Johan Micoud im Interview

„Ich habe Werder zu früh verlassen“

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„Le Chef“ – so haben ihn die Werder-Fans getauft, und Johan Micoud findet den Namen auch heute noch gut. ·

Bremen - Früher war alles anders. Da lief Johan Micoud schon mal mit dem Handy am Ohr an den Journalisten vorbei, um nicht angesprochen zu werden – und wurde dann durch ein Klingeln enttarnt.

Beim Doubiläum am Wochenende war der inzwischen 40-Jährige dagegen total aufgeschlossen und plauderte in einer kleinen Reporter-Runde ausgiebig über seine Zeit bei Werder (2002 bis 2006), seinen zu frühen Abschied und sein Erfolgsrezept.

Monsieur Micoud, in Bremen werden Sie nur „Le Chef“ genannt. Wie gefällt Ihnen eigentlich der Name?

Johan Micoud:Das liegt einfach am Land. In Deutschland brauchen die Fans immer einen Chef, der die Mannschaft anführt. Natürlich war es eine Ehre für mich, diesen Namen zu bekommen. Ich finde, es ist ein guter Name. Sie wissen, ich rede nicht gerne über mich. Aber damals war das schon ein guter Moment, dass ich der Führungsspieler war. Ich war in einem guten Alter. Die Mannschaft hat das gebraucht. Das hat gepasst.

Bei den Fans heißt es immer wieder: Ihre Verpflichtung war der Schlüssel dafür, dass Werder in der Saison 2003/04 auferstanden ist.

Micoud:Vielen Dank, das ist nett von den Fans. Aber mir ging es nicht um mich. Ich mag es einfach, den Ball zirkulieren zu lassen. Ich wollte meinen Freunden Wege zeigen, wie man Tore schießt und gewinnt. Das war mein Ansporn. Natürlich habe ich selbst gerne Tore geschossen, aber genauso gerne habe ich sie vorbereitet.

Als Sie damals zu Werder kamen, haben Sie da so einen Erfolg wie das Double für möglich gehalten?

Micoud:Als ich kam, haben mich Freunde und Familie gefragt: Warum gehst du ausgerechnet nach Deutschland und dann auch noch zu dieser Mannschaft? Die Bundesliga hatte damals in Frankreich nicht so einen großen Stellenwert. Aber ich hatte vor meiner Entscheidung mit Bixente Lizarazu und Willy Sagnol vom FC Bayern gesprochen. Und die hatten mir sofort gesagt: Geh’ dahin! Das ist eine Offensiv-Mannschaft, das ist genau dein Spiel.

Hatten sie Recht?

Micoud:Als ich nach einer wirklich schwierigen Zeit in Parma nach Bremen kam, habe ich eine Mannschaft vorgefunden mit wirklich vielen großen Talenten. Also habe ich dann der Zeitung gesagt: In drei Jahren werden wir etwas gewinnen. Ich wollte hier diese Siegermentalität reinbringen. Und siehe da, es ging sogar noch schneller, es hat nur zwei Jahre gedauert. Es war einfach schön anzusehen, wie jeder plötzlich das Gefühl hatte, wir können tatsächlich etwas gewinnen. Dadurch sind wir mehr und mehr zusammengewachsen. Das war einfach großartig.

Also das Erfolgsgeheimnis?

Micoud:Der erste Schritt ist immer, daran zu glauben, dass man es schaffen kann. Und dann musst du in jedem Training gewinnen wollen. Wenn alle Spieler diese Mentalität haben. dann kann wirklich etwas Großes entstehen. So wie bei uns.

Warum haben Sie Werder dann bereits 2006 verlassen?

Micoud:Es war der Zeitpunkt gekommen, um an die Familie und das Karriereende zu denken. Da passte das Angebot aus Bordeaux. Sie haben mir zwei Jahre angeboten. Bordeaux war ein gutes Team. Und ich konnte zurück nach Frankreich. Ein Jahr früher als geplant. Eigentlich passte alles.

Eigentlich – war es doch nicht die richtige Entscheidung?

Micoud:Na ja, am Anfang war es nicht so toll in Bordeaux. Es wurde ein ganz anderer Fußball als in Bremen gespielt. Immer nur pam, pam nach vorne. Fürchterlich. Mit der Zeit wurde es dann besser. Aber im Nachhinein muss ich sagen: Ich habe Werder ein Jahr zu früh verlassen.

Werder ist längst nicht mehr so gut wie vor zehn Jahren. Was trauen sie dem Verein in der Zukunft zu?

Micoud:Ganz so viel kann ich dazu gar nicht sagen, weil ich dafür viel zu wenig Spiele von Werder gesehen habe. Es ist sicherlich nicht die beste Zeit. Aber ich hoffe, dass die Verantwortlichen ein neues Team aufbauen, dass dann auch etwas gewinnen kann. Aber das wird schwierig.

Das Problem ist eigentlich ganz leicht zu lösen: Kennen Sie nicht einen neuen Micoud für Werder?

Micoud (lacht):Den gibt es nicht – ich habe keinen Sohn, ich habe zwei Töchter. Es ist wirklich schwierig, so einen Spieler zu bekommen. Die richtig Guten sind sehr teuer. Wir hatten es damals gut, wir hatten eine starke Mannschaft und konnten zum Beispiel für Ailton einen Miroslav Klose holen. So konnten wir weiter wachsen. Wenn du dagegen zehn Spieler abgibst und zehn Neue holst, dann ist das nicht so einfach.

Werden wir Sie irgendwann als Trainer sehen?

Micoud:Nein, das denke ich nicht.

Wieso nicht?

Micoud:Ich habe nie einen Trainerschein gemacht. Das war kein Thema für mich – und wird es auch nicht.

Also bleiben Sie Winzer und TV-Experte?

Micoud:Es ist gar nicht so einfach, wenn du deine Karriere beendet hast. Inzwischen ist es okay. Ich bin als TV-Experte im Fußball geblieben. Das ist schön, wenn du vorher jeden Tag im Fußball gelebt hast. Außerdem mache ich Wein, das ist in Ordnung.

Werden Sie als TV-Experte bei der WM in Brasilien sein?

Micoud:Leider nicht. Wir senden aus Paris.

Wer wird Weltmeister?

Micoud:Es ist sehr, sehr offen. Eine Menge Teams können Weltmeister werden. Wenn Frankreich das Viertelfinale erreicht, dann ist auch für uns alles möglich. Obwohl: Spielen wir dann nicht gegen Deutschland?

Das kann passieren.

Micoud:Okay, dann sind wir Außenseiter. Aber in einem Spiel ist alles möglich – gerade bei uns. Erinnern Sie sich an die Playoffs in der WM-Qualifikation? In der Ukraine war es eine Katastrophe, das Rückspiel war dann superb, wir haben die Ukraine an die Wand gespielt. Wir haben schon richtig gute Spieler.

Doubiläum bei Werder Bremen

Allen voran Franck Ribery vom FC Bayern. Aber was ist mit ihm im Moment los?

Micoud:Nicht viel. Es liegt am Goldenen Ball, den er Anfang Januar nicht gewonnen hat. Seitdem war es ganz schwierig für ihn. Aber so schlecht ist das alles gar nicht. Franck kann sich jetzt erholen und ist dann im Juni richtig gut drauf.

Wie oft sind Sie eigentlich noch in Bremen?

Micoud:Inzwischen ganz schön oft. Vergangenen September war das Abschiedsspiel von Torsten Frings, jetzt die Double-Feier – und im September bin ich natürlich bei Ailtons Abschied. Das sind wirklich schöne Momente, die ich genieße. · kni

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