein bisschen Druck von mir abgefallen. Nachdem ich in den ersten beiden Spielen Chancen ausgelassen hatte, war ich innerlich geknickt, das gebe ich zu. Aber gegen den HSV habe ich gezeigt: Okay, ich bin da, ich kann Tore machen.

Das haben Sie bei Energie Cottbus hinreichend bewiesen, als Sie mit 25 Treffern Torschützenkönig der Zweiten Liga wurden. Dann der Wechsel nach München und das Ende der Torflut. Neun Einsätze, zwei Tore. Wie sind Sie damit umgegangen?

Petersen:Ich war Realist und wusste, dass es Zeit brauchen würde, sich in einer Mannschaft wie die der Bayern zu etablieren. Aber ich wollte es dennoch auf Anhieb schaffen, habe mir selbst viel Druck gemacht. Irgendwann kitzelt es dann in den Füßen und es wird egal, wie viel Geld du bekommst oder wie viele Autogramme du schreibst. Du willst dann einfach nur noch spielen.

Eben noch Zweitliga-Spieler, plötzlich Teil des Münchner Starensembles – das ist ein gewaltiger Sprung. Zu gewaltig?

Petersen:Man sagt ja immer, man darf nicht genauso gut trainieren wie der Konkurrent, sondern muss besser sein. In jeder Trainingseinheit ans absolute Limit gehen zu müssen, um zu zeigen, dass du einer von denen bist, das war schon eine ziemliche Belastung.

Das ist vorstellbar, wenn der Konkurrent Mario Gomez heißt. In Bremen sind Sie beinahe gesetzt, erst durch die Verpflichtung von Joseph Akpala ist eine echte Konkurrenzsituation im Sturmzentrum entstanden. Ist das Leben jetzt leichter für Sie als in München?

Petersen:Nein. Eigentlich sind die Erwartungen an mich in Bremen doch höher als in München. Dort hat niemand von mir erwartet, dass ich sofort treffe. In Bremen schon. Und das ist auch gut so, denn das ist es, was man sich als Fußballer wünscht: Trainer, Mannschaft und Fans verlangen etwas. Und ich glaube, dass ich am Samstag eine gute Antwort gegeben habe.

Sie sind Hoffnungsträger, der Nachfolger von Werder-Legende Claudio Pizarro – aber sie sind auch noch etwas anderes: ziemlich unerfahren. Die Partie gegen den HSV war erst ihr zwölfter Bundesliga-Einsatz und der erste über volle 90 Minuten. Fühlen Sie sich überhaupt schon als echter Erstliga-Akteur?

Petersen:Nein, in der Bundesliga fange ich erst an. Deshalb bin ich ja auch nach Bremen gekommen. Ich will mich in der Bundesliga etablieren. Und ich freue mich, dass ich hier die Chance bekomme, mich weiterzuentwickeln.

Sie sind für ein Jahr ausgeliehen – ist es bei einem zeitlich so überschaubaren Engagement überhaupt möglich, so etwas wie Herzblut für den Club zu entwickeln?

Petersen:Natürlich geht das. Ich fühle mich unheimlich wohl bei Werder und in dieser jungen, hungrigen Mannschaft. Ich bin auch jung und hungrig und froh, dass ich ein Team gefunden habe, in das ich perfekt hineinpasse. Ich weiß jetzt schon, dass es mir nicht leicht fallen würde, nach der Saison wieder nach München zurückzugehen.

Sie nutzen den Konjunktiv – wollen Sie gar nicht mehr nach München zurück?

Petersen:Das habe ich nicht gesagt. Beim FC Bayern hatte ich ein Superjahr, das mir viel gegeben hat. Jetzt freue ich mich auf ein Superjahr in Bremen. Was danach kommt? Keine Ahnung.

Eigentlich ist die Sache doch ganz einfach: Spielen Sie eine überragende Saison bei Werder, nehmen die Münchner Sie mit Kusshand zurück. Spielen Sie durchschnittlich oder schlecht wird nichts draus.

Petersen:Logisch, wenn ich keine Tore schieße, habe ich bei Bayern München nichts zu suchen. Aber ich habe mich im vergangenen Jahr nicht so doof angestellt. Die Bayern haben meinen Vertrag vor der Ausleihe ja sogar noch verlängert (von 2014 bis 2015, d. Red.). Am Ende dieser Saison werden sie sagen: Es reicht für uns, es reicht noch nicht oder es wird nie reichen. Das muss man abwarten.

Mein Ziel ist es jedenfalls, ein gutes Jahr in Bremen zu spielen und Werder mit vielen Toren zu helfen. Ob dann noch ein zweites oder drittes Jahr folgt – wer weiß?

Es ist ja auch so: Der FC Bayern wird, denke ich, nach der Saison einen neuen Trainer bekommen. Einen neuen Sport-Manager (Matthias Sammer, d. Red.) haben sie schon. Da sind dann viele Leute, die ich nicht kenne, die mich nicht kennen.

Jemand, der Sie sehr gut kennt, ist Pele Wollitz, Ihr ehemaliger Trainer in Cottbus. Und er hat mal über Sie gesagt, Sie seien ein Fußball-Besessener, schlimmer noch als er selbst. Stimmt das?

Petersen:Ich bin schon jemand, der sich rund um die Uhr mit Fußball beschäftigt. Das ist so etwas wie mein Hobby.

Wollitz hat behauptet, Sie würden von der Bezirksliga bis zur ersten russischen Liga alles verfolgen.

Petersen:Naja, fast. Ich lese viele Zeitungen, bin ständig im Internet unterwegs und gucke, was ehemalige Mitspieler am Wochenende so gemacht haben. Ich schaue mir sämtliche Statistiken an, und bei den täglichen Telefonaten mit meinem Vater geht es auch immer um Gott und die Fußball-Welt.

Sind Sie mit einem Test einverstanden?

Petersen:Klar, nur zu!

Regionalliga Nord, vergangenes Wochenende: Wie hat der BSV Rehden beim VfB Lübeck gespielt?

Petersen (wie aus der Pistole geschossen):3:1 gewonnen, zwei Tore von Francis Banecki.

Respekt, aber knapp daneben. Der Banecki-Doppelpack ist richtig, das Ergebnis nicht. Es war ein 4:1. Nun die russische Liga: FC Kuban Krasnodar gegen ZSKA Moskau – das Ergebnis?

Petersen:Weiß ich nicht. Ich tippe mal 1:0 für Moskau.

Nochmal Respekt, ein Volltreffer. Kann sich ein Fußball-Verrückter wie Sie noch ein Leben ohne Ball vorstellen?

Petersen:Manchmal ist es schon ganz gut, auch mit Nicht-Fußballern über andere Themen zu sprechen. Aber für die Zeit nach der Karriere könnte ich mir gut vorstellen, Trainer zu werden. Das würde ich gerne machen.

Also ganz der Papa, der war auch erst Stürmer, ist jetzt Trainer.

Petersen:Ja, aber er musste schon mit 23 Jahren wegen einer Knieverletzung die aktive Laufbahn beenden. Ich bin jetzt auch 23 und will ganz schnell 24 werden, um zu zeigen, dass ich nicht dasselbe Knie habe wie er. · csa

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