Werders Rechtsaußen im Interview

Hajrovic verrät: „Ich bin lockerer geworden“

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Zu behaupten, dass Izet Hajrovic bei Werder auf Händen getragen wird, wäre maßlos übertrieben. Immerhin reichten seine Leistungen zuletzt, um von Trainer Alexander Nouri geschultert zu werden.

Bremen - Von Carsten Sander. Der Medienbeauftragte des Clubs rät vom Foto-Shooting auf der Tribüne ab. Zu viele Stadionführungen seien gerade im Inneren der Arena unterwegs und damit zu viele Leute, die Izet Hajrovic beim Posieren für das passende Bild zum Interview stören könnten.

Allein daran lässt sich ermessen, was sich in den vergangenen Tagen für den 25 Jahre alten Rechtsaußen gewandelt hat. Es ist noch nicht so lange her, da wären die Stadionführungen wohl an ihm vorbeigezogen, ohne großartig Notiz von ihm zu nehmen. Doch mit zwei Startelfeinsätzen gegen Mainz 05 und den VfL Wolfsburg und einem Tor in der ersten der beiden Partien ist er zurückgekehrt in den Rang eines Fußball-Promis. Er wird wieder erkannt. Er ist wieder wer. Oder doch nicht? Izet Hajrovic selbst rät zur gemäßigten Beurteilung seines „Comebacks“.

Acht Tage ist es her, dass Sie mit Ihrem – letztlich wertlosen, aber wunderschönen – Tor gegen Mainz wieder aus der Versenkung aufgetaucht sind. Macht es Spaß, im Licht und nicht mehr im Schatten zu stehen?

Izet Hajrovic: In der vergangenen Woche hat sich für mich alles irgendwie geändert. Die zwei Spiele von Anfang an spielen zu können, hat mir schon gut getan, das gibt auf jeden Fall Kraft.

Unter Trainer Viktor Skripnik haben Sie keine Rolle gespielt bei Werder Bremen, unter Trainer Alexander Nouri sind Sie wieder da. Der Zusammenhang ist unverkennbar. Was ist passiert?

Hajrovic: Als Alexander Nouri zur Interimslösung gemacht wurde, wusste ich nicht, ob es jetzt besser laufen oder alles so bleiben würde. Er ist dann am ersten Tag zu mir gekommen, wir haben uns ein bisschen unterhalten, und er hat mir dann wirklich das Vertrauen gegeben. Er hat mir gesagt, er kenne mich von früher und ich solle einfach so spielen, wie ich es damals getan habe – befreit, mutig, ohne Druck. Wir hätten ja eh nichts zu verlieren. Es ging dann Gott sei Dank gut. Aber eigentlich hat er mit mir nur das Gleiche gemacht wie mit allen anderen auch.

Nämlich was?

Hajrovic: Er hat viel mit uns geredet, mit jedem Einzelnen. Auch seine Ansprachen direkt vor dem Spiel sind sehr motivierend. Danach ist jeder richtig heiß, dass es losgeht, jeder will dann alles geben. Wir haben auf jeden Fall einen Schritt nach vorne gemacht.

Und so ist aus einem Izet Hajrovic, der im August noch abgegeben werden sollte, ein Izet Hajrovic geworden, der stark genug ist für die Startelf?

Hajrovic: Ich hatte keine leichte Zeit in den letzten zwei Jahren, das stimmt. Auch jetzt im Sommer war nie klar, was mit mir passieren wird. Aber ich habe immer gesagt, dass ich bei Werder bleiben will, dass ich auf meine Chance warte und dass die auch irgendwann kommen wird. Ich habe noch zusätzlich meine Einzeltrainings gemacht, bin immer drangeblieben. Dann habe ich die Chance gegen Mainz bekommen, und ich habe sie genutzt. Gegen Wolfsburg haben wir dann die ersten drei Punkte geholt, den ersten Sieg. Das pusht die Mannschaft schon nach vorne.

Wünschen Sie sich, dass Nouri bei Werder zur Dauerlösung wird?

Hajrovic: Was heißt wünschen? Wir Spieler können da gar nicht viel machen in der Trainerfrage. Wir haben das nicht zu entscheiden, das macht die Vereinsführung. Wenn es jetzt mit ihm weitergehen würde, denke ich aber nicht, dass es jemanden stören würde.

Sie haben unlängst gesagt, der neue Trainer habe Ihr Herz erreicht. Große Worte. Sie verstehen sich also?

„Ich glaube nicht, dass man schon von mir als Hoffnungsträger reden sollte“, sagt Izet Hajrovic im Gespräch mit Sportredakteur Carsten Sander.

Hajrovic: Ja. Ich habe in der Vergangenheit zwei-, dreimal unter ihm mit der U 23 trainiert. Ich habe da schon bemerkt, was Herr Nouri für ein Trainer ist: emotional, stark im Umgang mit dem Spieler und seine Einstellung ist immer positiv.

