Gastkommentar des Ex-Werder-Stürmers

Petersen: „Die Suche nach einem Sündenbock ist unangebracht“

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Nils Petersen ist kurz vor der WM aus dem deutschen Kader gestrichen worden.

Von Nils Petersen. Kurz vor dem Anpfiff überkam mich dann doch noch mal ein merkwürdiges Gefühl.

Ich hatte es mir im Urlaub im Hotelzimmer vor dem Fernseher bequem gemacht – alleine. Rudelgucken ist nichts für mich, keine Nebengeräusche bitte. Und während die Nationalhymne gespielt wurde und die Kamera die Gesichter der deutschen Mannschaft einfing, kamen bei mir Emotionen hoch, die ich schon längst beiseite geschoben hatte: Wie geil muss das sein, da zu stehen?! Ich wäre echt gerne in Russland dabei gewesen, ich war dicht dran.

Stattdessen nun Urlaub auf einem Kreuzfahrtschiff, ich war am Sonntagnachmittag ein wenig neidisch. Dazu mischte sich aber auch wieder der Stolz, zumindest vorübergehend dazugehört zu haben. Und ein Teil von mir fühlt sich auch immer noch dazugehörig, noch immer dicht dran. Dementsprechend angespannt saß ich vor dem TV, beide Daumen drückend, dementsprechend enttäuscht war ich nach dem Abpfiff – schlecht gelaunt im Sessel. Mexiko war extrem griffig, mit einer brutalen Mentalität!

Petersen: „Satte Weltmeister habe ich nicht gesehen“

Deutschland hat verdient verloren, ja. Aber was mich wirklich irritiert, ist der öffentliche Umgang mit der Niederlage: „Stimmt es in der Mannschaft nicht? Ist Mesut Özil nicht bei der Sache? Fehlt der Hunger? Wie kann Julian Brandt nach dem Spiel Selfies mit den Fans machen?“ Themen, die aus meiner Sicht jetzt keine Rolle spielen sollten. Fußball-Deutschlands Suche nach einem Sündenbock ist unangebracht und führt zu nichts.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Die Mannschaft ist intakt. Der Spirit in Eppan war außergewöhnlich, davon durfte ich mir zwei Wochen lang selbst ein Bild machen. Ich hatte wirklich das Gefühl, dass alle fokussiert sind und an einem Strang ziehen. Wir haben sehr intensiv gearbeitet. Natürlich wollte sich jeder zeigen, seine Qualitäten herausstellen, sich anbieten – aber Einzelkämpfer oder satte Weltmeister habe ich im Trainingslager nicht gesehen. Ich erinnere mich, wie beeindruckt ich von der individuellen Qualität war, die dort zusammengekommen ist, umso bemerkenswerter empfand ich die Geschlossenheit, den Zusammenhalt im Team.

Petersen erwartet funktionierendes Team gegen Schweden

Und jetzt mit der Auftakt-Niederlage gegen Mexiko soll das alles vorbei sein? Das glaube ich nicht. Ich bin überzeugt, dass wir gegen Schweden eine funktionierende Mannschaft sehen werden, auch wenn der Druck jetzt unvorstellbar groß sein muss. „Du hättest einen reingehauen“, habe ich seit Sonntag oft gehört und in WhatsApp-Nachrichten gelesen. Vielleicht stimmt das, vielleicht aber auch nicht. Mario Gomez und Timo Werner ist es zu gönnen, noch entscheidende Tore zu schießen.

Sie haben sich mit ihrer Qualität zurecht in den Kader gespielt und werden das Vertrauen auch noch während des Turniers zurückzahlen. Hoffentlich platzt der Knoten bereits gegen Schweden. Ich werde wieder dabei sein, im Urlaub, vor dem Fernseher, weit weg von Russland. Vielleicht wieder ein bisschen neidisch, aber irgendwie doch dicht dran. Auf geht’s, Jungs, Ihr packt das!

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Quelle: DeichStube

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