Der Blick geht nach Europa

Kohfeldt macht Werder mutig

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Florian Kohfeldt hat Werder Bremen eine neue Siegermentalität eingeimpft.

Bremen - Der Europahafen hat Bremen reich und berühmt gemacht. Das ist lange her. Große Schiffe kommen dort schon ewig nicht mehr an. Der Hafen stand kurz vor dem Untergang, erfand sich dann aber neu – und ist plötzlich wieder total angesagt mit bester Perspektive. Werder lässt grüßen.

Der Bundesligist nimmt nach vielen grauen Jahren im Abstiegskampf nun mutig Kurs auf Europa, will zurück an die internationalen Geldtöpfe. Und einer ist dabei besonders mutig: Trainer Florian Kohfeldt. „Ich will jedes Spiel gewinnen“, sagt der 35-Jährige. Eigentlich kein besonderer Satz, er sollte aus dem Mund eines jeden Trainers kommen. Doch bei vielen Kollegen Kohfeldts regiert die Vorsicht. Bloß nichts andeuten, was später vielleicht nicht eingehalten werden kann. Doch Kohfeldt ist das egal. Er hat keine Angst vor Rückschlägen, er sieht sie als Chance auf dem Weg zur angestrebten Siegermentalität und damit auch zum Erfolg.

Kohfeldt und Borowski auch im Tennis willensstark

Seine positive Art ist ansteckend. Kein neues Gefühl bei Werder. Schon als Nachwuchscoach kam Kohfeldt im Club bestens an, dazu wurden und werden seine fachlichen Qualitäten geschätzt. Kohfeldt war nie selbst Profi, hat es als Torwart nur bis in die Bremen-Liga geschafft. Er hat den Fußball anders gelernt, kann die Theorie aber sehr gut in die Praxis transportieren – und lässt sich dabei wiederum von Fachleuten helfen. Sein Co-Trainer ist nicht ohne Grund Tim Borowski geworden. Der 38-Jährige weiß aus eigener Erfahrung, wie Profi-Fußballer ticken.

Kleines Schmankerl am Rande: Anfang Mai, einen Tag nach dem letzten Heimspiel der vergangenen Saison gegen Leverkusen, traten Kohfeldt und Borowski gemeinsam für ihren Tennis-Club Schwarz-Weiß Bremen von 1933 an – in der Herren-Bezirksklasse. Beide gewannen ihr Spiel jeweils erst im dritten entscheidenden Satz. Eine Frage des Willens also.

Kohfeldt lebt diese Einstellung jeden Tag vor. Ohne dabei zu verkrampfen. Während des Trainings wird immer mal wieder auch gelacht. Trotz größtmöglicher Konzentration. Denn Kohfeldt fordert viel von seinen Spielern – gerade taktisch. Zwischendurch geht es ins Zelt neben dem Platz zur Videoanalyse. Natürlich sollen dann sofort Verbesserungen zu sehen sein. Das erhöht den Druck. Doch niemand klagt. Im Gegenteil. Neuzugang Davy Klaassen ist begeistert von dieser Trainingsmethode. „Wir haben danach besser gespielt“, erinnert er sich an die Folgen eines Zeltbesuchs im Trainingslager in Grassau.

Das Vertrauen in Kohfeldt scheint weiter und weiter zu wachsen. Es war bei Werder ohnehin schon groß. Weil er seine Wurzeln nicht vergessen hat und den Kontakt zum Nachwuchsleistungszentrum pflegt, drücken ihm dort fast alle die Daumen.

Auch Sportchef Frank Baumann ist ein Kohfeldt-Fan – und das nicht erst seit gestern. Er gab Kohfeldt ganz schnell einen neuen Job als U 23-Coach, nachdem dieser vor knapp zwei Jahren zunächst genauso wie Cheftrainer Viktor Skripnik und Co-Trainer Torsten Frings beurlaubt worden war. Baumann wollte Kohfeldt auf keinen Fall verlieren. Er hatte noch Pläne mit ihm – und die werden jetzt umgesetzt.

Werder nimmt so viel Geld in die Hand wie noch nie

Baumann baut den Club schon länger um, will ihn fit für die Zukunft im Profi-Fußball machen. Kohfeldt ist dabei sein wichtigster Mitarbeiter. Beide haben Baumanns Mitstreiter in der Geschäftsführung und den Aufsichtsrat davon überzeugt, jetzt zu handeln und so viel Geld für neue Spieler in die Hand zu nehmen wie noch nie. Die Gelegenheit könnte auch besser kaum sein. Durch den Verkauf von Thomas Delaney zu Borussia Dortmund für 20 Millionen Euro und wesentlich höhere TV-Einnahmen war viel Geld auf dem Werder-Konto. Andere Hanseaten hätten dieses Geld sicherlich schon weit im Voraus verprasst, aber Bremen ist nicht Hamburg, Werder nicht der HSV. Da wird lange gezögert, bis richtig viel Geld in die Hand genommen wird. Doch Baumann und Kohfeldt wird zugetraut, dass sie das richtige Händchen haben.

