Baumann verlässt nach 16 Jahren Werder und verzichtet auf den großen Abschied

„Ich brauche kein großes Tamtam“

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Frank Baumann (Bild) zieht sich ins Privatleben zurück, den SV Werder sieht der Ehrenspielführer auf einem guten Weg – auch dank Trainer Skripnik: „Viktor ist stark“, sagt Baumann.

Bremen - Er war der Kapitän des Double-Teams 2004 und schlüpfte nach der aktiven Karriere in die Rolle des Sportdirektors. Doch jetzt verlässt Frank Baumann Werder Bremen. Nach insgesamt 16 Jahren im Club nimmt er sich die schon vor Monaten angekündigte Auszeit. Mindestens ein Jahr soll die dauern, sagt der 39-Jährige. Wobei von Auszeit nicht wirklich die Rede sein kann. Baumann hat genügend Ideen, wie er die Freiheit nutzen kann. Im Abschiedsinterview spricht er über die Gründe der persönlichen Pause, über Trainer Viktor Skripnik, eine mögliche Rückkehr zu Werder und Loriot-Weine, die immer noch darauf warten, getrunken zu werden.

Ihr letzter Arbeitstag bei Werder naht – wie geht es Ihnen damit?

Frank Baumann: Ich bin zwiegespalten. Einerseits bin ich traurig und wehmütig, weil es tolle 16 Jahre waren bei Werder – die letzten fünfeinhalb davon im Management waren eine richtig interessante Zeit. Aber jetzt kommt etwas Anderes, und darauf freue mich.

Was wird dieses Andere sein?

Baumann: Ich habe da keinen plakativen Begriff. Auszeit, Entspannung, Ausruhen, Beine hochlegen vielleicht. Aber auch Weiterbildung, Umschauen, Zukunft planen.

Was heißt das konkret?

Baumann: Konkret kann ich noch gar nichts sagen. Ich habe bislang nur Ideen. Ich möchte bei anderen Clubs, Trainern, Managern hospitieren – vielleicht auch im Jugendbereich. Ich möchte mich aber auch in der freien Wirtschaft umschauen, möchte wissen, wie dort gearbeitet wird. Ich werde die Zeit vielleicht auch nutzen, um eine Fremdsprache zu lernen oder mich in anderen Bereichen – wie zum Beispiel der Teamführung – fortzubilden. Möglicherweise schnuppere ich bei anderen Sportarten rein. Aber wie gesagt: Fix ist noch gar nichts.

Bei der Anzahl Ihrer Ideen reicht ein Jahr Auszeit aber nicht aus.

Baumann (lacht): Deshalb sage ich ja auch, dass es mindestens ein Jahr sein wird. Kann sein, dass letztlich zwei oder fünf daraus werden. Nach oben ist alles offen.

Ist am Ende der Auszeit eine Rückkehr zu Werder denkbar?

Baumann: Das ist immer eine Option, weil ich dem Verein viel zu verdanken habe. Aber es gibt keine Absprache, und ich habe auch keine Ambitionen, in diese Richtung schon tätig zu werden. Jetzt ist es erstmal wichtig, dass ich eine Pause einlege.

Wieso eigentlich?

Baumann: Ich habe kein Burnout, wenn Sie das meinen. Der Beruf ist zwar brutal intensiv, aber ich könnte auch noch fünf oder zehn Jahre so weitermachen. Im Alltagsgeschäft ist es aber nicht möglich, sich die Zeit und die Muße zu nehmen, um zu schauen, was im Berufsleben noch kommen und wie man sich neu oder anders aufstellen kann. Ich habe das Glück und den Luxus, das nun tun zu können. Ohne mich festlegen zu müssen, wann ich was mache.

Sie sind wirklich ohne definiertes Ziel?

Baumann: Ja. Mal gucken, in welchen Bereich ich irgendwann mal gehen möchte – Trainer, Manager oder etwas ganz Anderes in der freien Wirtschaft. Es kann wirklich alles sein, ich schließe nichts aus. Welche Überschrift das nächste Kapitel in meinem Leben tragen wird, muss man abwarten.

Bisher haben Sie aber immer den Eindruck gemacht, als würden Sie die erste Reihe scheuen.

Baumann: Ich muss tatsächlich nicht in die erste Reihe. Nicht als Trainer, nicht als Manager. Ich kann mir auch vorstellen, Co-Trainer der U14 zu sein.

Aber jetzt tauschen Sie erstmal Fußball gegen Familie und Freizeit?

Baumann: Ich werde mich nicht ganz verdrücken, gehe weiter zu Werder ins Stadion. Aber ich nehme mir die Freiheit heraus, den Großteil eines Wochenendes mit meiner Familie zu verbringen. Wenn ich dann mal bei einem Heimspiel nicht dabei bin, kann ich damit auch gut leben.

Bremen bleibt Ihr Wohnsitz?

Baumann: Erstmal ja. Was in fünf Jahren sein wird, weiß ich nicht.

Welche Entwicklung trauen Sie dem SV Werder zu?

