Frankfurt-Coach Thomas Schaaf gibt sich vor dem Wiedersehen entspannt – und grüßt die Bremer Fans

„Ich bin mit Werder im Reinen“

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Immer noch gewöhnungsbedürftig: Thomas Schaaf trägt nicht mehr grün-weiß, sondern rot-grau und führt so die Frankfurter Eintracht nach oben.

Bremen - Die Vergangenheit holt ihn ein – und das mit voller Wucht: Thomas Schaaf bewältigt in dieser Woche einen wahren Interview-Marathon, weil er am Sonntag (17.30 Uhr) mit seinem neuen Club, Eintracht Frankfurt, erstmals auf seinen alten, Werder Bremen, trifft. Gab sich der 53-Jährige in den letzten seiner 14 Trainer-Jahre in Bremen eher zugeknöpft, ist er nun offen für fast alles. Radio Bremen darf ihn sogar einen ganzen Tag mit einem Kamerateam begleiten – unter anderem beim Spaziergang mit seinem Berner Sennenhund Django. Für diese Zeitung nahm sich Thomas Schaaf ebenfalls Zeit für ein längeres Interview.

Herr Schaaf, ist das am Sonntag wirklich Ihr erstes Spiel gegen Werder?

Thomas Schaaf: Davon gehe ich aus. Ich habe nicht nachgeforscht. Ich war so lange bei Werder, da ist das doch eher unwahrscheinlich.

Aber möglich – schließlich haben Sie vor Ihrer Werder-Zeit Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre als Kind bei Union Bremen gespielt. Gab es da keine Duelle?

Schaaf: Das kann durchaus sein, aber daran kann ich mich wirklich nicht mehr erinnern.

Nervt es Sie, in dieser Woche ständig auf Werder angesprochen zu werden?

Schaaf: Es nervt mich überhaupt nicht, denn es ist doch vollkommen klar, dass an dieser Geschichte ein großes Interesse besteht. Es drückt ja auch etwas Positives aus, weil es eine sehr lange und außergewöhnliche Verbindung war.

Was bedeutet Werder heute für Sie?

Schaaf: Was es immer für mich bedeutet hat: Von dem, was ich mit Werder erlebt habe, möchte ich keine Sekunde missen.

Gehen Ihnen speziell in dieser Woche noch einmal große Werder-Momente durch den Kopf, oder versuchen Sie, das auszublenden?

Schaaf: Ich blende das nicht aus. Natürlich kommen gewisse Bilder wieder, gerade in solchen Gesprächen wie jetzt.

Wie oft sind Sie noch daheim in Brinkum?

Schaaf: Selten, weil die Zeit das gar nicht zulässt. Natürlich versuche ich zwischendurch, meine Mutter und Familie zu besuchen und mal bei den Freunden vorbeizuschauen.

Im Mai 2013 wurde eine einvernehmliche Trennung von Ihnen als Werder-Trainer verkündet. Wie war das Ende der Ära Schaaf wirklich?

Schaaf: Dazu wurde damals alles gesagt, das ist Vergangenheit.

Sind Sie mit Werder im Reinen?

Schaaf: Ich bin mit Werder absolut im Reinen.

Sie und Klaus Allofs werden dafür gefeiert, dass sie Werder nach oben gebracht haben, aber inzwischen auch dafür gerügt, dass es so abwärts ging. Was ist schief gelaufen?

Schaaf: Ich glaube, dass darüber inhaltlich niemand wirklich diskutieren will. Das sind emotionale Diskussionen.

Ihr Werder-Nachfolger Robin Dutt ist schon Vergangenheit, nun soll Viktor Skripnik den Klassenerhalt sichern. Kann Ihr Ex-Spieler das?

Schaaf: Viktor ist ein guter Trainer. Ich traue ihm zu, dass er auch mit einer Profi-Mannschaft Erfolg haben kann.

Was zeichnet Viktor Skripnik aus?

Schaaf: Seine Ruhe, Situationen analysieren zu können. Er hat eine klare Vorstellung von dem, was er tut.

Er macht viele Dinge wie Sie. Ist Viktor Skripnik ein Schaaf-Klon, wie in Bremen schon geunkt wird?

Schaaf: Nein, es gibt nur einen Viktor Skripnik.

Und nur einen Thomas Schaaf . . .

Schaaf: Davon gehe ich aus.

Torsten Frings wollte immer Co-Trainer von Ihnen werden. Sind Sie Ihrem Ex-Spieler böse, dass er nun unter Viktor Skripnik arbeitet?

Schaaf: Nein, ich freue mich für beide. Zum einen, weil Viktor einen so guten Co-Trainer hat, zum anderen, weil Torsten Viktor unterstützen kann. Das ist eine gute Konstellation.

Hatten Sie zuletzt Kontakt zu beiden?

Schaaf: Im Vorfeld des Spiels nicht. Wir sehen uns ja dann am Sonntag.

