Werder-Boss Klaus Allofs verlangt in der Rückrunde mehr Besessenheit / Am Kader ändert sich wenig

„Es geht nicht mit Handauflegen“

Es gab viel zu erklären: Werder-Sportchef Klaus Allofs nannte im Interview einige Gründe, warum die Bremer „in allen Bereichen hinter den Erwartungen zurückgeblieben“ sind.

Von Arne Flügge und Malte Rehnert · Bei Werder Bremen fehlte in der Hinrunde die Erfolgsgier, Kapitän Torsten Frings sprach sogar mehrfach von mangelnder Einstellung – zu Recht, wie Klaus Allofs einräumt.

Der Sportchef nennt im zweiten Teil des Interviews mit dieser Zeitung aber noch andere Gründe, weshalb sein Club derart schlecht dasteht. Der 54-Jährige sagt auch, wie Werder in der Winterpause darauf reagieren wird – und warum er trotz aller Probleme und dem drohenden Abstiegskampf optimistisch ist.

Die Hinrunde in Bildern

Werder Bremen - die Hinrunde 2010

Raus aus dem internationalen Geschäft, raus aus dem DFB-Pokal – und in der Bundesliga überwintern Sie mit nur 19 Punkten auf Platz 14. Wie würden Sie die Hinrunde in wenigen Worten beschreiben?

Wenn man eine Bestandsaufnahme macht, muss man zugeben, dass wir das, was wir uns vorgestellt hatten, nicht erreicht haben. Wir sind in allen Bereichen hinter den Erwartungen zurückgeblieben. Da gibt es nichts schönzureden.

Warum lief’s so schlecht?

In erster Linie hatten wir viele Verletzte. Spieler, die bei uns eine sehr große Rolle spielen. Zum Beispiel Naldo – nicht nur als zentraler Abwehrspieler, auch in der Offensive mit Freistößen oder bei Standards. Dann Claudio Pizarro, der vorne unsere Bank ist, aber lange nicht zur Verfügung stand. Er ist derjenige, der vorne die anderen Spieler anlernt, der führt. Hinzu kamen Torsten Frings, Per Mertesacker, zuletzt Wesley, Tim Borowski und auch Sebastian Boenisch.

Woran lag’s noch?

Wir hatten darunter zu leiden, dass unsere Nationalspieler spät zurückgekommen sind. Sie standen bei der WM unter großem Druck, mussten lange die Konzentration hoch halten – und dann kam schon die Saison. Da brauchten sie Zeit, um reinzukommen. Bei Per Mertesacker war das zum Beispiel deutlich zu sehen.

Zudem haben die Neuzugänge bislang nicht eingeschlagen. Warum nicht?

Wesley kam sehr spät. Mikael Silvestre hatte keine Vorbereitung. Kaum da, mussten wir ihn reinschmeißen. Und bei Marko Arnautovic wussten wir von vornherein. Er ist ein großes Talent, aber bei ihm wird’s ein Auf und Ab geben. Nach starken Spielen wie gegen Köln oder Bayern haben wir gesagt: Das ist gut, aber noch nicht stabil.

Die Erwartungen an den 6,5-Millionen-Mann waren zu hoch?

Marko war schnell in einer Position, wo man auf ihn schaute. Er hat eine viel zu große Bedeutung bekommen. Da brüllt er ein Mal ,Saftladen‘ – und war damit plötzlich das Sinnbild für Werder Bremen. Marko ist ein lieber Kerl, aber er muss noch eine Menge lernen.

Arnautovic hat selten geglänzt – wie die meisten anderen auch. Entspricht die Qualität im Kader nicht den hohen Erwartungen?

Ich unterscheide zwischen Potenzial und gezeigter Qualität. Wenn alle dabei sind, ist das Potenzial da. Aber ganz viele sind in der Hinrunde hinter ihren Möglichkeiten zurückgeblieben. Was wir abgeliefert haben, hatte nicht genug Qualität. Weder im Defensivverhalten noch im Mittelfeld, was die Kreativität angeht, noch vorne.

