Ex-Bremer hofft auf Neuanfang in der U23

Florian Trinks: Wech vom Deich – und wieder zurück?

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Von 2007 bis 2013 spielte Florian Trinks für Werder, in seiner Vita stehen 14 Bundesligaspiele für die Bremer.

Bremen - Wie das ehemalige Werder-Talent den ganz großen Zielen hinterherjagte, an Grenzen stieß und jetzt vor einem Neuanfang steht – Teil 5 unserer Serie „Wech vom Deich“.

Florian Trinks schlendert gen Weserstadion, als wäre er nie weggewesen: Vom Parkplatz über die in der Sommerpause nur selten befahrene Straße, in kurzen Trippelschritten die Treppe hoch, ein flüchtiger Gruß an einen Werder-Mitarbeiter – und dann rein in die Katakomben des Weserstadions. Der Weg zur Arbeit, noch immer Routine. Auch nach all den Jahren, die er nun aus Bremen weg ist, weiß der 26-Jährige ganz genau, wo es lang geht. Nur in seiner Fußballer-Karriere hat er sich zuletzt ein wenig verlaufen, vielleicht sogar verrannt, ehe er komplett ausgebremst wurde.

Florian Trinks macht im Medienraum des Weserstadions eine abwinkende Handbewegung. „In Chemnitz ging fast alles schief“, sagt er im Gespräch mit der DeichStube. Seine letzte Station, es war rückblickend keine, die von Fortune geprägt war. Im Sommer 2017 schließt er sich dem Drittligisten an, nachdem sein Vertrag bei Ferencvaros Budapest bereits im April in beiderseitigem Einvernehmen aufgelöst worden war.

Die Pause hatte Trinks genutzt, um sich einer längst überfälligen Leistenoperation zu unterziehen und wieder in Tritt zu kommen. Trinks fühlt sich bereit, will wieder angreifen, doch die reizvollen Angebote bleiben aus: Lose Anfragen allenfalls, selten wird es konkret, ein Probetraining in Aue – zum Vertragsabschluss kommt es nicht. Wenn er die Nummer seines Beraters auf dem Handy sieht, wird Trinks nervös. Neugier und Vorfreude auf das, was sein Jobvermittler mit ihm zu besprechen hat – das war einmal.

Syndesmosebandriss setzte Trinks lange außer Gefecht

„Dann macht man sich so seine Gedanken“, sagt Trinks stirnrunzelnd. „Vielleicht hätte ich auf bessere Angebote warten können, aber ich wollte Sicherheiten. Meine Freundin war schwanger.“ Also macht er’s: Zwei Schritte zurück, um mindestens drei nach vorne zu gehen. Trinks – einst hoffnungsvolles Werder-Talent, U17-Europameister und Double-Sieger in Ungarn – wechselt nach Chemnitz in die Dritte Liga.

Der damals 25-Jährige will sich über Spielpraxis und gute Leistungen für höhere Aufgaben empfehlen. Doch der Plan geht nicht auf: Trinks ist nicht zu einhundert Prozent fit, kommt nur schleppend in die Saison. „Ich war nach der längeren Pause nicht auf meinem besten Niveau“, sagt Trinks selbstkritisch, der in der Folge seinen Platz in der ersten Elf verliert. Hinzu kommt eine Sprunggelenksverletzung: Tribüne statt Spielpraxis.

Eine neue Chance bietet sich am 10. Dezember 2017. In Rostock darf Trinks von Beginn an spielen: Es weht ein eisiger Wind, es ist kalt, der Platz ist hart, Trinks ist „mega-heiß“ – kurzzeitig. In der 30. Minute wird er „brutal weggetreten“. Sein Gegenspieler grätscht mit beiden Beinen voran in den Mann, nimmt Trinks in die Zange. „Ein dumpfer Schmerz“ erinnert sich Trinks. „Ich wusste sofort, dass etwas nicht stimmt.“ Die Diagnose lautet Syndesmosebandriss, mehrmonatige Pause. Trinks sackt in seinem Sessel im Medienraum zusammen: „Damit war die Saison gelaufen.“ Der Chemnitzer FC steigt später ab, Trinks’ Vertrag gilt nur für die Dritte Liga. Er ist vereinslos, die Zukunft ungewiss – Tiefpunkt einer Karriere, die so eindrucksvoll begonnen hatte.

