Randale, Rauchbomben, rivalisierende Fans: Viel zu tun für die Polizei

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Jetzt geht's los: Der verspätete 12.24-Zug hat einige Problemfans des HSV an Bord. Ihre Gastgeschenke: Rauchbomben und Böller.

Bremen - Von Cord Krüger. Kurz vor halb eins. Noch drei Minuten. Es kommt Bewegung in die Gruppen der Männer und Frauen von der Bundespolizei, die am Gleis 9 des Bremer Hauptbahnhofs auf den Regionalexpress aus Hamburg warten. Sie richten ihre Headsets, ziehen Helme über angespannte Gesichter – die Augen Richtung Norden gerichtet.

Von dort rollt die Metronom-Bahn an – mit 400 Fans des Hamburger SV und reichlich Sachbeschädigungen in Wagen 1 und 2. So die Vorausmeldung des Zugpersonals. „Das ist die größte Welle“, sagt Holger Jureczko, Oberkommissar der Bremer Bundespolizei. Eine eigenartige Ruhe vor dem Sturm, vor dem 102. Bundesliga-Nordderby zwischen Werder Bremen und dem HSV.

Seine Kollegen stehen dicht an dicht vor der Bahnsteigkante. 400 Beamte hat allein die Bundespolizei an diesem Sonntag im Bremer Bahnhof zusammengezogen, viele von ihnen von der Duderstädter „Einsatzabteilung“, bei der „normalen“ Polizei der Bundesländer eher als „Hundertschaft“ bekannt. Außerhalb des Bahnhofs hat die Bremer Landespolizei das Sagen. Kollegen aus Niedersachsen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Hessen unterstützen sie. Das bedeutet nochmal 1 000 Kräfte.

Löcher in Decken und Wänden, zugekleisterte Fenster, Müll: In zwei Waggons wüteten die Hamburger besonders schlimm.

Für das Kontingent auf Gleis 9 wird es jetzt ernst. Der Zug ist in Sichtweite. Hunderte Hände hämmern von innen gegen die Fenster – das übertönt sogar die Fahrgeräusche. Gestreckte Mittelfinger recken sich durchs Sicherheitsglas den Helmträgern entgegen. Kaum gestoppt, stolpern zehn grün-weiß gekleidete junge Männer heraus. „Alter, ey“, schnauft einer, ehe ein Ordnungshüter seinen schnellen Schritt stoppt und nach rechts umleitet. Dort führt die Treppe für die Werder-Fans hinab, die andere auf der linken Seite ist für die Hamburger. Strikte Trennung von Anfang an. „Das ist unser wichtigstes Ziel – bei 1 500 Hamburgern und etwa 3 000 Werder-Fans, die die Bahn nutzen“, schildert Jureczko, bei der Bundespolizei-Inspektion Bremen für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. Bald hört man seine Stimme nicht mehr, denn die Hamburger steigen aus.

„Scheiß Werder Bremen“ und „Bullenschweine“ grölen die Massen. Unzählige Fäuste recken sich in den Himmel, viele mit brennenden Zigaretten zwischen den Fingern. Das Rauchverbot in Bahnhof schert hier keinen, und auch die Beamten in Vollschutz-Montur greifen da nicht durch. Sie haben Wichtigeres zu beachten. Außerdem detoniert gerade die erste von drei Rauchbomben. Gelber, schwarzer und weißer Nebel verhüllt die Frühjahrssonne. 20 Einsatzkräfte werden später über Atemwegsprobleme klagen, „aber wir reden nicht von Verletzten, sie können weiterarbeiten“, erläutert Jureczko, nachdem der Spuk auf Bahnsteig 9 vorbei ist und die Gäste im Inneren des Bahnhofs verschwunden sind. Ihr weiterer Weg ergibt sich automatisch – begrenzt von Absperrgittern. Auf dem Vorplatz des Ausgangs zur Bürgerweide ein Käfig aus Zäunen und Uniformierten. Pop-Musik und eine freundliche Frauenstimme durch die Lautsprecher eines Polizeiwagens unterhalten die HSV-Fans, die sich hier sammeln müssen. Gegenüber starten die Shuttle-Busse zum Weserstadion. „Ich weiß, dass ihr lieber laufen wollt, aber hier geht das leider nicht“, sagt die Fankontakt-Polizistin. Ein Bus nach dem nächsten startet – eskortiert von Einsatzfahrzeugen mit Blaulicht.

Unterdessen steigt Oberkommissar Jureczko in den leeren Zug und nimmt das Ausmaß der Zerstörungen in Augenschein. Die Gänge sind klitschnass. Ein Schwall aus Bier und Toilettengerüchen weht dem Einsteiger entgegen. Die Fenster zugekleistert mit Aufklebern, die Sitze mit Filzern beschmiert, klaffende Löcher in der Dach-Verkleidung, heraushängende Leuchtstoffröhren. „Den, der das eine Loch da oben gemacht hat, hätte man kriegen können“, sagt ein Zugbegleiter und deutet auf eine Blutspur. Der Randalierer hat sich offenbar an der Hand verletzt, als er die Plastikteile zerschlug. Dem Schaffner scheint es egal, er hat jetzt Dienstschluss und „die Nase voll“, gibt er zu.

Das nächste Abteil hat es noch schlimmer erwischt: Ein heller Belag überzieht dort alles. „Das war ein Feuerlöscher“, sagt Jureczko. „Ist sowas noch normal?“, fragt eine Frau, die gerade einsteigen will. „Manchmal ist das normal“, sagt Jureczko mit regungsloser Miene. Abends, nach der Rückreise aller Hamburger wird er drüber lächeln können: „Wir haben es geschafft, exakt dieselben Fans in diese zwei zerstörten Abteile zu stecken, in denen sie bei der Hinfahrt saßen. Einige haben ganz schön die Nase gerümpft…“

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