HSV-Coach Joe Zinnbauer über seinen Job, Kollege Skripnik – und natürlich das Duell mit Werder

„Derbysieg setzt große Kräfte frei“

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Heißmacher aus Hamburg: „Eine sportliche Rivalität ist doch Bestandteil des Nordderbys“, sagt HSV-Coach Joe Zinnbauer vor dem Duell mit Werder Bremen.

Hamburg - Beide kommen und kennen sich aus der U23, beide erleben ihr erstes Nordderby als Bundesliga-Cheftrainer: Doch das war es schon mit den Gemeinsamkeiten zwischen Werders Viktor Skripnik (45) und Josef (Joe) Zinnbauer (44) vom Hamburger SV. Während der eine (Skripnik) den Ball vor dem brisanten Duell am Sonntag (15.30 Uhr) in Hamburg lieber flach hält, heizt der andere (Zinnbauer) das Derby ordentlich an. Warum er das tut, was ein Sieg bedeuten würde und was ihn an seinem Job so sehr reizt – all das verrät Zinnbauer im Interview.

Glückwunsch, Herr Zinnbauer! Sie haben in dieser Saison schon ein Nordderby gegen Werder gewonnen (4:2). Werten Sie das als gutes Omen für Sonntag?

Joe Zinnbauer: Dann würde ich es mir zu leicht machen. Das Spiel wird am Sonntag hier in den 90 Minuten plus Nachspielzeit entschieden. Nicht durch ein gutes oder schlechtes Omen im Vorfeld. Im Sommer trafen zwei ganz andere Mannschaften aufeinander, da standen nur zufällig die selben Trainer an der Seitenlinie. Auch die damaligen Rahmenbedingungen sind nicht ansatzweise mit denen am Sonntag hier in Hamburg zu vergleichen.

Eben noch vierte Liga, jetzt Beletage – wie haben Sie diesen rasanten Aufstieg verarbeitet?

Zinnbauer: Es gab gar keine Zeit, groß darüber nachzudenken. Das Ganze kam für mich ziemlich überraschend, ich habe auch im Vorfeld nicht darauf spekuliert. Wir – mein Trainerteam und ich – haben dann einfach losgelegt, nachdem der Anruf von Dietmar Beiersdorfer kam. Ich empfinde das alles aber auch nicht als rasanten Aufstieg, vielmehr als riesengroße Herausforderung.

Wie groß genau?

Zinnbauer: Die Herausforderung ist ja nicht auf den Erstliga-Job zu reduzieren. Wir stehen insgesamt vor der Herausforderung, den HSV wieder konstant und nachhaltig in die richtige Spur zu bringen. Dabei können wir im heutigen Fußballgeschäft nicht ewig auf Zeit spielen. Das ist uns bewusst. Es entspricht unserer eigenen Erwartungshaltung, dass wir bis zur Winterpause noch ordentlich etwas auf unser Punktekonto packen müssen.

Newcomer statt bekannter Feuerwehrmänner – wie der HSV mit Ihnen ist auch Werder diesen Weg mit Viktor Skripnik gegangen. Was können die Newcomer denn besser als die Altvorderen?

Zinnbauer: Dass es so ist, müssen wir ja erst noch unter Beweis stellen. Generell ist diese Frage ohnehin nicht zu beantworten. Ich denke, dass es für die Funktionsträger im Verein von Vorteil ist, wenn sie einen Trainer über einen längeren Zeitraum aus nächster Nähe beobachten können. Da kann man sich leichter von der jeweiligen Arbeit überzeugen lassen als aus der Ferne oder als in zwei, drei Kennenlern-Gesprächen. Für mich – und da kann ich sicher auch für Viktor sprechen – ist es natürlich auch von Vorteil gewesen, dass man sich nicht noch an Verein, Umfeld oder handelnde Personen gewöhnen musste. Wir konnten sofort voll loslegen und mussten nicht noch Wohnungen suchen und gucken, dass die Familien versorgt sind.

Sehen Sie bei sich Parallelen zu Viktor Skripnik, die über den ähnlichen Werdegang hinausgehen?

Zinnbauer: Ich kenne ihn viel zu wenig, um nach Parallelen suchen zu können. Für mich scheint es so, als würde er in sich ruhen. Er wirkt sehr ausgeglichen, konzentriert und bedacht. Fragen Sie ihn im Gegenzug lieber, wie ich auf ihn wirke. Dann muss ich mich nicht selbst beschreiben. Ruhig bin ich aber nicht unbedingt...

Sie scheuen sich nicht, vor dem ohnehin brisanten Nordderby verbal zusätzlich Dampf zu machen. In der Vergangenheit war den Verantwortlichen beider Clubs immer daran gelegen, den Fuß vom Gas zu nehmen, um die Fans nicht unnötig anzustacheln. Wieso fahren Sie eine andere Linie?

