Fehlstarts von Werder und dem HSV: Die Bremer haben sich gefangen, die Hamburger noch nicht – dort herrscht vorm Nordderby weiter reichlich Unruhe

Gleiches Schicksal, verschiedenes Verhalten

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Entspannt: Werder-Trainer Thomas Schaaf. ·

Bremen - Einen klassischen Fehlstart haben Beide hingelegt. Werder Bremen verlor im DFB-Pokal in Münster (2:4 nach Verlängerung) und den Bundesliga-Auftakt in Dortmund (1:2), der Hamburger SV patzte in Karlsruhe (2:4) und zu Hause gegen Nürnberg (0:1).

Dennoch ist die Ausgangslage vor dem Nordderby am Samstag (15.30 Uhr) total unterschiedlich. Werder scheint die Rückschläge gut verdaut zu haben, beim HSV brennt noch immer der Baum – ein Vergleich:

Stimmung

 

Werder: In der Vorbereitung war die Atmosphäre so gut wie lange nicht mehr. Heitere Profis, ein scherzender Trainer Thomas Schaaf. Der große Umbruch tut allen gut. Die Pleite bei Drittligist Münster war zwar ein Stimmungskiller – aber nur ein kurzer. Die Bremer wollten sich nicht runterreißen lassen, ihr großes Selbstvertrauen bewahren, kündigten eine Trotzreaktion an – und die gelang in Dortmund trotz der Niederlage. Nun ist die Angriffslust endgültig zurück.

HSV: Ein „Überlebenscamp“ in der nordschwedischen Wildnis sollte die Laune heben und den Teamgeist stärken. Die Mannschaft ist allerdings kein zerstrittener Haufen. Das Problem lässt sich eher so beschreiben: Die Stimmung ist schlecht, weil die Spieler glauben, dass die Mannschaft zu schlecht ist. Führungsspieler sollen deshalb sogar beim Vorstand vorgesprochen haben. Nach den beiden Pleiten, die angesichts der katastrophalen Vorbereitung nicht überraschend kamen, ist bisher kein entschlossenes Aufbäumen zu sehen. Hinzu kommen hausgemachte Ärgernisse. Sloboban Rajkovic prügelte sich im Juli im Training mit Son Heung-Min – und nach der folgenden Suspendierung bezeichnete er Trainer Thorsten Fink als „Lügner“.

Alle Fakten zum Nordderby

Umfeld

Werder: Die kritischen Stimmen sind so gut wie verklungen. Werder wird eine starke Saison zugetraut – das ist überall zu merken. Und auch auf hoher Vereinsebene herrscht Seelenruhe. Reibereien wie im Vorjahr, als Aufsichtsratsboss Willi Lemke und Sportchef Klaus Allofs öffentlich über Finanzen stritten, gibt’s nicht mehr.

HSV: Das Rumoren wird immer lauter, gegen Nürnberg gab es schon nach 20 Minuten die ersten Pfiffe in der Hamburger Arena. Vergangene Saison hielten alle weitgehend die Füße still, weil die Notwendigkeit des Umbruchs erkannt wurde. Nun wird von Vereinsseite noch mal Zeit und Geduld eingefordert – zu viel für viele. „Ich sehe überhaupt keinen Fortschritt“, giftete HSV-Vereinsikone Uwe Seeler in Richtung Frank Arnesen und warf dem inzwischen voll in der Schusslinie stehenden Sportchef vor, Bundesliga untaugliche Spieler geholt zu haben. Das war der Gipfel der Kritik – bisher . . .

Öffentlichkeitsbild

 

Werder: Kurz vor dem Saisonstart sind die Bremer durch die Präsentation des umstrittenen Geflügelfabrikanten „Wiesenhof“ als Hauptsponsor in die Schlagzeilen geraten. Der Club mache das in vielen Jahren aufgebaute, gute Image mit dieser Zusammenarbeit kaputt, monierten „Wiesenhof“-Gegner. Es gab Vereinsaustritte, aber beim Tag der Fans hielten sich die Proteste in Grenzen. Inzwischen liegt der Fokus wieder auf dem Sportlichen – und da gibt Werder mit seiner jungen, hungrigen Truppe derzeit ein gutes Bild ab.