Baumann verlässt sich dabei allerdings nicht nur auf das eigene Gespür – und das des Trainers. Als der Ex-Profi vor zwei Jahren seinen Job antrat, da belebte er das Scouting wieder. Sein Vorgänger Thomas Eichin hatte aus Kostengründen auf eine Datenbank im Internet und Kontakten zu Beratern gesetzt. Die Scouts fütterten Baumann mit Informationen, und dann ging es Schlag auf Schlag. Es begann der Sommer der guten Nachrichten, die Fans wurden geradezu berauscht – nicht nur von Transfers, sondern auch von den Vertragsverlängerungen der Leistungsträger Milos Veljkovic, Niklas Moisander, Ludwig Augustinsson und Jiri Pavlenka.

Davy Klaassen ist Werders Rekord-Neuzugang. Für 13,5 Millionen kam der Niederländer vom FC Everton.

Davy Klaassen sticht dabei als Neuzugang natürlich hervor. 13,5 Millionen Euro überweist Werder dem Vernehmen nach an den FC Everton. Auch ohne Bonuszahlungen, die noch folgen könnten, ist der 25-jährige Niederländer der teuerste Einkauf in der Vereinsgeschichte. Für Yuya Osako legte Werder immerhin sechs Millionen Euro auf den Tisch.

Der 28-jährige Japaner ist zwar mit dem 1. FC Köln abgestiegen, galt dort aber als bester Spieler – und bewies dies bei seinen WM-Auftritten. Jede Menge Bundesliga-Erfahrung bringt auch Martin Harnik mit – dazu viel Herzschmerz. Der verlorene Sohn kehrt an die Weser zurück und trifft dort seinen besten Freund Max Kruse wieder. Was für eine schöne Geschichte... In Hannover wundern sie sich immer noch, dass Harnik für eine Ablöse von nur etwas mehr als zwei Millionen Euro gehen durfte. Harnik ist zwar schon 31 Jahre alt, aber in der Vergangenheit stets treffsicher gewesen – dazu noch ein echter Fighter.

Claudio Pizarro kommt mit Strahlkraft

Da wirken die drei Millionen Euro für Felix Beijmo (Djurgardens IF) schon als etwas zu viel. Eine Investition in die Zukunft, denn noch hat der erst 20-jährige Schwede nur angedeutet, dass er als rechter Verteidiger eine Alternative werden könnte. Auch Kevin Möhwald (1. FC Nürnberg/ablösefrei) wird zunächst nur zweite Wahl sein. Genau dafür wurde Stefanos Kapino (Nottingham Forest) geholt, doch der Grieche verletzte sich sofort. Der Ersatzkeeper sorgte damit für den einzigen kleinen Schatten in der Vorbereitung.

Doch den Gesamteindruck verändert das freilich nicht, zumal da ja auch noch Claudio Pizarro mit seiner Strahlkraft ist. Der 39-Jährige darf völlig überraschend in Bremen seine Karriere beenden – und wirkt ebenso überraschend fit. In seinem Heimathafen ist Pizarro wieder glücklich – und die Fans sind es sowieso.

Auch das gehört zur Strategie von Baumann und Kohfeldt. Sie möchten Werder wieder zu einer ganz besonderen Adresse machen. Menschlich und sportlich. „Wir wollen für einen bestimmten Fußball stehen“, sagt Baumann. Es geht um eine attraktive, offensive Spielweise, die begeistert und erfolgreich ist. Letzteres betont auch Kohfeldt immer wieder. Bei aller Euphorie schärft er regelmäßig die Sinne: „Wir müssen Ergebnisse liefern.“

Das Auftaktprogramm mit den Gegnern Hannover, Frankfurt, Nürnberg, Augsburg und Hertha könnte da kaum besser sein. Alles Teams, die mit Werder auf Augenhöhe sind. Wer weiter von Europa träumen will, muss in diesen Partien ordentlich punkten. Im Umkehrschluss bedeutet das allerdings auch: Geht Werder in den ersten Spielen praktisch leer aus, dann wird aus dem Kohfeldt-Rausch ganz schnell ein Kohfeldt-Kater. Aber Werder müsste sich zumindest nicht vorwerfen lassen, im Sommer im Rahmen der Möglichkeiten nicht alles riskiert zu haben.

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Quelle: DeichStube

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