Zinnbauer: Eine sportliche Rivalität ist doch Bestandteil des Nordderbys. Es ist ja auch immer ein bisschen die Frage, wie Sätze aus Hamburg nach Bremen und aus Bremen nach Hamburg überliefert werden, oder? Was meinen Sie jetzt genau? Ich kann mich nur erinnern, gesagt zu haben, dass der Rasen hier im Derby gegen Bremen brennen muss. Und dass ich hoffe, dass es in der Arena so laut wird wie niemals zuvor. Das hoffe ich wirklich.

Ein Zitat von Ihnen lautete, dass „jeder Pfiff gegen den Gegner Motivation für uns ist“. Es ist ungewöhnlich, Pfiffe gegen den Gegner zu fordern. Wieso tun Sie es?

Zinnbauer: Ich fordere keine Pfiffe gegen den Gegner, das würde sich auch nicht gehören. Ich habe nur festgestellt, dass die Atmosphäre unserer Mannschaft hier im Heimspiel gegen Leverkusen sehr geholfen hat.

Leverkusen-Coach Roger Schmidt hat nach dem 0:1 in Hamburg eine zu harte

Gangart des HSV beklagt und dahinter eine Methode vermutet.

Zinnbauer: Es gab auf beiden Seiten viele Fouls, die vom Schiedsrichter mit vielen Gelben Karten geahndet wurden. Insgesamt war es ein hart geführtes Spiel, aber nicht übertrieben hart. Durch die Rückkehr von Hakan Calhanoglu gab es offenbar eine gewisse Brisanz, eine Methode steckte nicht dahinter.

Wie wird die Hamburger Gangart im Nordderby sein?

Zinnbauer: Ich halte wenig davon, im Vorfeld eines Spiels Dinge anzukündigen. Genau wie Werder Bremen werden auch wir uns eine gewisse Marschroute zurechtlegen. Ob die dann aufgeht oder wir während der Begegnung auf etwas anderes umschalten müssen, werden wir am Sonntag sehen. Wir müssen jetzt in dieser Trainingswoche die Spieler finden, die das Nordderby für den HSV mit aller Hingabe gewinnen wollen.

Der HSV hat in elf Spielen nur 34 Torchancen kreiert und davon lediglich vier genutzt. Wie können Sie für Besserung sorgen?

Zinnbauer: Indem wir nur darüber reden, können wir auf keinen Fall eine Verbesserung herbeiführen. Das können wir nur auf dem Trainingsplatz schaffen. Und zwar die Spieler, die bei uns im Kader stehen. Manchmal reicht ja auch ein Tor für drei Punkte. So war es für uns zuletzt jedenfalls in Dortmund und hier zu Hause gegen Leverkusen.

Die tabellarische Ausgangslage ist vor dem Derby hochbrisant. Vorletzter empfängt Drittletzten – wer da verliert, der...

Zinnbauer: Wer so denkt und darauf antwortet, der hat doch schon verloren. Wir haben die große Chance, in einem Heimspiel an Werder vorbeizuziehen.

Andersherum gefragt: Was würde ein Derby-Sieg bedeuten?

Zinnbauer: Wir stehen vielleicht vor dem emotionalsten Spiel der Saison. Ein Sieg in diesem Nordderby setzt mit Sicherheit große Kräfte frei.

Und eine Niederlage wäre der absolute Stimmungskiller?

Zinnbauer: Wie schon gesagt. Dazu gibt es von meiner Seite aus nichts zu sagen...

Sie gelten als Self-made-Millionär, haben als Geschäftsmann früh viel Geld verdient. War es nie eine Überlegung bei Ihnen, das Leben zu genießen, statt sich in den Bundesliga-Stress zu stürzen?

Zinnbauer: Ich kann nicht still sitzen, wollte die Dinge schon immer ausprobieren und Gestaltungsmöglichkeiten haben. Das Leben kann ich auch als Trainer ausreichend genießen. Den Stress empfinde ich als positiv. Auf das Nordderby jetzt habe ich große Vorfreude. Die hätte ich zu Hause auf der Couch vorm Fernseher in dieser Form sicher nicht erlebt. Mich treibt der Ehrgeiz an, gemeinsam mit meinem Team und meinen Leuten etwas erreichen zu wollen. Und das wird auch in Zukunft so bleiben. Völlig unabhängig von meinem Hintergrund.

Sie waren von 2005 bis 2010 Trainer des VfB Oldenburg. Wie oft waren Sie in dieser Zeit zum „Abgucken“ und Lernen Trainingszaungast in Bremen?

Zinnbauer: Wir haben in Oldenburg auch viel trainiert. Da blieb nicht so viel Zeit für Spionage. Und noch viel weniger für das Kulturprogramm. Klar habe ich in der Zeit ein paar Spiele gesehen, das war es dann aber auch. Einen besonderen Bezug zu Bremen werden wir nicht herstellen können.

csa

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