Ein Hallo aus Belek

Trainingslager in Belek - das Fazit

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Die Werder Elf aus dem ersten Testbild schaute sich das Spiel gegen Wien vom Sonnenplatz aus an

Werder Bremen bereitet sich auch in diesem Jahr an der türkischen Riviera auf die Rückrunde in der Bundesliga vor. Mit dabei in Belek: Kreiszeitungs Redakteur Malte Rehnert. In seinem Tagebuch findet er ab sofort Platz für die ein oder andere Randgeschichte.

Samstag - Die Trainingslager-Bilanz

Nun ist es geschafft! Zehn Tage Trainingslager in Belek enden heute Morgen mit dem Rückflug nach Bremen. Mein persönliches Fazit lautet: Ich kann zufrieden sein und mir ruhig mal kurz auf die Schulter klopfen. Gut, die Laufschuhe haben es leider nicht aus dem Reisekoffer geschafft – dafür aber die Badehose. Jeden Morgen vor dem Frühstück war ich im Hallenbad und habe zumindest jeweils 20 Bahnen im etwa 25 Meter langen Becken abgespult. Ein sportiver Start in den Tag. Und der innere Schweinhund, der sich nach dem Aufwachen meldete und mich zum gemütlichen Liegenbleiben überreden wollte, hat immer verloren. Und dann habe ich es auch noch geschafft, den bequemen Fahrstühlen zu widerstehen. Jedes Mal bin ich die 57 Stufen zu meinem Zimmer hinaufgestiegen statt mal eben in ein paar Sekunden hochzurauschen. Mehrmals am Tag. Das ist auch gut – noch besser aber, dass ich das selbst gesteckte Hauptziel erreicht habe. Abend für Abend habe ich sorgfältig die Aktivitätsdaten von meiner Uhr abgelesen und aufgeschrieben. Und immer (bis auf den Anreisetag) durfte ich die Faust ballen. Immer über 100 Prozent – insgesamt 930. Dazu 23293 verbrauchte Kalorien, da kann ich zu Hause erst mal richtig reinhauen. Und dann noch die 100171 Schritte. Eine geradezu famose Leistung, die ich aber auch unserem Hotel zu verdanken habe. Denn die weiten Wege auf dem Riesen-Gelände mussten ja gemacht werden.

Apropos Hotel: Das war sehr gut – nur zwei Sachen störten. Der zu niedrige Duschkopf in der Badewanne führte täglich zu Verrenkungen. Und der XXL-Generator vom Nachbarhotel brummte so laut, als würde ein Siebeneinhalbtonner auf dem Balkon herumfahren. Ein Mal sogar nachts. Nicht angenehm, dieser durchgängige, dumpfe Lärm.

Was noch zu sagen oder besser zu schreiben bleibt: Die Hunde hier in Belek sind ziemlich schräg drauf. Einer lief ständig auf die Fahrbahn und provozierte gefährliche Ausweichmanöver. Ein anderer lag mitten auf der Straße und hielt genüsslich ein Nickerchen. Das Beweisfoto, für das wir extra noch mal umgedreht waren, kam aber leider nicht zustande. Ein Ladenbesitzer hatte das Tier mit einer Schale Wasser angelockt. Heute haben wir nun nur noch die Fahrt zum Flughafen vor uns. Dann sind wir weg – und die Hunde können andere Autofahrer irritieren.

Zum Schluss muss noch erwähnt werden, dass ich gerne das Wetter eingepackt hätte. Gestern lachte bei 18 Grad die Sonne – und in Deutschland, so ließ ich mir zutragen, warten Bibberkälte und Schnee. Gleich mal den Ofen anmachen...