18. Mai 2009: Finale der U17 Europameisterschaft in Magdeburg zwischen Deutschland und den Niederlanden. Ausverkauftes Haus, Verlängerung. Beim Stand von 1:1 gibt es Freistoß für die DFB-Elf aus halblinker Position. Werder-Talent Florian Trinks schnappt sich den Ball, pustet, die Hände in die Hüften gestützt, noch einmal durch und schießt aus knapp 30 Metern ein unfassbares Tor: Unhaltbar oben links in den Knick – ein Schuss kraft- und gefühlvoll zugleich. „Das war so ein unglaublich geiles Gefühl“, blickt Trinks zurück. Anschließend wird er unter der Jubeltraube von Mario Götze, Marc-Andre ter Stegen und Co. vergraben: Deutschland ist U17-Europameister.

Wenige Tage später geht’s für Trinks wieder in die Schule. „Ich bin da herumstolziert“, erzählt Trinks und schlägt die Hände vors Gesicht. Es ist ihm heute sichtlich unangenehm, wie er mit dem frühen Erfolg umgegangen ist. „Plötzlich wirst du erkannt, das Spiel lief ja live im Fernsehen. Es gab einen riesigen Rummel um mich, mehrere Clubs haben sich nach mir erkundigt. Der Hype war Wahnsinn.“ Die Früchte des Ruhms schmecken Trinks. Möglicherweise zu gut: „Ich hielt mich für ganz besonders toll und war schon etwas selbstgefällig.“ Die Frage, ob er Fußball-Profi wird, stellt sich für Trinks, der mit 14 Jahren ins Werder-Internat gezogen ist, in dieser Phase seiner noch jungen Karriere gar nicht: „Das war für mich glasklar.“

„Ich war ein schwieriger Charakter“

Nicht mal zwei Jahre später der nächste Schritt, ein großer und wichtiger: Am 20. Spieltag der Saison 2010/2011 wird Trinks im Weserstadion für den verletzten Marko Marin eingewechselt. Bundesliga-Debüt gegen den FC Bayern (1:3), endlich Profi – Trinks ist da noch nicht mal 19 Jahre alt. „Das war das Größte, noch geiler als die EM“, sagt Trinks, räumt aber ein, dass es ihm „schwer gefallen ist, das vernünftig einzuordnen, auch wenn meine Familie und der Verein versucht haben, mich mit beiden Beinen auf der Erde zu halten“.

Es folgen Kurzeinsätze bei den Profis. Gegen Leverkusen (2:2) darf der Mittelfeldspieler sogar über 90 Minuten ran und bereitet ein Tor vor. Trinks will mehr: „Ich war besessen davon, besser zu werden und zu zeigen, was ich drauf habe.“ In der U23 zu spielen, empfindet er dagegen als Strafe. „Ich war dann sehr enttäuscht, und das hat man mir auch angesehen.“ Trinks’ Blick schweift ab, er wirkt nachdenklich: „Ich war ein schwieriger Charakter. Ich hätte auch mal Dinge annehmen müssen, anstatt mich zurückzuziehen und dicht zu machen.“

Bei Werder geht es nicht so schnell voran, wie Trinks es gerne hätte. Sportchef Frank Baumann will den Vertrag des Youngsters verlängern und ihn verleihen. Trinks lehnt ab, möchte klare Verhältnisse: Werder ganz oder gar nicht. „Mir hat die Geduld gefehlt. In gewissen Dingen war ich beratungsresistent und kritikunfähig.“ Heute weiß er es besser: „So läuft das nicht. Im Fußball nicht und sonst auch nirgendwo.“

Florian Trinks ist momentan Gastspieler bei Werder – und würde künftig gerne fest für die U23 spielen.

