Werders Fitness-Coach Benjamin Kugel wünscht sich mehr Einfluss / Freude über neuen Kraftraum

„Fußballer sollten mündiger werden“

Hightech für die Reha: Fitnesscoach Benjamin Kugel erklärt Profi Sebastian Boenisch ein ganz besonderes Laufband, das schwerelose Verhältnisse wie auf dem Mond simuliert. ·

Bremen - Der Fußball wird immer schneller und athletischer, deshalb werden auch die Fitnesstrainer immer wichtiger. Beim SV Werder Bremen ist Benjamin Kugel seit drei Jahren für diesen Bereich zuständig.

Inzwischen arbeitet der 31-Jährige auch im Trainerstab der Nationalmannschaft und ist mit der DFB-Auswahl gerade auf Länderspielreise. Kurz vor seiner Abfahrt gewährte der Diplom-Sportwissenschaftler und lizenzierte Personal-Trainer einen Einblick in den neuen Fitnessraum des Weserstadions und sprach ausführlich über seine Arbeit mit den Profis.

Schauen Sie als Fitnesstrainer nach einem Spiel sofort auf die Laufleistungen der Profis?

Benjamin Kugel :Nicht sofort, aber am Morgen danach. Für meinen Beruf ist die Messung eine super Sache, weil ich noch mal zusätzliche Informationen über den Spieler bekomme. Die vergleicht man dann mit dem Gegner, aber auch mit unseren vorherigen Spielen. Im Training und bei Testspielen ermitteln wir schon seit 3 1/2 Jahren die Laufleistungen – das wird nun durch die Bundesliga-Daten komplettiert.

Welche Daten sind für Sie am wichtigsten und welche Schlüsse ziehen Sie daraus?

Kugel:Ich schaue mir in erster Linie die Sprintwerte an – zum Beispiel die Maximalgeschwindigkeit oder die Häufigkeit von Sprints. Also: Wenn ein Spieler innerhalb von fünf Minuten eine größere Anzahl von Sprints macht, dann spricht vieles dafür, dass er sich schnell erholen kann. Das wäre gut. Aber wir entdecken auch Defizite, an denen wir dann arbeiten.

Machen Sie sich Vorwürfe, wenn der Gegner mehr und schneller gelaufen ist als Ihre Spieler?

Kugel:Nein. Denn ich bin zusammen mit dem Trainerteam und den Physiotherapeuten in erster Linie dafür zuständig, die Jungs so gut wie möglich vorzubereiten. Wenn sie dann auf den Platz gehen, müssen sie selbst ihre Leistung abrufen.

Welchen Einfluss hat die Psyche – zum Beispiel nach einer Niederlagenserie – auf den Fitnesszustand?

Kugel:Keinen. Ob ich gewinne oder verliere – mein Fitnessstand bleibt der gleiche. Aber nach Niederlagen fällt es mir vielleicht schwerer, über einen gewissen Punkt hinauszugehen. Ein Beispiel: Bei Klimmzügen sage ich den Jungs immer, dass sie bei den letzten zwei selbst entscheiden, ob sie die noch machen können. Das entscheidet der Kopf, bevor die komplette Muskelermüdung einsetzt. Man glaubt zwar, man kann nicht mehr, aber man muss sich nur überwinden.

Klimmzüge konnten Sie sicher auch schon im alten Fitnessraum im Weserstadion machen. Was bieten die neuen Räumlichkeiten?

Kugel:Wir haben vor allem mehr Platz, und ich kann mit mehreren Spielern gleichzeitig trainieren. Und wir haben ein anderes Gerätesystem, das mit Luftdruck funktioniert. Dadurch ist der Widerstand in jedem Bewegungsabschnitt gleich und nicht wie bei Gewichten von der Schwerkraft abhängig. Das ermöglicht uns, im Reha-Training gezielter zu arbeiten.

Und Sie haben ein ganz besonderes Laufband . . .

Kugel:. . . durch das wir Spieler, zum Beispiel nach einer schweren Knieverletzung, viel früher wieder ans Laufen heranführen können als früher.

Wie funktioniert das?

Kugel:Ich befinde mich bis zum Bauch in einem abgeschlossenen Raum, in den von unten Luft geblasen wird. Dadurch werde ich leichter und laufe bei der höchsten Einstellung nur noch mit 20 Prozent meines Körpergewichts – quasi, als wäre ich auf dem Mond. Das schont die Gelenke.

Ist das Ihr Lieblingsgerät?

Kugel:Nein, das ist die Klimmzugstange, da bin ich Old School.

Was Sie unter den Profis richtig beliebt macht.

Kugel:Toll finden sie das nicht. Aber das machen wir auch kaum. Ich setze die Jungs ja nicht wie im Fitnessstudio an irgendwelche Geräte und dann sollen sie pumpen. Wir trainieren im Prinzip keine Muskeln, sondern wir trainieren Bewegungen. Es soll möglichst immer fußballspezifisch und funktionell sein, die Spieler sollen sofort merken, was ihnen die einzelne Übung auf dem Platz bringen kann.

Wäre es nicht sinnvoll, das komplette Training noch personen- und positionsbezogener zu machen?

