Mehr Show, weniger sportliche Qualität – wie sich Torsten Frings mit dem Niveau der MLS arrangiert

„Ich bin entspannter geworden“

Am Ball für den FC Toronto: Bis 2013 läuft der Vertrag von Torsten Frings. Aber ich habe die Möglichkeit, schon ein Jahr früher zu gehen“, verrät  der ehemalige Werder-Kapitän. ·

Bremen - Von Björn Knips. Feuerwerk, Konfettiregen, Nationalhymnen vor jedem Spiel – Profi-Fußball ist in der Major League Soccer mindestens zur Hälfte auch Show mit großem Hang zum Pathos. Für den Ehrgeizmenschen Torsten Frings ein Problem? Nicht mehr.

Der ehemalige Werder-Profi hat sich beim FC Toronto, in der MLS und Nordamerika eingelebt und angepasst – auch an strikte Verkehrsregeln.

Sie waren beim Eishockey, ein NHL-Spiel, hat es Ihnen gefallen?

Frings:Es ist schon gigantisch, was die da abziehen. Da kann man als Deutscher nur den Kopf schütteln.

Warum?

Frings: Feuerwerk nach jedem Tor, die brauchen da drüben einfach immer ein Spektakel.

Weil ihnen der Sport alleine zu langweilig ist?

Frings:Die Amerikaner wollen einfach unterhalten werden. Beim Baseball sitzt die ganze Familie in einer Reihe. Der Vater trinkt Bier, die Kinder essen Popcorn. Wenn du die nach dem achten Inning fragen würdest, wie es steht, wüsste das keiner von denen. Das interessiert auch niemanden.

Hat es Sie interessiert?

Frings:Bei den ersten Spielen schon. Irgendwann lernst du dann auf der Tribüne jemanden kennen, unterhältst dich. Oder du gehst was essen und verpasst eine halbe Stunde vom Spiel. Das ist da völlig normal.

Gibt‘s beim Fußball auch Spektakel?

Frings:Durchaus, Feuerwerk und Konfettiregen gehören auch bei uns zu jedem Tor dazu. Und vor jedem Spiel werden die Nationalhymnen gespielt, erst die kanadische, dann die amerikanische.

Das kennen Sie ja aus 79 Spielen mit der Nationalmannschaft.

Frings:Das ist etwas anderes. Bei Ligaspielen finde ich das schon etwas seltsam. Aber die wollen das dort so und singen alle lautstark mit.

Sie auch?

Frings:Nein.

Weil Sie noch nicht so gerne Englisch sprechen? Ihre Interviews dort führen Sie mit einem Dolmetscher.

Frings:Am Anfang war es schon etwas schwierig. Man hat noch diese Scheu, etwas zu sagen. Aber wenn du dann beim Abendessen mit fünf Kanadiern zusammensitzt, dann redest du irgendwann einfach mit und wunderst dich später, wie gut das doch funktioniert hat. Den anderen ist es nämlich total egal, ob du Fehler machst. Hauptsache, du redest.

Apropos Essen: Wie ist die kanadische Küche?

Frings:Schwer zu sagen, ich weiß gar nicht genau, was die kanadische Küche wirklich ist. Ich kann nur sagen, dass es super Steaks gibt, aber eben auch viel Fast Food. Es ist gar nicht so einfach, an den vielen Burger-Buden vorbeizufahren. Die Dinger schmecken viel besser als bei uns.

Und machen nicht dick?

Frings:Wahrscheinlich doch. Aber ich bin Profi und lebe auch so.

Sind Sie auch ein vorbildlicher Autofahrer?

Frings:Gute Frage, Auto fahren ist in Kanada echt brutal. Auf dem Highway sind nur 100 Sachen erlaubt, und wenn du 40 drüber bist, ist der Lappen weg.

Hört sich so an, als hätte es Sie schon erwischt?