Freitag - Die Bremer Keeper als Space-Boys
Felix Wiedwald, Michael Zetterer und Eric Oelschlägel könnten problemlos in jedem Science-Ficton-Film mitspielen. Ziemlich spacig sieht dieses Teil aus. Und bei tiefstehender Sonne dürfte es auch hilfreich sein. Doch das ist nicht der Grund, warum die Torhüter in Belek mal eine schwarze Brille mit Gummizug beim Training tragen. Das gute Stück, das optisch an eine kleine Skibrille erinnert und von Sportausrüster Nike stammt, soll den Werder-Keepern vor allem helfen. Torwarttrainer Christian Vander arbeitet gerne mit der Brille, die zum Beispiel auch im American Football Verwendung findet. „Die Torhüter können damit lernen, besser zu antizipieren und schneller zu reagieren“, erklärt Vander: „Ihre Sicht ist eingeschränkt, sie haben nicht so viele visuelle Informationen.“ Durch die Brille sieht derjenige, der sie trägt, einen Augenblick ganz normal. Und dann einen Augenblick schwarz. Die Intervalle sind in acht Stufen einstellbar.

Da besteht natürlich die Gefahr, dass ein Torwart einen Ball für einen Moment nicht sieht und mit ordentlich Karacho ins Gesicht bekommt. „Das passiert aber auch mal ohne Brille“, sagt Vander und grinst. In Belek ist es nicht passiert. Und in Bremen, wo die extrem leichte und 400 Dollar teure Brille schon mal getestet worden war, ebenfalls nicht. Das mag auch ein Grund sein, warum Vander bisher nach eigener Aussage nur positives Feedback von seiner Keepern bekam. Nach dem ersten Volltreffer könnte das anders aussehen...

Da weiß man, was man kriegt: Ein Uhrengeschäft in Belek bietet offenbar alles an, aber keine Originalware.

Donnerstag - "Echt getürkte Uhren - nur bei uns"
Am einzigen, nicht ganz so arbeitsintensiven Nachmittag hatten die Kollegen die Idee, mal nach Belek reinzufahren. Ein bisschen gucken, vielleicht was einkaufen. Etwa Schmuck für die Gattin oder ein Portemonnaie. Doch diese Entscheidung haben sie schnell bereut. Eine gute halbe Stunde hat es gedauert, bis sie wieder im Hotel waren – inklusive der An- und Abreise, die etwa eine Viertelstunde in Anspruch nahm. Der Ort, in dem sich Geschäft an Geschäft reiht, lade nicht gerade zum Verweilen ein, sagten sie später. Vornehm ausgedrückt. Ein Highlight gab es dann aber doch. Den Uhrenladen, der an seiner Front mit einem skurrilen Slogan wirbt: „Echt getürkte Uhren“ steht da in dicken Lettern geschrieben. Und dann noch der Zusatz: „Nur bei uns“. Die anderen Läden verkaufen demnach „Falsch getürkte Uhren“ edler Hersteller? Dann mal lieber Finger weg davon. Ein Erinnerungsfoto, das mir ein netter Kollege freundlicherweise zur Illustration überließ, war das originelle Geschäft auf jeden Fall wert.

Nach der Rückkehr versicherten mir die Ausflügler, mit meiner alternativen Planung alles richtig gemacht zu haben. Denn ich war mal kurz in der Hotelsauna. Wobei: So richtig erholsam wie ich es kenne, war der Aufenthalt dort nicht. Erst hätte ich mich fast verbrannt. Ein älterer, offensichtlich ziemlich schmerzfreier Herr hatte die Temperatur des Ofens auf für mich unerträgliche 117 Grad eingestellt. Da reichte das untergelegte Handtuch nur ein paar Minuten, um mich vor dem heißen Holz zu schützen. Nichts wie raus da. Dem Herren schien es überhaupt nichts auszumachen, er blieb bestimmt noch ein Viertelstündchen drin. Und als ich mich dann einen Moment auf einer Liege ausruhte, störte ständig ein knarrendes Geräusch. Es kam aus dem Rohr, aus dem ständig frisches Eis zum Abkühlen purzelt. Entspannung sieht definitiv anders aus. Also schlurfte ich hoch in mein Zimmer – weiterarbeiten.

Mittwoch - Fritz greift sich einen Wälzer
Einige nahmen den Golfschläger in die Hand, andere die Spielekonsole, wieder andere ein paar Karten – oder einen Billard-Queue. Oder sie brachen mal aus dem Hotelgelände aus und schauten sich den Ort an. Gestern Nachmittag durfte jeder Werder-Profi machen, was er wollte.