Auf dem vermeintlichen Weg nach oben entscheidet sich Trinks für eine Abzweigung und wechselt nach Fürth, wo er mit der Spielvereinigung aus der Bundesliga absteigt. In Liga zwei läuft es für ihn anfänglich richtig gut: Trinks wird von den Fans zum Spieler der Hinrunde gewählt, Fürth kämpft um den Aufstieg. In der Rückserie setzt Trainer Frank Kramer dann aber auf die Erfahrung von Nikola Djurdjic, Trinks bleibt nur die Reservistenrolle.

Für den Jung-Profi kommt das überraschend, zu überraschend. „Da war ich richtig frustriert, damit bin ich nicht klargekommen“, gesteht Trinks, der einen verpassten Aufstieg und zwei Trainerwechsel später noch immer nicht die Rolle in Fürth spielt, die er sich vorgestellt hatte: Unter Neu-Coach Stefan Ruthenbeck bekommt er aus seiner Sicht „keine echte Chance“. Zudem plagt sich Trinks mit einem verschleppten Leistenbruch herum. Eine umfangreiche Behandlung ist längst überfällig, doch Trinks‘ Verbissenheit lässt es nicht zu, die Signale des Körpers zu deuten. Er macht einfach weiter, verheimlicht seine Verletzung. Sportlich nach oben bringt ihn das natürlich nicht.

Der Weg, der einst so steil verlief, gerät ins Stocken. Stillstand – für Trinks fühlt es sich wie eine Niederlage an. Er ist ein Getriebener. Wovon, das weiß er heute selbst nicht mehr so genau. Vielleicht vom Ehrgeiz, von großen Ambitionen, von der Gier nach Wertschätzung. „Es war keine einfache Situation für mich. Wenn du in der frühen Jugend schon derart gehypt wirst, denkst du, es geht immer so weiter. Ich habe lange gebraucht, um zu lernen, mit Rückschlägen umzugehen.“

Trinks wird in Ungarn umgehend Doublesieger

Da kommt der Anruf von Thomas Doll gerade recht. Fürths Krafttrainer Manfred Düring hatte den Kontakt zum deutschen Coach von Ferencvaros Budapest hergestellt. „Komm’ unbedingt nach Ungarn, ich will dich haben.“ Es fühlt sich gut an, begehrt zu sein. Trinks packt die Koffer und wagt im Januar 2016 das Abenteuer Budapest: „Traditionsverein, coole Stadt. Das wollte ich machen.“ In Ungarn wird Trinks auf Anhieb Doublesieger. „Und auch in der zweiten Saison habe ich die ersten neun Spiele gemacht und war Top-Scorer. Eigentlich lief es gut“, erklärt Trinks, „dann habe ich ein richtig schlechtes Spiel abgeliefert, wurde ausgewechselt und kam gar nicht mehr zum Zug.“

Doll kritisiert die Einstellung seines Spielers. Trinks wirke wie ein topgestylter Student, nicht wie ein Fußball-Profi. „Ich bin ja nun wirklich kein Paradiesvogel“, verteidigt sich Trinks rückblickend. „Außerdem hatte ich sehr gute Trainings- und Laufwerte.“ Er fühlt sich missverstanden, schon wieder. Es kommt zum Zerwürfnis mit Doll, Trinks wird „rasiert“ und in die zweite Mannschaft abgeschoben, wo er trainieren, aber nicht spielen darf. Den Vertrag auszusitzen, ist für Trinks keine Option. Das Arbeitspapier wird aufgelöst. Danach kommt nicht mehr viel: Warten – auf Chemnitz, wie sich später herausstellt.

Florian Trinks stand zuletzt beim Chemnitzer FC unter Vertrag.

Syndesmosebandriss. Was bleibt, ist die Hoffnung auf einen Neuanfang. Vielleicht in Bremen, dort wo alles begann. Schon vor Wochen hat Trinks bei Werders Leiter des Nachwuchsleistungszentrums, Björn Schierenbeck, angerufen. „Einfach so, um zu fragen, ob ich bei der U23 mittrainieren kann.“ Schierenbeck hat keine Einwände – eine Gefälligkeit der Werderaner, mehr eigentlich nicht.