Frings:(lacht) Ganz bestimmt nicht. Ich beachte wirklich alle Verkehrsregeln, weil ich viel zu viel Schiss habe, mit den Polizisten Englisch reden zu müssen.

Ihr Promi-Bonus würde Ihnen sicherlich helfen.

Frings:Nur kennt mich in Kanada niemand. Die Zeiten, in denen ich im Restaurant immer einen Tisch bekommen habe oder in der Disco nicht anstehen musste, sind vorbei. Aber das ist auch gut so, mir gefällt das. Diese Normalität ist angenehm.

Kommen wir mal etwas mehr zum Sportlichen: Wie ist das Niveau der Liga, das Niveau Ihrer Mannschaft?

Frings:Es gibt in der MLS richtig gute Spieler, die auch bei uns spielen könnten. Aber es gibt auch Spieler, bei denen du dich fragst: Wie konnten die Profi werden? Irgendwo dazwischen liegt das Niveau – zweite Liga in Deutschland, denke ich.

Wie vereinbart sich das mit Ihrem großen Ehrgeiz? Falten Sie die schlechten Spieler regelmäßig auf dem Platz zusammen?

Frings:Nein. Ich bin entspannter geworden. Ich bin beim FC Toronto, um den Jungs zu helfen.

Und den einen oder anderen zu Werder zu vermitteln?

Frings:Erst wenn ich dort nicht mehr spiele. Ich mache mir doch nicht meine Mannschaft kaputt. Aber das ist ein sehr guter Markt, der leider nicht so wahrgenommen wird. Da könnte man einige Spieler holen, und die wären nicht teuer.

In der Bundesliga zählen aber aktuell fast nur noch ganz junge deutsche Spieler.

Frings:Dieser Jugendwahn ist total übertrieben. Mit 31, 32 Jahren gehörst du doch nicht zum alten Eisen. Auch über 30 bist du noch fit ohne Ende, weil heute ganz anders trainiert wird. Wenn ich immer höre, der und der hat seinen Zenit überschritten – das ist doch alles Quatsch. Natürlich wird man etwas langsamer, aber dafür weißt du schon vorher, wo der Gegner hinläuft. Erfahrung ist das Einzige, das man nicht lernen kann.

So wie Claudio Pizarro mit seinen 33 Jahren?

Frings:Genau. Claudio ist in dieser Saison wirklich überragend. Da sieht man mal, wie wichtig er für Werder ist. Wäre er vergangene Saison nicht so oft ausgefallen, hätten wir zehn Punkte mehr gehabt und nicht gegen den Abstieg gespielt, sondern oben mitgemischt.

Was trauen Sie Werder in dieser Saison zu?

Frings:Wenn Claudio gesund bleibt, sehr viel. Aber die letzten Spiele waren sehr eng, ein bisschen Glück kam auch dazu. Es ist wirklich schwierig zu sagen, wohin die Reise geht. Ich drücke der Mannschaft jedenfalls die Daumen.

Was haben Sie mit dem FC Toronto vor?

Frings:Wir werden nächste Saison erfolgreicher sein als diese und hoffentlich die Playoffs erreichen.

Ihr Vertrag läuft bis 2013.

Frings:Aber ich habe die Möglichkeit, schon ein Jahr früher zu gehen.

Wollen Sie noch woanders spielen?

Frings:Ganz sicher nicht, Toronto ist meine letzte Station als Spieler.

Und wenn ein Scheich kommt und Ihnen ein Abenteuer in der Wüste anbietet?

Frings:Dann sage ich nein, denn da ist es mir zu heiß. Ich möchte auch kein Spielzeug eines Scheichs sein.

Wie wäre es mit einer Rückkehr in die Heimat nach Aachen?

Frings:Da muss ich die Alemannia enttäuschen. Denn dann bin ich in einem Alter, in dem ich wirklich nicht mehr helfen kann.

Also geht es dann zurück nach Bremen?

Frings:Natürlich, ich bin doch längst Bremer.

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