Wie war Ihr Verhältnis zu Viktor Skripnik?

Hajrovic: Ich hatte mit ihm nie Probleme – weder auf dem Platz noch abseits. Wir hatten keinen Streit miteinander, es gab keinen Konflikt zwischen uns. Ich kann ihm nur alles Gute wünschen für die Zukunft. Er wird seinen Weg auf jeden Fall machen – in einem anderen Verein, wenn er denn möchte.

In der Saisonvorbereitung hatte Skripnik Sie im Training aber sogar Rechtsverteidiger spielen lassen – es war ein klares Zeichen, dass er mit Ihnen nichts mehr anzufangen wusste.

Hajrovic: Als Spieler musst du damit leben können. Aber jetzt läuft es wieder ein bisschen besser, jeder redet über die letzten zwei Spiele und wie es wohl weitergeht. Das motiviert mich und gibt mir ein gutes Gefühl für das, was in Zukunft sein könnte.

Wie haben Sie es geschafft, gegen Mainz tatsächlich so befreit und mutig aufzutreten wie von Alexander Nouri verlangt? Auf Kommando geht so etwas eigentlich nicht.

Hajrovic: Ich habe eben immer an meine Fähigkeiten geglaubt. Meine Selbstzweifel waren nie so groß, und ich habe nie gedacht: ,Junge, aus diesem Tief kommst du niemals wieder raus.’ Ich war immer positiv.

Früher haben Sie oft den gegenteiligen Eindruck erweckt, wirkten grüblerisch.

Hajrovic: Das war auch so. Ich bin aber ein wenig lockerer geworden. Es war wichtig, dass ich das gelernt habe. Und mal ehrlich: Wenn ich gegen Mainz kein Selbstvertrauen gehabt hätte, dann hätte ich nicht so ein Tor gemacht.

Es war Ihr erster Treffer seit einer gefühlten Ewigkeit, aber Werder hat in der Schlussphase noch verloren. Gegen Wolfsburg gab es den späten Sieg, aber keinen Hajrovic-Scorerpunkt. Welcher Moment war für Sie der emotionalere – das Tor oder der Last-Minute-Sieg?

Hajrovic: Gefühlsexplosionen gab es in beiden Fällen. Aber der Sieg über Wolfsburg war schon größer. Das Tor gegen Mainz ist nur noch Nebensache.

Es hat aber gereicht, damit Sie plötzlich als Hoffnungsträger für Werder gehandelt werden.

Hajrovic: Das machen ja Sie und andere Medien. Ich glaube, jeder weiß, dass ich über Qualität verfüge und dass ich der Mannschaft mit dieser Qualität auch helfen kann. Aber jetzt habe ich erst zwei Spiele von Anfang an gemacht, ich glaube nicht, dass man schon von mir als Hoffnungsträger reden sollte. Wichtig ist die Mannschaft. Mein Ziel muss es sein, fortzusetzen, was in den letzten beiden Spielen begonnen hat.

Auf einer Skala von eins bis zehn – wie breit ist Ihre Brust schon wieder?

Hajrovic: Vielleicht bei acht.

Was fehlt noch zur Zehn?

Hajrovic (lacht): Noch so ‘ne Kiste wie gegen Mainz oder ein Sieg über Darmstadt – am besten aber beides, dann bin ich bei der Zehn.

Wissen Sie eigentlich, wer aktuell der größte Ballermann im Bremer Team ist? Der, der bislang am häufigsten auf das gegnerische Tor geschossen hat?

Hajrovic: Ich schätze mal Serge Gnabry...

Richtig! Aber Sie sind gleichauf. Beide haben Sie sieben Mal draufgehalten – Gnabry hat dafür 360 Spielminuten gebraucht, Sie nur 180. Sind Sie besonders mutig, verwegen oder besonders oft in aussichtsreicher Position?

Hajrovic: Wenn man einen guten Distanzschuss hat, sollte man das auch ausnutzen und es stets wieder probieren. Der Ball geht nicht immer rein, aber wenn man es von vornherein lässt, passiert gar nichts.

Sie sind ein Rechtsaußen mit einer linken Klebe. Was ist los mit dem rechten Fuß?

Hajrovic: Den habe ich nur, um in den Bus einzusteigen (lacht). Nein, der rechte ist auch ganz gut, mit dem habe ich auch schon ein paar Tore gemacht, aber der linke ist klar besser. Ich ziehe gerne von rechts in die Mitte, suche dann den Abschluss oder den Pass in die Tiefe.

Das Tor gegen Mainz fiel genau so: zur Mitte ziehen, draufhalten, drin. Eigentlich ein Treffer der Marke Arjen Robben. Oder auch der Marke Izet Hajrovic?

Hajrovic: Den Vergleich höre ich oft, und ich will es mal so sagen: Es war nicht mein erstes Tor, das ich auf diese Art gemacht habe... 

csa

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