Kommen wir zur Eintracht: Was unterscheidet Ihren neuen Club vom alten?

Schaaf: Das kann ich nicht sagen, weil ich keine Vergleiche ziehe. Man muss jeden Verein so nehmen, wie er ist.

Hat sich Ihre Arbeitsweise verändert?

Schaaf: Man verändert seine Arbeitsweise nicht, was die Philosophie angeht, aber man muss auch wissen, was heute gefragt ist, wie jeder einzelne angesprochen werden will.

Was meinen Sie damit?

Schaaf: Gehen Sie mal raus auf die Straße und sprechen mit den Leuten. Das ist anders als vor fünf Jahren. Die Sprache der Jugendlichen hat sich verändert, das Verhalten auch, die Ansprüche ebenfalls. Das macht vor dem Fußball nicht halt. Dem muss man sich stellen.

Sie haben erstmals in Ihrem Leben den Arbeitgeber gewechselt – was war da am Anfang: Spannung, Unwohlsein, Freude?

Schaaf: Ganz viel Freude, und diese Freude hat nicht nachgelassen.

Ist Ihnen nicht der Spaß vergangen, als Sie nach der Niederlagenserie medial in die Kritik geraten sind?

Schaaf: Nein. Ich kenne doch die Mechanismen.

Die sorgen jetzt dafür, dass die Eintracht nach zwei Siegen schon wieder als Europapokal-Kandidat gilt.

Schaaf: Das ist die emotionale Sichtweise drum herum und nicht die nüchtern bewertende, die intern läuft.

Wie fällt dieses interne Urteil nach 18 Punkten aus 13 Spielen aus? Spielt die Eintracht schon so, wie Sie es sich wünschen?

Schaaf: Wir haben kein Endprodukt. Wir sind mit vielen Auszügen der letzten Partien sehr zufrieden. Aber es gibt noch genügend Potenzial. Wir hatten in dieser Saison viele Veränderungen. Aber die Mannschaft hat das gut angenommen.

Welches Potenzial hat diese Mannschaft?

Schaaf: Das kann ich noch nicht sagen, das müssen wir erst ausloten. In diesem Jahr geht es darum, eine Mannschaft zu finden, um sich auf einem möglichst hohen Niveau zu stabilisieren.

Wie gut kennen Sie die Werder-Mannschaft noch? Müssen Sie sich überhaupt informieren?

Schaaf: Es gibt immer Veränderungen und neue Ideen der Trainerkollegen. Ich werde mich vorbereiten wie auf jedes andere Spiel.

Wird Ihr Gefühl am Sonntagabend auch das gleiche sein?

Schaaf: Es wird schon besonders sein, die einzelnen Personen von Werder zu treffen. Mit einigen habe ich wirklich viel erlebt. Aber wenn es dann losgeht, ist man so vertieft, da hast du nur das Spiel und deine Mannschaft im Kopf.

Freuen Sie sich auch auf Maximilian Eggestein? Er hätte Ihnen beinahe den Werder-Rekord als jüngster Bundesliga-Spieler abgejagt – drei Tage haben ihm nur gefehlt...

Schaaf: Das ist schon ein alter Hase... (lacht) Maxi hätte den Rekord gerne brechen dürfen, ich hätte es ihm gegönnt.

Unter Viktor Skripnik ist eine Jugendwelle losgebrochen. Macht es das für Sie schwieriger, weil Sie die jungen Spieler nicht ganz so gut kennen?

Schaaf:  Ich kenne auch diese Spieler sehr gut, die werden mich nicht überraschen.

Hätten Sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie Werder besiegen?

Schaaf: Nein. Es ist doch so: Ich bin stolz auf meine Werder-Zeit. Aber wie ich in all den Jahren die Pflicht hatte, mich für Werder voll einzusetzen, genauso ist es jetzt mit der Eintracht.

Wie wäre es zum Abschluss noch mit einem Gruß an die Werder-Fans, die lieben Sie schließlich noch immer?

Schaaf: Das ist und war schon etwas Besonderes. Deshalb freue ich mich nicht nur auf die Spieler oder Mitarbeiter von Werder, sondern auch auf diese großartigen Fans, die diesen Verein – gerade auch in den letzten Jahren – mehr als positiv dargestellt haben. Ich kann jetzt aber auch sagen: Sie werden in Frankfurt auf ebenfalls großartige Eintracht-Fans treffen.

In Bremen wird um den Klassenerhalt gezittert, zittern Sie mit?

Schaaf: Der erste Blick ist natürlich auf die Eintracht gerichtet, aber wenn Zeit bleibt, schaue ich schon auf Werder. Ich möchte Werder nicht in einer schlechten Situation sehen, sondern in einer guten. Das war immer mein Betreiben. Ich traue den Verantwortlichen zu, ihre Ziele zu erreichen.

kni

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