Wie enttäuscht sind Sie von der „zweiten Reihe“, die sich – wenn sie ran durfte – nicht aufdrängte?

Sie haben genügend Chancen bekommen, da kann ich keinen ausklammern. Natürlich erwarten wir zum Beispiel von Tim Borowski mehr – unabhängig von seiner Verletzung. Natürlich erwarten wir von Daniel Jensen mehr. Das ist kein Mittelmaß, das sind Spieler mit gehobener Bundesliga-Qualität. Da muss man erwarten, dass die auch gezeigt wird.

Kapitän Torsten Frings hat mehrfach die Einstellung bemängelt. Hat Werder ein Mentalitätsproblem?

So platt will ich’s nicht sagen. Es sind oft einfache Sachen – ein Beispiel. Wenn ich einen Pflegetermin verpasse und sage: ,Das ist nicht so schlimm.‘ Aber solche Sachen haben eine Konsequenz. Da gibt es eine falsche Gewichtung. Die Jungs wissen ihre Energien teilweise noch nicht so einzusetzen, wie es sein muss. Sie lassen sich von vielen Dingen ablenken. Das ist das, was Torsten meint: Man muss einen gemeinsamen Weg gehen. Dass der Kapitän das angemerkt hat, war richtig.

Mangelt’s auch an der Erfolgsgier?

Wir haben eine Gruppe, die leistungswillig ist. Aber das alleine reicht nicht. Man muss alles, alles, alles geben – in jeder Sekunde. In der Vergangenheit haben wir das super hinbekommen, aber in dieser Saison gibt es viele Mannschaften, die’s bisher besser machen. Es hat sich hier eine Selbstverständlichkeit des Erfolgs entwickelt. Das führt dazu, dass man Dinge nicht mehr mit allerletzter Konsequenz betreibt. Wir haben jetzt ein bisschen weniger Begeisterung, weniger Fanatismus im positiven Sinn.

Wie wollen Sie die Besessenheit bei den Spielern wieder reinbekommen?

Wir müssen es so machen wie Dortmund in der Hinrunde oder damals Hoffenheim. Da hat keiner gefragt: Wo profitiere ich jetzt von der ganzen Sache? Sondern: Was kann ich für die Mannschaft tun? Und das ist genau das, was wir in der Rückrunde erwarten. Nicht zu fragen: Was ist mit meinem Vertrag, was ist hiermit, was ist damit? Erst mal abliefern. Das muss jeden Tag das Motto sein.

Wie wird sich der Kader in der Winterpause verändern?

Nicht entscheidend. Wir haben nicht die finanziellen Möglichkeiten, einen Vier-, Fünf- oder Sechs-Millionen-Transfer zu machen. Diese Spieler sind dann in einer Gehaltsklasse, die wir uns nicht erlauben können, wenn wir international nicht vertreten sind. Wir gucken, was wirtschaftlich machbar ist und auch auf die Perspektive – und werden dann gegebenenfalls reagieren. Für mich ist aber entscheidend, dass die Verletzten zurückkommen. Vielleicht werden wir noch einen oder zwei von den jungen Spielern dazuholen. Dann muss das eigentlich ausreichen.

Gehen sie angesichts der schwierigen sportlichen Situation mit Bauchschmerzen in die Winterpause?

Nein. Es gibt eine Riesenchance, in der Rückrunde Dinge besser zu machen – nicht durch Handauflegen über Weihnachten, sondern über viel Arbeit in der Vorbereitung und in der Saison. Und ich bin überzeugt davon, dass alle – Mannschaftsführung und Spieler – diese Arbeit leisten wollen. Das macht mich optimistisch.

Bei einem Fehlstart im Januar droht allerdings ein knallharter Abstiegskampf: Ist Werder dafür geeignet?

Es gibt keine Mannschaften, die dafür geeignet oder ungeeignet sind. Wer jetzt aber nicht erkennt, dass er Außergewöhnliches leisten und Dinge anders machen muss als zuletzt, der ist nicht geeignet. Wir werden aber sicher dafür sorgen, dass sich die Mannschaft damit auseinandersetzt.

Lesen Sie hier Teil 1 des Interviews - Klick

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