Werder am Samstag gegen den HSV

Der Taktik-Vergleich: Das Nordderby in der Vorab-Analyse

Alexander Nouri (l.) und Markus Gisdol
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Alexander Nouri (l.) oder Markus Gisdol: Welcher Trainer entscheidet das Nordderby für sich?

Von Tobias Escher. Wer hat beim Nordderby die Nase vorn? Unser Taktikexperte Tobias Escher wagt den etwas anderen Ausblick auf das Nordderby. Werder und der HSV im großen Taktik-Vergleich.

Das einzig wahre Nordderby elektrisiert Norddeutschland. Alles ist geschrieben, alles ist gesagt. Naja, fast alles. Wir wollen uns an dieser Stelle an ein neues Format wagen: den großen Taktik-Vergleich.

Louis van Gaal teilte ein Fußballspiel einst in vier Phasen ein: Das eigene Team hat den Ball (eigener Ballbesitz), das eigene Team verliert den Ball (Umschalten auf Defensive), das gegnerische Team hat den Ball (gegnerischer Ballbesitz) und das eigene Team gewinnt den Ball (Umschalten auf Offensive). Klingt einfach – ist es auch. Was ergibt sich, wenn man sich die vier möglichen Phasen des Spiels am Samstag einmal anschaut?

Phase 1: Ballbesitz Werder

Das Ballbesitzspiel war zuletzt die Schwäche der Bremer: Sie griffen recht zaghaft im eigenen 3-1-4-2-System an, rückten nicht konsequent vor. Einzig über die Flügel konnten sie Torgefahr erzeugen. Die beiden Außenverteidiger agieren dabei enorm offensiv. Wenn die Stürmer ausweichen oder die Mittelfeldspieler sie unterstützen, kann Bremen Überzahlen auf den Flügeln herstellen.

Damit könnten die Bremer eine Schwachstelle der Hamburger nutzen. Markus Gisdols Team verteidigt im 4-2-3-1- oder 4-3-3-System. Die Außenstürmer ziehen dabei in die Mitte, sollen das Zentrum kompakt halten. Dadurch öffnen sich die Flügel. Allerdings ist es nicht leicht, die Flügel im Aufbauspiel zu finden; Hamburg presst aggressiv, setzt den Gegner früh unter Druck und zieht sich in der Folge in eine kompakte Ordnung zurück. Tore aus dem Spiel zu erzielen, ist nicht leicht gegen diese Hamburger.

Unentschieden im Team-Vergleich

Phase 2: Hamburg gewinnt den Ball

Den Ball im Mittelfeld gewinnen und sofort Andre Hahn auf die Reise schicken: Das ist der Offensivplan der Hamburger. Ihre Stürmer sind schnell, Lewis Holtby und Aaron Hunt haben im offensiven Mittelfeld das Auge für den Pass. Hier schlummert eine Gefahr für die Bremer. Ihr Gegenpressing war zuletzt gut, griff aber nicht immer. Gerade wenn Bremen etwas mehr Risiko im Spielaufbau eingeht, könnten sie anfällig werden für die simplen, aber effektiven Hamburger Konter.

Leichter Vorteil Hamburg

So könnten Werder und der HSV spielen.

Phase 3: Ballbesitz Hamburg, Defensive Werder

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der HSV ist seit vier Spielen torlos, aus dem Spielaufbau gelang ihnen noch kein einziges Tor in dieser Saison. Bremen hat indes eine starke Defensive, musste erst sieben Gegentore in sechs Spielen hinnehmen. Wenn Bremen das eigene 5-3-2 im Mittelfeld aufbaut, sind sie kaum zu knacken.

Gerade das Zentrum kann Werder kompakt halten; kein unwichtiger Faktor gegen Hamburgs Marotte, die Außenstürmer weit ins Zentrum rücken zu lassen. Den Hamburgern fehlen gute Aufbauspieler und Strukturen, um eine kompakte Defensive zu knacken. Gerade Hamburgs Doppelsechs könnte unter dem Druck der Bremer zerbrechen.

Klarer Vorteil Bremen

Phase 4: Bremen gewinnt den Ball

Bremen deutete die eigenen Stärken im Konterspiel bisher nur zaghaft an: Florian Kainz und Fin Bartels sind schnell und haben einen exzellenten ersten Kontakt. Doch der erste Pass kommt oft nicht genau genug, im Anschluss rückt das Mittelfeld zu zaghaft nach.

Das könnte zu wenig sein gegen Hamburgs intensives Gegenpressing. Diese postieren sich schon bei Ballbesitz so, dass sie direkt nachsetzen können, gehen mit Wucht auf den Gegner. Zudem haben sie in Papadopoulos einen bulligen Verteidiger, der verhindern dürfte, dass Ishak Belfodil vorne Bälle hält und ablegt. Zumindest hat Bremen genug Ballsicherheit, um mögliche Ballverluste gegen Hamburgs Gegenpressing zu vermeiden.

Vorteil Hamburg

Extra-Phase: Standards

Einen entscheidenden Faktor bildet van Gaals Vier-Phasen-Modell nicht ab: Standardsituationen. Doch jeder Fußball-Fan weiß, dass diese über Sieg und Niederlage entscheiden können. Wie stellen sich Bremen und Hamburg hier an?

Tatsächlich gibt es viele Gemeinsamkeiten: Beide Teams verteidigen Ecken in einer Manndeckung, bei der zwei Spieler zusätzlich den kurzen Pfosten sichern. Beide Teams haben in dieser Saison eine ausgeglichene Bilanz nach Standards – die Hamburger haben drei Tore nach Standards kassiert und dreimal getroffen, Bremen einmal getroffen und einen Treffer kassiert (plus ein kurioses Eigentor gegen Schalke).

Dennoch haben die Hamburger hier einen leichten Vorteil. Einerseits treffen sie öfter nach Ecken. Andererseits sind sie nicht nur im, sondern um den Strafraum eine Gefahr: Der HSV erobert nach Ecken viele zweite Bälle, kann mit dem zweiten Pass Gefahr erzeugen. Hier ist Werder zuletzt anfällig gewesen.

Vorteil Hamburg

Fazit: Entscheidend ist auf'm Platz

Dreimal Vorteil Hamburg, einmal klarer Vorteil Bremen: In der grauen Theorie sind die Hamburger – zumindest taktisch gesehen – der Favorit. Entscheidend ist aber bekanntlich auf'm Platz. Es wird darauf ankommen, wer seine Stärken besser zum Einsatz bringen kann. Wenn Bremen die Hamburger Flügel malträtiert und sich auf die eigene Defensive besinnen kann, kann das was werden mit dem ersten Saisonsieg.

Tobias Escher

Zur Person: Tobias Escher ist ein freier Journalist, der sich als Taktikexperte bundesweit einen Namen gemacht hat. Er ist Autor der Website spielverlagerung.de sowie Experte bei Bohndesliga, einem ganz besonderen Fußball-Format im Internet. Der 29-Jährige schreibt für die „Welt“ und „11Freunde“ und war als Taktikexperte auch für TV-Sender wie Sky und ZDF tätig - mal im Vorder-, mal im Hintergrund. Absolut zu empfehlen sind seine Bücher „Vom Libero zur Doppelsechs“ und „Die Zeit der Strategen: Wie Guardiola, Löw, Mourinho und Co. den Fußball neu denken“ (erscheint im März 2018). Tobias Escher wird in dieser Saison alle Pflichtspiele des SV Werder Bremen exklusiv für die DeichStube analysieren.

Quelle: DeichStube

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