Aaron Hunt

„Ich bin auf niemanden neidisch“

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Aaron Hunt nimmt sich viel Zeit für das Interview mit Sportredakteur Björn Knips.

Bremen - Aaron Hunt steht in der Ostkurve und schaut auf den Rasen des Weserstadions: Einmal noch wird er dort im Werder-Dress auflaufen – am Samstag um 15.30 Uhr gegen Hertha BSC.

Und so langsam wird dem 27-Jährigen immer bewusster, welch’ weitreichende Entscheidung er da vor ein paar Wochen getroffen hat. Nach 13 Jahren und dann wohl 215 Bundesliga-Spielen wird er Werder nach dieser Saison verlassen. Wie er darüber denkt, was er seinem Club und den pfeifenden Fans rät – und warum er auf Mesut Özil nicht neidisch ist, das verrät Aaron Hunt im Abschiedsinterview in der Ostkurve.

Herr Hunt, können Sie sich noch an Ihr erstes Werder-Tor bei den Profis erinnern?

Aaron Hunt: Natürlich. Kopfballverlängerung von Johan Micoud – und ich habe den Ball dann am zweiten Pfosten einfach reingeschoben.

Es war übrigens der 12. Februar 2005 – und Sie waren mit 18 Jahren und 161 Tagen Werders jüngster Bundesliga-Torschütze. War das auch eine Bürde für Sie?

Hunt:Nein, überhaupt nicht. Okay, ich war einer von damals sehr wenigen jungen Spielern. Nicht so wie in dieser Saison, da sind es schon ein paar mehr. Aber wir hatten damals so viele gute Spieler, da stand ich nach dem Tor gar nicht so in der Verantwortung.

Werder hatte gerade das Double gewonnen – und dann kamen Sie als blutjunger Spieler in die Mannschaft. Wie konnten Sie sich da durchsetzen?

Hunt:Ich habe relativ schnell von Thomas Schaaf die Chance bekommen, bei den Profis mitzutrainieren. Und dann hat er mich auch spielen lassen. Das war natürlich nicht einfach für mich, da war schon eine andere Qualität da, als wir sie jetzt haben.

Welche Rolle hat Thomas Schaaf für Sie bei Werder gespielt?

Hunt:Eine sehr große. Er war von Beginn an ein Förderer von mir. Er hat mich nie hängenlassen nach den ganzen Verletzungen. Er hat mich sehr geprägt. Und es war sicher nicht ganz einfach für ihn mit mir – gerade am Anfang. Ich hatte viel mit Formschwankungen zu kämpfen.

Wie fanden es die Kollegen, dass Sie des Trainers Liebling waren?

Hunt:Von Liebling kann man da nicht sprechen. Er hat mich doch nicht in jedem Training zur Seite genommen und mit mir gesprochen. Das Verhältnis war wie zu jedem anderen Spieler auch, er hat alle fair behandelt.

Haben Sie noch Kontakt zu Thomas Schaaf?

Hunt:Ab und zu per SMS. Heute werde ich ihn mal anrufen, er hat ja Geburtstag.

Haben Sie ihn bei Ihrer Zukunftsplanung um Rat gefragt?

Hunt:Nein, darüber haben wir nicht gesprochen.

Zurück zu den ersten Jahren Ihrer Karriere: In denen haben Sie auch außerhalb des Platzes für Schlagzeilen gesorgt – mit Rangeleien in der Disco und einer Trunkenheitsfahrt. Was denkt der heutige Aaron Hunt über den jungen Aaron Hunt?

Hunt:Es sind Sachen passiert, die nicht passieren sollten. Aber es ist nichts dabei, was ich jetzt großartig bereue. Ich war wirklich sehr jung und habe Fehler gemacht. Wie andere auch. Aber ich stand natürlich mehr im Fokus. Die Sachen haben mich auch geprägt – und ich habe schnell gelernt, dass man etwas mehr aufpassen muss.

Gehen Sie gar nicht mehr weg?

Hunt (lacht):Doch, doch, aber nicht mehr so oft. Es hat sich auch die Mentalität der Spieler verändert. Früher wurde häufiger weggegangen, mittlerweile ist es alles ruhiger geworden.

Die Fans sind auch ruhiger geworden – zumindest, was Ihre Person betrifft. Wie sehr hat es Sie damals getroffen, im Weserstadion von den eigenen Fans ausgepfiffen zu werden?

Hunt:Das war nicht schön. Ich kann es nicht verstehen, dass ein junger Spieler ausgepfiffen wird, der auch noch aus der eigenen Jugend kommt. Man kann es eben nicht jedem Recht machen – gerade nicht hier in Bremen.

Heißt es nicht gerade, Werder hätte die besten Fans der Liga?

Hunt:Viele Fans sind wirklich sehr, sehr gut, aber nicht alle.

Haben Sie damals an Abschied gedacht?

Hunt:Ich würde lügen, wenn ich jetzt sagen würde: Das war kein Thema. Pfiffe von den eigenen Fans ziehen einen runter, die beeinflussen die Leistung. Natürlich habe ich mir da Gedanken gemacht. Aber irgendwann habe ich es ausgeblendet und mich auf meine Leistung konzentriert. Und irgendwann war es dann ruhig im Stadion.

Wurmt es Sie, dass Spieler wie Ailton als Helden verehrt werden und ein Eigengewächs wie Sie sich mit viel weniger Beifall begnügen muss?

Hunt:Ich habe hier in Bremen schon das Gefühl, dass die Fans eine größere Zuneigung zu den Spielern haben, die von außerhalb kommen. Da bin ich ja nicht allein. Auch Philipp Bargfrede und Sebastian Mielitz werden kritischer gesehen als andere.

