Sebastian Boenisch ist noch immer vereinslos

„Fritz links – das wundert mich“

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Freunde, aber keine Teamkollegen mehr: Aaron Hunt (links) und Sebastian Boenisch. 

Bremen / Düsseldorf · Am Wochenende war fast alles wie früher: Sebastian Boenisch zog in Bremen mit Aaron Hunt ein bisschen um die Häuser. „Wir sind richtig gute Freunde“, sagt Boenisch. Teamkollegen sind sie nicht mehr.

Während Hunt mit Werder in der Bundesliga für Furore sorgt, ist Boenisch auf dem Sofa seiner Eltern in Düsseldorf nur noch Zuschauer. Der 25-Jährige ist arbeitslos. Der polnische Nationalspieler hat sich ganz offensichtlich verzockt. „Das stimmt nicht“, widerspricht Boenisch allerdings vehement: „Es ist nur dumm gelaufen.“

Bilder vom Training am Montag

Aaron Hunt trainiert wieder

Der Reihe nach: Im August 2010 hatte der Linksverteidiger einen Knorpelschaden erlitten, fiel anschließend wegen Komplikationen bei der Genesung anderthalb Jahre aus. Werder-Boss Klaus Allofs bot ihm am Saisonende nach nur drei Einsätzen einen neuen Zweijahres-Vertrag an – stark leistungsbezogen. Das passte Boenisch nicht, er lehnte ab. „Weil ich das Angebot aus Stuttgart in der Hinterhand hatte“, erinnert sich der Abwehrspieler: „Der VfB wollte ganz schnell den Deckel drauf machen, ich sollte zum Medizincheck kommen. Doch das ging wegen der EM nicht, da sind die Doping-Vorschriften so extrem, da kannst du nicht einfach mal ein paar Stunden weg.“ Die Parteien vertagten sich.

Doch aus Boenischs EM-Traum wurde ein Alptraum. Polen schied in der Vorrunde aus, der Linksverteidiger wurde neben Trainer Franciszek Smuda zum Sündenbock. Was für Boenisch aber noch viel schlimmer war: Stuttgart zog sein Angebot zurück. „Warum, das weiß ich bis heute nicht“, seufzt Boenisch.

Also machte sich sein Berater Dieter Burdenski wieder auf die Suche – und wurde in England fündig. Premier-League-Club Stoke City lud Boenisch zum Probetraining ein. „So etwas mache ich nie wieder“, sagt Boenisch mit bebender Stimme: „Ich habe sogar zwei Testspiele gemacht, und der Trainer hat gesagt, ich sei einer der Besten. Aber er könne mich nicht verpflichten, weil er erst noch zwei andere Abwehrspieler verkaufen müsse. Da habe ich ihn nur gefragt, ob er mich auf den Arm nehmen will. England ist einfach nur komisch.“

Also kehrte Boenisch zurück nach Deutschland. Dort trainierte er auch kurz beim SV Werder – aber nur in der zweiten Mannschaft und auch nur drei, vier Tage. Es zog ihn nach Düsseldorf. Dort leben seine Eltern, dort hat er nach dem Knorpelschaden seine Reha gemacht. „Da habe ich gute Voraussetzungen, um mich fit zu halten.“ Einen weiteren Berater hat er auch – noch einen namhaften: Carlos Delgado, der Claudio Pizarro betreut. „Carlos hat sehr gute Kontakte“, sagt Boenisch und ist optimistisch: „Bald spiele ich wieder.“ Anfragen lägen schon vor, „aber nach Russland oder in die Ukraine möchte ich eigentlich nicht“. Der Außenverteidiger setzt auf „Möglichkeiten in Italien und Spanien“.

Und wenn das nichts wird? „Ich muss Ruhe bewahren und darf nicht durchdrehen.“ Immer klappt das allerdings nicht. „Manchmal frage ich mich schon: Vor ein paar Wochen hast du noch EM gespielt, und jetzt hast du keinen Club – wie kann das sein? Das habe ich mir ganz anders vorgestellt.“ Als er dann neulich das Werder-Spiel gegen den Hamburger SV sah, war da wieder so ein komisches Gefühl. Denn auf seiner Position spielte nicht einer seiner alten Konkurrenten wie Lukas Schmitz, Florian Hartherz oder Aleksandar Ignjovski, sondern ein Rechtsfuß. „Clemens Fritz hinten links – das wundert mich schon. Er hat das gut gemacht. Aber natürlich habe ich gedacht: Da könnte ich doch spielen.“ Die Tür ist allerdings zu. Allofs hat erst kürzlich ausgeschlossen, dass Boenisch zurückkehren darf: „Das ist kein Thema.“

Der Betroffene akzeptiert das, wenngleich er es nicht versteht: „Vor meiner Verletzung wurde gesagt, ich sei der beste Linksverteidiger bei Werder seit Jahren. Dann habe ich mich zurückgekämpft, das schafft nach so einer Geschichte auch nicht jeder.“ Ein bisschen ärgert es ihn noch immer, dass Werders Angebot aus seiner Sicht nicht angemessen genug war. Aber er will auch nicht nachkarten und rumjammern: „Ich habe mich damals so entschieden, dazu muss ich jetzt stehen.“ Den Club mag der 25-Jährige immer noch. „Vielleicht kann ich ja in ein paar Jahren wieder für Werder spielen.“ Die über fünf Jahre in Grün-Weiß hätten ihn nach seinem Wechsel vom FC Schalke geprägt, „Bremen ist so etwas wie Heimat geworden“, sagt er und fügt noch wehmütig an: „Das Wochenende war wirklich super, da fährt man schon mit einem weinenden Auge wieder weg.“ · kni

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