Was sie in ihrer sonst spärlichen Freizeit in Belek so tun, hatten ein paar Bremer schon vorher verraten. Lukas Fröde etwa hatte ein Rommee-Spiel mitgebracht. „Mal weg von den Smartphones“, sagte Florian Grillitsch, der bei der Runde jedoch das Nachsehen hatte: „Lukas hat gewonnen, es waren ja auch seine Karten…“ Natürlich sei es aber nur um die Ehre und nicht um Geld gegangen, schmunzelte Grillitsch. Philipp Bargfrede wollte der Zocker-Halle einen Besuch abstatten, außerdem ein bisschen um Kekse pokern. Clemens Fritz zieht sich gerne mal auf sein Einzelzimmer zurück. Der Kapitän hat einen dicken Wälzer im Gepäck: „Kinder der Freiheit“ von Ken Follett, 1216 Seiten. Dass er das Buch im Trainingslager schafft, darf aber bezweifelt werden. Zu Hause in Bremen lese er kurz vor der Nachtruhe regelmäßig zehn, 15 Seiten, sagte der 35-Jährige. In Belek werden es weniger sein, hatte Fritz vor dem Abflug geunkt: „Da werde ich so kaputt sein, dass ich nach fünf Seiten einschlafe.“ Weil aber der Nachmittag gestern frei war und er am Abend eigentlich entspannt hätte sein müssen, dürfte er auf dem 1216-Seiten-Marathon ein gutes Stück vorangekommen sein..

Dienstag - Wutprobe an der Schranke
Ausweis vorzeigen, Unterböden der Autos mit Spiegeln absuchen, Schranken und Poller: Die scharfen Kontrollen und Sicherheitsmaßnahmen an den Einfahrten der großen Hotels sind Standard in Belek. Bisher hatten wir dabei auch keine Probleme. Gestern aber brachte uns ein junger türkischer Security-Mann fast zur Weißglut. Trotz Vorzeigen des Presseausweises und obwohl wir genau hier tagelang passieren durften: diesmal keine Durchfahrt zum Werder-Hotel. Er telefonierte gefühlt zehn Mal. Brachte alles nichts. Die Kollegen wurden schon ganz laut und brastig. Doch davon ließ er sich nicht im Geringsten beeindrucken. Entnervt steuerten wir dann einen Parkplatz außerhalb an und starteten nach dem Training den nächsten Versuch. Wieder nichts. Die Einfahrt sei nun geschlossen, gab uns der Sicherheitsbeauftragte zu verstehen. Ach so... Also auf die andere Seite des riesigen Geländes. Dort musste zwar ein Presseausweis bis zur Ausfahrt hinterlegt werden, aber es ging wenigstens etwas schneller. Schranke hoch, rein ins Hotel. Durchatmen. Wir kamen noch rechtzeitig zum vereinbarten Gesprächstermin.

Montag - Wer zu spät kommt, muss sprinten
Claudio Pizarro eilte am Sonntag auf den Platz – die Teamkollegen und die Fans am Rand klatschten höhnisch Beifall. Der Peruaner erschien gestern mit rund zehnminütiger Verspätung zur Vormittagseinheit. Offenbar wurde der 37-Jährige aufgehalten oder hatte etwas im Hotel vergessen. Die kleine Strafe folgte am Ende des Trainings. Als alle anderen schon fertig waren, musste Pizarro unter den Augen von Leistungsdiagnostiker Axel Dörrfuß noch ein paar Sprints absolvieren. Wer zu spät kommt, muss eben ein bisschen leiden. Nach zwei, drei Minuten hatte es aber auch der Torjäger geschafft und durfte mit dem Golfcart zurück ins Hotel fahren...