Kugel:Natürlich kann man das wie beim American Football in den USA auf die Spitze treiben. Aber erst einmal bleibt festzuhalten: Ein Mannschaftstraining ist durch nichts zu ersetzen. Darüber hinaus kann man natürlich auf die unterschiedlichen Bedürfnisse eingehen: Ein Außenverteidiger beispielsweise muss längere Sprints machen können als ein Spieler auf einer anderen Position. Das muss ich speziell trainieren. Deshalb ist es wichtig, Anforderungsprofile zu erstellen.

Werder-Training am Donnerstag

Werder-Training am Donnerstag

Wenn Sie sich noch ein Gerät für den Kraftraum aussuchen dürften, welches wäre das?

Kugel:Da sind wir bestens ausgestattet. Aber grundsätzlich wünscht sich die ganze Gilde der Fitnesstrainer im Fußball noch ein wenig mehr Einfluss in der täglichen Trainingsarbeit.

Ist Ihre Arbeit hier also ein ständiger Kampf?

Kugel:Als Kampf würde ich das nicht bezeichnen, es ist ein ständiger Austausch. Und natürlich bin ich nicht das letzte entscheidende Glied der Kette, sondern das ist der Cheftrainer.

Was würden Sie dem Fußball empfehlen?

Kugel:Im Bereich der Athletik ist noch Luft nach oben. Auch im präventiven und kognitiven Bereich ist noch mehr möglich, wenn der Fußball dem mehr Zeit geben könnte. Andererseits ist es für international spielende Clubs bei der Terminhatz kaum möglich, solche Dinge speziell zu trainieren. Da haben wir in dieser Saison die durchaus positive Situation, die Jungs zweimal die Woche verhaften zu können und zusätzlich zum Mannschaftstraining mit ihnen in den Kraftraum zu gehen.

Ein Jahr ohne Europacup ist demnach ein Segen, um den Körper zu pflegen.

Kugel: Durchaus, aber das darf nicht unser Anspruch sein, wir wollen international dabei sein. Da nehmen wir es gerne in Kauf, dass es manchmal ganz schön knifflig wird, man genau überlegen muss, was kann ich einem Spieler noch zumuten, der gleich noch trainieren muss, dann fliegt, eine Nacht im Hotel verbringt, um dann in der Champions League zu spielen.

Sind das die Herausforderungen, die Ihren Beruf so spannend machen?

Kugel:Natürlich, zumal jeder Spieler anders ist. Der eine fühlt sich beim Training prima, wenn er vorher eine halbe Stunde im Kraftraum war, der andere ist total platt. Aber man lernt, die Spieler einzuschätzen.

Fußball wird immer athletischer, steigert das nicht auch die Verletzungsgefahr?

Kugel:Natürlich wird jedem Spieler mehr abverlangt, und er bräuchte eigentlich eine längere Regenerationsphase, aber die ist durch die vielen Spiele nicht gewährleistet. Deshalb ist die Verletzungsgefahr größer.

Müssten sich die Fußball-Profis dagegen wehren?

Kugel:Es ist teilweise auf die Spitze getrieben worden, gerade bei den Nationalspielern. Aber jeder Spieler hat noch Potenzial, für sich mehr zu tun.

Kann der Mannschaftssportler da vom Individualisten lernen?

Kugel:Auf jeden Fall. Man muss nur schauen, wie eigenständig Einzelsportler trainieren. Da pappt sich morgens um 5 Uhr ein Schwimmer ein eingeschweißtes Kärtchen mit dem Trainingsplan an die Kachel und spult sein Programm ab, ohne dass ihn jemand anspornt. So ein Individualsportler achtet sehr stark auf seinen Körper, auf eine sinnvolle Regeneration und gutes Essen. Er weiß, wofür er Übungen macht, was sie ihm und seiner Muskulatur bringen. Der Fußballer an sich dürfte da ruhig etwas mündiger werden.

Sie sind auch für die Reha verletzter Spieler zuständig, haben viel mit Naldo gearbeitet. Wie sensationell ist sein Comeback?

Kugel:Eins vorweg, ich war einer von mehreren, die ihn herangeführt haben. Sensationell ist für mich, wie positiv und bejahend er jeden Tag gearbeitet hat – ob im Kraftraum oder später auf dem Platz. Das Comeback ist nur die logische Folge seiner Arbeit im letzten halben Jahr.

Wie sehr freut man sich da als Fitnesstrainer?

Kugel:Ich habe mich tierisch gefreut. Natürlich haben wir ihm alle geholfen, aber es ist allein sein Verdienst, wieder auf dem Platz zu stehen.

Sie sind vor drei Jahren auch deshalb verpflichtet worden, weil sich die muskulären Probleme der Spieler gehäuft hatten. Wie lautet Ihre persönliche Bilanz?

Kugel:Man kann viel präventiv arbeiten oder nach Verletzungen sehr, sehr vorsichtig sein – irgendwo sind da eben Grenzen gesetzt, weil Dinge einfach passieren. Letztes Jahr hatten wir unglaublich viel Verletzungspech. Bei einer Muskelverletzung spielen so viele Faktoren eine Rolle: Hat der Spieler nicht genug getrunken, hat er schlecht geschlafen, hat er nicht ordentlich gegessen, hat er sich nicht richtig warm gemacht? Da ist auch jeder Spieler für sich selbst verantwortlich. Ich bin trotzdem überzeugt, dass wir in diesem Bereich bei Werder sehr gut aufgestellt sind.

Ist Werder in dieser Saison fit für den Titel?

Kugel:Über den Titel müssen wir jetzt nicht reden. Wir sind fit genug, um unsere Ziele zu erreichen. · kni

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