Doch womöglich wird aus dem Gastspiel eine längerfristige Zusammenarbeit. „Mit Björn Schierenbeck ist besprochen, dass wir uns zusammensetzen und dann mal schauen, ob und wie es weitergeht“, erklärt Trinks . Aus der ursprünglichen Absprache mit Werder, nach knapp sechsmonatiger Verletzungspause seinen Körper unter Wettkampfbedingungen zu testen, könnte also tatsächlich mehr erwachsen. Im Klartext: Bleibt Trinks fit, ist es durchaus möglich, dass er einen Vertrag bei den Grün-Weißen bekommt.

„Ich kann mir das sehr gut vorstellen, ich habe da Bock drauf. Es fühlt sich an, als sei ich nach Hause gekommen, ein sehr schönes Gefühl“, sagt das ehemalige Werder-Talent über seinen zweiten Anlauf beim SVW. „In den letzten Jahren ist bei mir so viel schief gelaufen, dass ich meine Prioritäten jetzt darauf ausrichten möchte, einfach glücklich zu sein.“

Wohlfühlfaktor für Trinks entscheidend

In Bremen könnte das klappen, glaubt der Vater eines fünf Monate alten Sohnes: „Für mich ist ein Punkt erreicht, an dem ich den Wohlfühlfaktor über andere Dinge stellen möchte, um dann fußballerisch wieder in die Spur zu finden. Und wenn mein Sohn mich anlächelt und ich mit ihm und meiner Freundin zusammen bin, ist alles andere sowieso zweitrangig.“

Trinks verabschiedet sich, er will los, nach Hause. Zuhause, das ist vorübergehend sein Elternhaus in Bremen. Alles auf Anfang – in der Hoffnung, sich bald wieder zeigen zu dürfen. „Meine Reise ist mit 26 Jahren noch nicht zu Ende“, sagt er und träumt davon, eines Tages wieder im Weserstadion aufzulaufen. In dieser Arena, die er so liebt, wo alles begann. Er weiß ja jetzt, wo es langgeht.

Florian Trinks: Seine Karriere in Bildern

Florian Trinks (li.) und Lennart Thy bei der U17-Nationalmannschaft im Jahr 2009.
Florian Trinks (li.) und Lennart Thy bei der U17-Nationalmannschaft im Jahr 2009.  © imago
2009 wurde Florian Trinks Europameister mit der U17-Nationalmannschaft.
2009 wurde Florian Trinks Europameister mit der U17-Nationalmannschaft.  © imago
2010 wechselte Florian Trinks in Profi-Mannschaft des SV Werder Bremen.
2010 wechselte Florian Trinks in Profi-Mannschaft des SV Werder Bremen.  © imago
Von 2012 - 2014 absolvierte Florian Trinks 14 Pflichtspiele in der Profi-Mannschaft des SV Werder Bremen.
Von 2012 - 2014 absolvierte Florian Trinks 14 Pflichtspiele in der Profi-Mannschaft des SV Werder Bremen.  © imago
2013 wechselte Florian Trinks von Werder Bremen zur SpVgg. Greuther Fürth.
2013 wechselte Florian Trinks von Werder Bremen zur SpVgg. Greuther Fürth.  © imago
Im Jahr 2016 ging es für Trinks dann ins Ausland zu Ferencváros Budapest. Im selben Jahr wurde er mit Budapest ungarischer Meister und Pokalsieger.
Im Jahr 2016 ging es für Trinks dann ins Ausland zu Ferencváros Budapest. Im selben Jahr wurde er mit Budapest ungarischer Meister und Pokalsieger.  © imago
Aus Ungarn dann der Wechsel zum Chemnitzer FC.
Aus Ungarn dann der Wechsel zum Chemnitzer FC.  © imago/Picture Point

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Quelle: DeichStube

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