HSV: Chaos, Unsicherheit, Angst – diese Eindrücke vermittelt der HSV. Die Schelte in den Medien dauert schon mehrere Monate und hält an. Werder-Sportchef Klaus Allofs findet die Kritik übertrieben: „Sie werden niedergeschrieben, da ist doch schon der Deckel drauf. Aber das ist dem Leistungsvermögen des HSV nicht angemessen. Wenn man überall liest, dass man gar nichts kann, kitzelt es. Das ist zusätzliche Motivation.“

Trainer

Werder: Thomas Schaaf wirkt frisch und extrem motiviert, packt den Neuaufbau mit vollem Eifer an. Der 51-Jährige (in der vergangenen Saison oft grantelnd und verschlossen) kommuniziert auch auf dem Platz viel mit seinen Spielern, findet augenscheinlich die richtigen Worte, um sie richtig anzuspornen.

HSV: Thorsten Fink hatte viele personelle Wünsche, die entweder spät oder gar nicht erfüllt wurden. Der 44-Jährige versucht, das Beste daraus zu machen. Er kehrt den nimmermüden Kämpfer heraus, seine Aussagen klingen mitunter aber schon wie Durchhalteparolen. Und als Motivator wirkt er, zumindest öffentlich, bisweilen unbeholfen. Bestes Beispiel war sein Satz vor dem Nürnberg-Spiel: „Wir müssen schauen, dass wir uns freuen.“

Personalpolitik

 

Werder: Die Mittelfeld-Raute ist Geschichte – jetzt wird mit zwei offensiven Außen gespielt. Und danach richtete sich, zumindest teilweise, die Einkaufspolitik. Der Flügelstürmer und Ex-Hamburger Eljero Elia ist „das Symbol für den Systemwechsel“, sagt Mittelfeldmann Aaron Hunt. Aber auch andere Verpflichtungen sind sinnvoll und verstärken Werder: Theodor Gebre Selassie als dynamischer Rechtsverteidiger, Kevin De Bruyne als Top-Techniker im Mittelfeld oder Nils Petersen und Joseph Akpala als Stoßstürmer.

Eljero Elia freut sich auf Ex-Club HSV

HSV: Petr Jiracek und Milan Badelj wurden gestern im Doppelpack präsentiert. Zwei Mittelfeldmänner, die schon in Bremen spielen und den HSV sofort voranbringen sollen. Bisher hat dies (bis auf Keeper Rene Adler) keiner der Neuen geschafft. Rückkehrer Maximilian Beister ist kein Stammspieler, Stürmer Artjoms Rudnevs ebenfalls nicht. Der Lette, der vorne statt Mladen Petric (nach Fulham) und Paolo Guerrero (Corinthians) wirbeln soll, braucht noch Eingewöhnungszeit. Im Nordderby wird aber wohl auch er seine Chance erhalten und statt Marcus Berg auflaufen.

Insgesamt wirkt die Transferpolitik wenig durchdacht – aber: Mit der geplanten Rückkehr von Fan-Liebling Rafael van der Vaart (Tottenham) würde ein Coup gelingen.

Rückblick: Werder Bremen siegt im Nordderby der Fußball Bundesliga beim Hamburger SV mit 3:1

Perspektive

 

Werder: Rückkehr ins internationale Geschäft – dieses Ziel nennen alle. Und wenn die Bremer so weitermachen wie in Dortmund, konstant dieses Niveau halten können, ist das absolut realistisch. Gegen den HSV ist Werder übermorgen der Favorit, weiß Allofs: „Dass von uns ein Sieg erwartet wird, ist klar.“

HSV: Es sieht nicht gut aus. Schleppendes Offensivspiel, wenig Torgefahr, dazu eine wacklige Defensive – das riecht stark nach erneutem Abstiegskampf für den Bundesliga-„Dino“. Der Retter könnte van der Vaart sein – er würde das Niveau schlagartig immens heben und Euphorie entfachen. · mr

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