Werder-Krise verschärft sich immer mehr – doch an der Weser bleibt es ruhig

Flasche leer!

Die große Enttäuschung war Bremens Abwehrspieler Per Mertesacker deutlich anzusehen.

Von Arne Flügge (Eig. Ber.) · Seit Wochen rubbelt und reibt sich Thomas Schaaf die Hände wund. Doch der Geist, den Werder Bremens Trainer fast schon flehend beschwört, will einfach nicht aus der Flasche springen. Der Teamspirit seiner Mannschaft hat sich verflüchtigt.

Und so sehr sich Schaaf auch bemüht, das Wir-Gefühl herbeizuzaubern, es kommt nicht zurück. Das hat die 3:4-Pleite in Gladbach gezeigt. Aus dem verschworenen Haufen, der in der Hinrunde 23 Pflichtspiele in Folge ungeschlagen geblieben war, ist eine Truppe von Individualisten geworden, untereinander nicht mehr grün, in der jeder sein eigenes Süppchen kocht. Und das hat jetzt auch den Bremer Fans den Appetit verdorben. „Wir haben die Schnauze voll“, brüllten sie im Borussia-Park.

„Ich habe den Eindruck“, sagte ein sichtlich angefressener Sportchef Klaus Allofs, „dass hier jeder nur noch sein Ding macht. Der letzte hat noch nicht begriffen, dass es so nicht geht.“

Dabei hatte Schaaf in der vergangenen Woche alles daran gesetzt, um seinen Spielern den richtigen Weg einzuimpfen: Harte Worte, härteres Training – und kurz vor dem Gladbachspiel eine Videovorführung, in der die

Unwägbarkeiten aus dem Bayern-Spiel noch einmal gnadenlos angesprochen wurden. Und doch lag Werder in Gladbach nach nur 18 Minuten mit 0:3 hinten.

Da ist die Frage erlaubt: Was haben die Bremer Profis während der Fehleranalyse vor einigen Tagen getan? Schnick-Schnack-Schnuck gespielt? In der Nase gebohrt? Was auch immer. Jedenfalls haben sie nicht zugehört. Vermutlich in der eigenen Selbstüberschätzung, dass sie es ja eigentlich besser können. Die Selbstsicherheit, dass irgendwie wie in den letzten Jahren ohnehin wieder die Wende kommt und zur Not ja noch die Pokalwettbewerbe helfen können, hat den Blick auf die tief sitzenden Probleme verschleiert.

Doch das ist nur eine Seite der Medaille. Freilich muss sich auch Schaaf hinterfragen, warum seine Maßnahmen bei den Spielern auf taube Ohren gestoßen sind. Erreicht er die Mannschaft in dieser Phase mit seinen Worten noch? Muss auch er seine Arbeit neu überdenken?

Nach fünf Niederlagen in Folge, insgesamt sieben sieglosen Spielen hintereinander sowie den schon jetzt fast verpassten Saisonzielen würden in anderen Clubs längst die Alarmglocken schrillen. Doch in Bremen ist eben vieles anders. Schaaf in Frage zu stellen, ist und bleibt tabu. Damit ist Werder in der Vergangenheit auch gut gefahren. Mit blindem Aktionismus ist niemandem geholfen. Ohnehin gibt es bei Werder offiziell keine Krisen, in Bremen gibt es höchstens mal Unruhe. „Und daher werden wir keine verrückten Dinge machen. Das betrifft auch den Trainer“, erstickte Allofs eine mögliche Diskussion um Schaaf bereits im Keim.

Doch wie ist der freie Fall zu stoppen? „In dem wir uns immer weiter hinterfragen und hart arbeiten“, antwortete Schaaf, „dann werden wir es in absehbarer Zeit auch besser machen.“ Noch steckt die Verunsicherung aber tief. Von heute auf morgen sei das nicht abzustellen. „Auch wenn man sich das natürlich erhofft“, meinte Schaaf: „Es geht zügig, sich einen guten Weg kaputtzumachen. Doch es kann dann lange dauern, wieder zurückzufinden.“

Viel Zeit bleibt allerdings nicht mehr. „Wir hinken schon ziemlich hinterher“, weiß Schaaf, dass angesichts von sieben Punkten Rückstand auf die internationalen Plätze, Eile geboten ist. Die Peitsche will der Coach dennoch nicht hervorkramen. „Es hilft nicht, Parolen rauszuhauen. Wir müssen sachlich und konzentriert bleiben.“ Eine Einschätzung, die Sportdirektor Allofs teilt. „Noch ist der Zug nicht abgefahren. Es macht daher keinen Sinn, jetzt noch mehr Geschirr zu zerdeppern“, hofft der 53-Jährige, dass bei seinen Spielern der Groschen endlich fällt.

Vizekapitän Per Mertesacker, derzeit selbst vom Krisenvirus infiziert, gelobte schon mal Besserung und nahm seine Kollegen in die Pflicht: „Wir brauchen wieder elf willige Kerle auf dem Platz, die sich gegenseitig absichern.“ Unüberhörbar eine Kritik am Mittelfeld, in dem die Kreativabteilung in den gelben Schuhen mit Mesut Özil, Marko Marin und Aaron Hunt so gut wie gar nicht mehr nach hinten arbeitet. Und in dem die etablierten Kräfte wie Torsten Frings und Tim Borowski ihrem Ruf als Führungsspieler nicht gerecht werden.

Bilder der Relegation: Knapper Wolfsburg-Sieg über Braunschweig

Bilder der Relegation: Knapper Wolfsburg-Sieg über Braunschweig

Leaks nach Manchester-Anschlag: Trump verspricht Aufklärung

Leaks nach Manchester-Anschlag: Trump verspricht Aufklärung

„Hoya ist mobil“ 2017

„Hoya ist mobil“ 2017

Treckertreffen in Dreeke

Treckertreffen in Dreeke

Meistgelesene Artikel

Furioses Finale ohne Freudentaumel

Furioses Finale ohne Freudentaumel

Luca Caldirola plus Mr. X

Luca Caldirola plus Mr. X

Wiedwald: „Können stolz auf die Rückrunde sein“

Wiedwald: „Können stolz auf die Rückrunde sein“

Nouri rechnet mit Kruse-Einsatz

Nouri rechnet mit Kruse-Einsatz

Kommentare