Müssen die Fans nicht umdenken, schließlich soll hier noch mehr auf die eigene Jugend gesetzt werden?

Hunt:Der ganze Club muss sich mit den Spielern aus der eigenen Jugend identifizieren. Auch das Umfeld. Das werden die jungen Spieler brauchen. Hier ist nicht so ein Jahrgang, wie ihn Dortmund vor ein paar Jahren hatte. Da kamen vier, fünf richtig gute Spieler heraus – und ein, zwei Jahre später war der BVB in der Champions League. Das sehe ich bei Werder nicht. Es sind ein paar vielversprechende Talente da, aber denen muss man Zeit geben.

Keine rosigen Aussichten, zumal Sie als bester Spieler auch noch gehen. Was wird aus Werder?

Hunt:Es wird eine ähnliche Saison wie diese. Die Neuzugänge müssen passen. Und dann hoffe ich, dass Werder in einen Lauf kommt, um sich relativ schnell sichern zu können. Aber es ist nicht einfacher geworden. Mannschaften wie Augsburg und Mainz sind sportlich vorbeigezogen.

Vor wenigen Jahren hat Werder noch dauerhaft in der Champions League gespielt. Wie erklären Sie sich diesen rasanten Absturz?

Hunt:Ich weiß es auch nicht. Uns haben immer die besten Spieler verlassen – in jeder Saison ein, zwei. Das konnte irgendwann durch die Neuzugänge nicht mehr kompensiert werden.

Schauen Sie manchmal neidisch auf Mesut Özil, der Werder Richtung Real Madrid verlassen hat und nun bei Arsenal für Furore sorgt?

Hunt:Ich bin auf niemanden neidisch. Ich habe auch hier ein schönes Leben. Dafür bin ich dankbar. Jeder Mensch kriegt das, was er verdient.

Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf Ihre Werder-Zeit zurück?

Hunt:Die schönen Erinnerungen überwiegen, die überdecken auch die letzten zwei, drei Jahre, die ein bisschen schwieriger waren. Werder wird immer etwas ganz Besonderes für mich sein.

Wer war der beste Spieler, mit dem Sie bei Werder gespielt haben?

Hunt:Hier waren wirklich viele sehr gute Spieler. Gerade als junger Profi saugst du das auf. Der Beste war Johan Micoud. Von ihm konnte man viel lernen – und er ist ein sehr guter Mensch.

Wollen Sie nächste Saison wieder international spielen?

Hunt:Es wäre schön, aber für mich zählt erst einmal, etwas Neues zu machen. Die Welt geht nicht unter, wenn ich zu einem Verein wechsele, der dieses oder nächstes Jahr nicht international spielt.

Sie sagen, dass Sie noch bei keinem Verein unterschrieben oder zugesagt haben. Ist das nicht auch ein großes Risiko, schließlich könnten Sie sich verletzen?

Hunt:Ich will zu einem Verein gehen, wo alles passt. Wo ich mich wohlfühlen und funktionieren werde. Im Moment habe ich das noch nicht, deshalb habe ich noch keine Entscheidung getroffen.

Wenn Sie keinen passenden Verein finden sollten, wäre es dann denkbar, dass Sie sich noch mal mit den Werder-Bossen zusammensetzen und über einen Verbleib sprechen?

Hunt:Ich weiß es nicht, das kann ich nicht sagen. Da bin ich auch der falsche Ansprechpartner. Wir haben Gespräche geführt, da ist es zu keinem Ergebnis gekommen. Deshalb ist die Situation so, wie sie ist.

Das hört sich so an, als wenn es doch eine Chance gegeben hätte, dass Werder Sie hätte halten können.

Hunt:Ein Chance hat es immer gegeben. Ich habe ja auch nie gesagt, dass ich mir das Angebot von Werder nicht anhöre oder dass Werder chancenlos ist. Ich habe mit Werder so gesprochen wie mit anderen Vereinen auch.

Also war das Werder-Angebot für Sie nicht akzeptabel?

Hunt:Ich habe das Angebot nicht angenommen.

Was werden Sie am meisten an Bremen vermissen?

Hunt:Meinen Sohn natürlich, meine Freunde.

Wie wichtig wäre es, dass Sie von Ihrem neuen Club schnell zu Ihrem Sohn nach Bremen reisen könnten?

Hunt:Natürlich habe ich das im Hinterkopf, aber ich kann doch meine Entscheidung nicht davon abhängig machen, welche Stadt die beste Flugverbindung nach Bremen hat.

Wie sehr beschäftigt Sie schon Ihr letztes Werder-Heimspiel am Samstag?

Hunt:Noch gar nicht so sehr. Es geht erst einmal darum, dass wir uns als Mannschaft gut von den Fans verabschieden. Und wir müssen auch punkten, weil es für den Verein noch um viel Geld geht.

Aber so einen Abschied kann man doch nicht ganz beiseite schieben.

Hunt:Natürlich nicht. Man macht sich in diesen Tagen schon Gedanken, dass man jetzt nicht mehr so oft die Rampe zum Training runterfährt. Natürlich wird es am Samstag nach dem Spiel emotional – aber nicht nur für mich. Sebastian Mielitz verlässt ja auch den Verein.

Steigt am Abend dann die große Abschiedsparty?

Hunt:Ja, aber nicht meine. Sebastian Mielitz lädt ein. Vielleicht mache ich nächste Woche etwas. · kni

Aaron Hunt: Bilder seiner Zeit bei Werder Bremen

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