Baumann: In der kommenden Saison ist es erstmal wichtig, die gewonnene Stabilität beizubehalten. Ich denke nicht, dass wir direkt in die Phalanx der großen Sechs an der Spitze eindringen können. Aber es wäre schön, wenn Werder sich relativ schnell dahinter einreihen könnte.

Als Sie 1999 vom 1. FC Nürnberg nach Bremen kamen, steckte der Verein in einer ähnlichen Situation wie heute. Ein neuer Trainer – Thomas Schaaf – hatte den Club vor dem Abstieg bewahrt, danach ging es Schritt für Schritt aufwärts. Bis zum Double 2004. Ist eine derartige Entwicklung wieder möglich?

Baumann: Ja, aber es hat damals eben auch fünf Jahre gedauert. Man muss kontinuierlich und in Ruhe arbeiten, mehr gute als schlechte Entscheidungen treffen. Dann glaube ich schon, dass es möglich ist. Borussia Mönchengladbach zeigt doch gerade, dass es geht.

Bei Werder war es damals Thomas Schaaf, der den Aufschwung brachte. Bei Gladbach ist es Coach Lucien Favre. Hat Ihr ehemaliger Mitspieler Viktor Skripnik auch das Zeug dazu?

Baumann: Das hat er ja schon bewiesen. Er hat die Mannschaft als Tabellenletzter übernommen und nach oben geführt. Er hat zudem eine gute Atmosphäre im Verein und im Umfeld erzeugt. Und er kann Spieler entwickeln, die man gut verkaufen kann – siehe Davie Selke. Ich bin sicher, dass Viktor seine Handschrift in der kommenden Saison noch stärker auf den Platz bringen wird.

Sie sind sehr von Skripnik überzeugt.

Baumann: Ich glaube, dass er ein richtig guter Trainer ist. Er hat im Leistungszentrum und bei der U23 gute Arbeit geleistet und zeigt jetzt, dass er es auch bei den Profis kann. Seine absolute Stärke ist die Mannschafts- und Spielerführung. Das konnte man in allen von ihm trainierten Teams erkennen. Viktor hat immer ein gutes, leistungsorientiertes Klima geschaffen, in dem jeder gefordert ist. In dem der Spaß aber auch nicht zu kurz kommt.

Der Kapitän der Double-Mannschaft sieht Werder also in guten Händen?

Baumann: Ja, Viktor ist stark genug.

Zurück zu Ihnen: In der kommenden Woche werden Sie Ihr Büro an Tim Borowski, den neuen Sportlichen Leiter der U23, übergeben. Danach kommen Sie nach Hause und machen was?

Baumann: Rasen mähen (lacht). Und Urlaub. Vielleicht brauche ich erstmal sechs bis acht Wochen, um Abstand zu gewinnen. Vielleicht sogar länger.

Was nehmen Sie an Erinnerungsstücken aus Ihrem Büro mit nach Hause?

Baumann: Nicht viel. Ein paar Präsente, ein Werder-Trikot – und die Loriot-Weine, die ich mal vom DRK geschenkt bekommen habe. Die sind immer noch ungeöffnet.

Na dann, Prost! Apropos: Gibt’s zum Abschied eine große Party?

Baumann: Es ist nichts Großes geplant. Nur zwei, drei kleinere Abschiedsfeiern in den unterschiedlichen Abteilungen. Dann gehe ich am letzten Tag nochmal durch alle Büros, um mich zu verabschieden – und das war’s.

Man könnte sich nach 16 Jahren im Verein sowie angesichts Ihrer Verdienste und Ihres Status’ als Ehrenspielführer einen größeren Rahmen vorstellen.

Baumann: Ich sehe den Anlass nicht. Es geht nur ein Mitarbeiter, da ist kein großes Tamtam nötig.

Wie schaffen Sie es, im aufgeregten, teils überdrehten Fußball-Business so uneitel zu sein?

Baumann: Ich weiß nicht, ob ich wirklich so uneitel bin. Aber weder als Spieler noch in der Funktion als Sportdirektor war es mir wichtig, mich in der Öffentlichkeit zu profilieren. Damit bin ich immer gut gefahren.

Zur Person

Mit dem DFB-Pokalsieg beendete Frank Baumann 2009 seine aktive Karriere – nach 360 Pflichtspieleinsätzen für Werder Bremen. Ein halbes Jahr Pause gönnte sich der später zum Ehrenspielführer ernannte Ex-Nationalspieler (29 Partien), ehe er bei Werder die zweite Karriere begann – als Manager. Zuletzt arbeitete der gebürtige Würzburger als „Direktor für Profi-Fußball und Scouting“, zu seinen Aufgaben gehörte auch die Kaderplanung der gerade in die dritte Liga aufgestiegenen U23. Im Profi-Bereich habe er sich an der Seite von Geschäftsführer Thomas Eichin und Sportdirektor Rouven Schröder vor allem „in beratender Funktion“ gesehen, wenn es um Spielerverpflichtungen oder Vertragsverlängerungen ging. Frank Baumann wird im Oktober 40 Jahre alt. Er ist verheiratet, hat eine 15 Jahre alte Tochter und einen zwölf Jahre alten Sohn.

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