Samstag - Malheur auf dem Balkon
Sportchef Thomas Eichin hat es oft genug betont: Viktor Skripniks Stuhl bei Werder wackelt nicht. Der vom Autoren dieser Zeilen schon – und das hätte gestern Mittag beinahe sehr unangenehme und schmerzhafte Folgen gehabt. Zwölf Uhr mittags, Gesprächstermin mit dem Bremer Coach im Mannschaftshotel. Auf einem Balkon, der an das hauseigene „Irish Pub“ des Resorts angrenzt. Drinnen ist es ziemlich dunkel, draußen lacht die Sonne, deshalb soll Skripnik unter freiem Himmel Rede und Antwort stehen. Er kommt, bahnt sich den Weg zu seinem Platz und lässt sich auf einem der grauen Korbsessel mit braunen Beinen nieder. Ich sitze direkt neben ihm, mache mein Smartphone bereit zur Aufnahme, rutsche noch etwas näher an den Tisch heran – und dann das. Das hintere linke Stuhlbein gerät in ein Loch, das eigentlich für den Ständer eines Sonnenschirms gedacht ist. Ich falle nach hinten, hänge auf halb Acht und lange noch schön mit der Hand in eine Pfütze, die sich nach den Regenfällen der Vortage auf den beigen Marmorfliesen gebildet hatte. Gott sei Dank ist hinter mir ein Geländer aus dickem Glas, sonst wäre ich vermutlich noch abgestürzt. Die Kollegen lachen natürlich. Und spotten über das kleine Malheur. Und Skripnik? Reicht mir sofort die Hände, hilft mir hoch und befreit mich aus der misslichen Lage. Eine feine Geste des Werder-Trainers! Mit dem Stuhl habe ich anschließend besonders aufgepasst und ihn keinen Millimeter mehr bewegt. Und bei der zweiten Gesprächsrunde mit Keeper Felix Wiedwald habe ich mich dann doch lieber woanders hingesetzt...

Torschuss und Steigerungsläufe zum Auftakt

Freitag - Ab jetzt werden Schritte gezählt
Nach dem Aufgalopp gestern mit der Ankunft im Mannschaftshotel und dem Testspiel gegen Adana Demirspor geht es ab heute also richtig rund in Belek. Werder-Coach Viktor Skripnik hat bereits angekündigt, dass es ein intensives Trainingslager an der türkischen Rivieira wird. Das heißt nichts anderes als: sauanstrengend. Mindestens zwei Mal pro Tag werden die Profis gefordert, um topfit in die so wichtige Bundesliga-Rückrunde gehen zu können. Die mitgereisten Journalisten stehen bei den Einheiten am Rande, schauen zu, wie sich die Bremer quälen und sind heilfroh, nicht selbst mitmachen zu müssen. Wobei: Ein bisschen Schinderei habe auch ich mir verordnet. Mehr Bewegung – ein guter Vorsatz wie eigentlich in jedem Jahr. Mal ordentlich eingehalten, zuletzt aber leider eher nicht. Doch diesmal stehen die Chancen ganz gut, einigermaßen sportiv ins neue Jahr zu starten. Hier ist es nicht so furchtbar kalt wie in Deutschland, das steigert die Motivation. Vor dem Frühstück (sonst wird dafür kaum Zeit bleiben) ein paar Bahnen im Hotelpool oder ein kleines Läufchen am Strand – das sollte schon drin sein.

Und was ich schaffe, kann ich ganz genau überprüfen. Vor geraumer Zeit habe ich mir eine Uhr gekauft, die per GPS die Bewegungen genau aufzeichnet, Schritte zählt und sogar verbrauchte Kalorien auflistet. Diese Dinger sind schwer im Trend, sogar die Werder-Profis tragen bei ihren Ausdauereinheiten so ein Modell an ihren Handgelenken. In dicken Zahlen wird auf dem Display die Aktivität in Prozent angezeigt. Oft leuchtete dort bisher eben leider nicht die 100 auf, mein Negativrekord an einem langen Bürotag waren mal 13 Prozent. Erbärmlich! In Belek will ich nun jeden Tag mindestens die 100 und den lobenden Satz „Sie haben Ihr Ziel erreicht“ lesen können. Gestern, am Reisetag in die Türkei, war das noch nicht der Fall: 74 Prozent, 7 630 Schritte, 2 497 Kalorien – das geht und wird auf jeden Fall besser. Ab heute werden fleißig Schritte gesammelt! Mal sehen, wie viele es am Ende der zehn Tage sind – und ob ich dann auch fit bin für die Rückrunde . . .

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