Christian Vander über das Los eines Ersatztorwarts und die ständige Frage: Gehen oder bleiben?

Gute Zeiten, schlechte Zeiten

An die Rolle als Nummer zwei kann sich Christian Vander noch immer nicht gewöhnen.

Bremen - Von Arne Flügge · Auf seinen 29. Geburtstag freut sich Christian Vander nicht wirklich. Er wird ihn am 24. Oktober im Bus und anschließend im Mannschaftshotel verbringen. Werder reist an diesem Samstag zum Auswärtsspiel nach Bochum. Das Ende einer englischen Woche – und die mag der Ersatztorwart von Werder Bremen so gar nicht.

„Wir trainieren in dieser Zeit kaum, ich kann mich nicht auspowern, und dann sitzt du im Bus oder im Flieger und weißt: Du spielst ja eh nicht. Das sind die für mich schwierigsten Momente. Da fällt mir meine Rolle schwer“, erklärt Vander.

Es ist das Los einer Nummer zwei im Kasten, doch so richtig daran gewöhnen mag sich Vander nicht. „Es würde ja bedeuten, dass ich zufrieden bin“, sagt er – und das ist er freilich nicht. „Natürlich sind Druck und Spannung immer da, und man freut sich mit der Mannschaft, wenn sie gewinnt – doch du freust dich tausend Mal mehr, wenn du selbst dazu beigetragen hast.“

Dazu hatte Christian Vander bislang selten Gelegenheit. Im Sommer 2005 vom VfL Bochum gekommen, brachte es der Torwart bisher auf zehn Liga- und vier Champions-League-Einsätze. Doch gerade diese Momente, in denen er sich zeigen kann, sind es, die ihn dann immer wieder anspornen, seine Rolle als Nummer zwei noch intensiver anzugehen: „Es ist ein absolutes Glücksgefühl, wenn du ein erfolgreiches Spiel absolviert hast. So viel Ego habe ich dann schon, dass man den Applaus für seine Arbeit bekommen möchte. Das tut gut.“ Und diese Erinnerungen an Spiele wie beispielsweise gegen Real Madrid, Bayern München oder die Last-Minute-Qualifikation zur Champions-League 2008 mit dem 1:0 in Leverkusen sind es, „die ich mir dann immer in den Kopf zurückhole“, wenn ihn wieder einmal der Frust des grauen Alltags überkommt.

Vander weiß aber auch, dass er nicht nur geglänzt hat, als er Tim Wiese im Kasten der Bremer vertrat. Seine Fehlgriffe in der Champions League gegen Piräus oder sein Patzer gegen den HSV in der Liga – auch das ist unvergesslich. Dass ihn vor allem die Boulevardpresse anschließend zerpflückt hatte, „damit habe ich gelernt umzugehen“, beteuert der Torwart: „Ich schaue in den Spiegel und setzte mich selbst mit mir auseinander, anstatt mein Selbstbild aus der Zeitung zu entnehmen.“

Speziell nach der Partie gegen Piräus sei es nicht einfach für ihn gewesen. „Doch ich durfte mich nicht zu sehr mit den negativen Dingen beschäftigen, sonst wäre auch das nächste Spiel in die Binsen gegangen.“

Die mentale Stärke Vanders lobt auch sein Torwarttrainer Michael Kraft: „Er schafft es immer wieder, aus allen Dingen noch das Positive herauszuholen, sich neu zu motivieren und lässt sich nicht runterziehen.“

Das war auch so, als Tim Wiese endgültig die Bremer Nummer eins wurde. „Als Tim in den Fokus der Nationalmannschaft geriet, war für mich klar: Ab jetzt ist es ein anderer Konkurrenzkampf“, erklärt Christian Vander. Einer, den er nicht mehr gewinnen kann.

Neid kommt beim 28-Jährigen aber nicht auf. „Ich gönne Tim den Erfolg, er hat super Leistungen gezeigt.“ Sein Verhältnis zu Wiese bezeichnet Vander als „ein normales. Wir respektieren uns.“ Eine Freundschaft habe sich jedoch nicht entwickelt. „Dafür sind wir zu verschiedene Typen“, erklärt Vander.

Dagegen verstehen sich die Frauen prächtig. Wieses Freundin Grit und Vanders Ehefrau Viola unternehmen viel gemeinsam. Kürzlich besorgte Grit für Vanders Sohn Vincent (2) einen Krippenplatz und passte auf klein Leonhard (drei Monate) auf. „Grit und Viola sind ja auch keine Konkurrentinnen“, schmunzelt Vander.

Wiese und er sind es schon. Und so stellt sich für Christian Vander demnächst – wie alle zwei Jahre eigentlich – die gleiche Frage: Verlängert er seinen Vertrag, oder sucht er noch einmal irgendwo eine Herausforderung als Nummer eins? Der Vertrag des Torhüters läuft im kommenden Sommer aus. Und Vander ist hin- und hergerissen. Einerseits weiß er, was er an Werder hat. Hier kann er sich täglich im Training noch weiterentwickeln. „Wir arbeiten in Bremen auf sehr, sehr hohem Niveau. Das ist mir sehr wichtig“, erklärt Vander. Sein Coach Kraft habe auf jede noch so kleine Schwäche „immer wieder die richtige Übung. Wenn ich mir vorstelle, dass ich damals in Bochum drei Jahre lang überhaupt keinen Torwarttrainer hatte . . .“

Andererseits hat Vander freilich noch genügend Ehrgeiz, es bei einem anderen Club zu versuchen. Doch er weiß auch: „Als Nummer zwei bei einem Verein musst du erstmal kleine Brötchen backen, da du wenig Chancen hattest, zu beweisen, dass du das Level hast.“ Und so würde Vander, sollte er sich für einen Wechsel entscheiden, auch erstmal einen sportlichen Rückschritt hinnehmen, „um aus der Position heraus dann noch einmal ganz oben anzugreifen“, wie er selbstbewusst sagt.

Vor einem Jahr hatte sich ihm die Chance geboten. Vander hatte ein lukratives Angebot aus dem Ausland, doch die Familie war dagegen. „Solche Dinge entscheiden wir gemeinsam“, sagt der 28-Jährige. Vander verlängerte also für zwei Jahre in Bremen, „und es war die richtige Entscheidung“.

Jetzt muss er wieder wählen. Gehen oder bleiben? In Sebastian Mielitz und Felix Wiedwald rücken derzeit zwei große Talente nach. Doch Torwarttrainer Michael Kraft sagt selbst: „Sie sind noch nicht so weit, um an Chris heranzukommen.“ Andererseits kann Kraft Vander auch verstehen, wenn der noch einmal eine andere Herausforderung suchen würde: „Er ist eigentlich zu gut für eine Nummer zwei.“

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